Kunst & Inbrunst

Gedichte zur Kunst und der künstlerischen Inbrunst nebst dem entsprechenden Leiden.

Stilleben & das eintausenddreihundertelfte Gedicht

Stilleben von Van Gogh in Potsdam

Im Pinselstrich

Und wirklich hält Farbe das Leben
Vom steten Vergehen zurück.
Sie gefriert vom verwitterten Streben
Ein spürbar erinnerndes Stück.

Nepomuk & das eintausenddreihundertzehnte Gedicht

Nepomuk Denkmal vor der Festung und altstadt von Kufstein

Meine Velozipedität

Ist's mir erlaubt, hier mein Hochrad zu parken?
Ich weiß, es beschämt Ihren flotten Jargon,
Der unlängst zerrammte einst geltende Marken -
Auch arglos scheint Höhe une provocation.

Doch hält jede Speiche hier für Demokraten -
Die Lust an der Höhe ist gar kein Affront!
Es bleibt Ihn'n der Platz, den Sie barsch sich erbaten
Als Aschenplatztestfeld fürs Testosteron.

Dies ist nur ein Hochrad, ich tät's gern parkieren!
Es pflegt mit der Gegend hier koa Liaison,
Es steht auf das Sich-für-sich-selbst-Int'ressieren
Und wenn es sich dreht, fährt es auch schon davon ...

Südfriedhof & das eintausenddreihundertsiebte Gedicht

Herbst am Südfriedhof Essen

Die Gemütlichkeit der Hingabe

Dräng' ich in die Verlorenheit
Auf wortumschmückten Spuren,
Pflückt' ausdrücklich Bedeutsamkeit
Ich über Lautgravuren,
Geläng's mit Dürers Akribie
Profanstem zu entlocken
Die angeborene Magie,
Sie kühn an Erkenntnis zu docken,
Um doch im akkuraten Schreiben
Ganz eingetaucht nur Schelm zu bleiben,
Das wär' ein ernstes Viel

Und fast schon wie ein Ziel.

Rathaus Kempten & das eintausenddreihundertsechste Gedicht

Rathaus Kempten

Meine p-Brominenz

Bin wie das p in Kempten,
Ganz kurz zu seh'n und kaum zu hör'n,
Aus Rücksicht auf den ungehemmten
Willen, hier nicht groß zu stör'n.

Bin auch das p in Jena,
In Köln hört man mich tonlos tön'n,

Denn irgendwo klatscht immer eena
Und ich nick' stumm mein "Bitteschön!".

Revolution & das eintausendzweihundertachtundachtzigste Gedicht

Friedliche Revolution - Wandbemalung am Leipziger Hauptbahnhof

Kunst und Politik, Teil II (In den Niederungen)

Beschluss der Unvereinbarkeit.
Bewusstsein der Parteilichkeit.
Von all dem milden Stuss befreit,
Bemusternd, ob die Kunst noch weiht
Mit Hochgenuss und Lust hoch Drei?

So gebet zum Beschuss sie frei!

Ihmeufer & das eintausendzweihundertsechsundachtzigste Gedicht

Ihmezentrum und Drei warme Brüder in Hannover

Alte Meister

Ich will stille Andacht halten
Vor dem Meistertum der Alten
Meister,
Wispernd: "Darum heißt'Er
So!?".
Meist perlt Meisterschaftsniveau
Von Personen, die mehr schaffen
Als die meisten andern Affen.

Und Schöpfung, die die Welt begeistert,
Viele weit're Leben meistert.

Badersee & das eintausendzweihundertsechsundsiebzigste Gedicht

Der Badersee in Grainau

Wandern & wann dann

Irgendwann, hast du gedacht, wirst du mal angemessen groß!
Irgendwann, hast du gedacht, ruft eine Stimme: Es geht los!

Es besteht kein Grund für dich, auf irgend Irgendwann zu bauen,
Aber fragt man "Gibst du auf?", entgegnest du "Muss noch mal schauen".

Westufer & das eintausendzweihundertzweiundsechzigste Gedicht

Schliersee Westufer

Zwischen den Frieden

Zum Gelingen des Lebens fehlt dir jeder Einwand
Meinen Wunschzettel scheltest du Gier
Weil den förmlichen Frieden ich etwas zu klein fand
Für die Partyausstattung vom Hier

All der Streit ward mir nicht in die Wiege gelegt
Ich nannte mich einstmals bescheiden
Was des Ärgers nicht würdig, hat mich nie zerregt
Was sollte man unnötig leiden

Dein Gezwäng aber spitzt sich aufs Kommende zu
Das mag ich dir nicht überlassen
In dem Bannkreis vom allüberstrahlenden Du
Will ich nicht noch weiter erblassen

Man muss sich nicht auf anderer Kosten verstärken
Doch hier geht es schlussendlich um Stil
Den Triumph werd' vermutlich ich nicht mal bemerken
Nur es scheint, er bedeute noch viel

Schneeeule & das eintausendzweihundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Schneeeule im Zoo Hellabrunn

Meine Söhne

Meine Söhne pflügen durch dies Weltlein
In ungeklärten Farben.
Es stand vor ihrem kleinen Heldsein
Kein Leben, eh sie starben.

Doch es tuscheln die meisten vom Geist Invaliden:
Ihnen ward so ein besseres Schicksal beschieden!

Moldauschleife & das eintausendzweihundertfünfundvierzigste Gedicht

Moldau-Wehr in Krumau

Die Riskante zu Krumau

Es lässt der Lauf der krummen Auen
Sich Gottseidank nie ganz umschauen.

Belächelt von dem weltlich raren,
Gänzlich Unberechenbaren,
Musst du den Mut zu Wasser lassen.

Man schwimmt im Unberechenbaren
Über Schlünde von Gefahren,
Die unablässig nach dir fassen.

Warum soll ich, wirst du mich fragen,
Den Sprung ins krumme Nass dann wagen?

Nun. Das ist eigentlich fast zu einfach.

Weil im Mainstream nie 'was Brillantes entsteht,
Wenn das Wasser dir nicht bis zur Riskante steht.

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