Kunst & Inbrunst

Gedichte zur Kunst und der künstlerischen Inbrunst nebst dem entsprechenden Leiden.

Danubiana & das zweitausendeinhundertunddritte Gedicht

Das Danubiana Meulensteen Art Museum bei Bratislava

Auf Planken

Ein plankiges Holzbodenbohlengeräusch
Dankt artig dem Wanken mit Klang -
Da ich mir grad meines Gangs Fortschritt ertäusch'.

Ich hangle im Tran mich entlang
Und mag die zwar planlose Holzresonanz
Als mangelndes Dasein bewahr'nde Instanz.

Denn sie zeugt jedem Schritt, den ich gehe, Präsenz
Mit sittsam wie vehement steter Frequenz.

Gern wär ich im Stande, den Holzbodenplanken
Für jenen Gesang meines Ganges zu danken.

Neue Stary Most & das zweitausendachtundneunzigste Gedicht

Die Straßenbahnspur auf der renovierten Stary Most / Alten Brücke von Bratislava

Angebiestert

Plötzlich biestert's mich an, dass ich gar nichts versteh,
Dass ich hoffnungslos rätselnd komplett überseh,
Wo Essenz vor sich seint
Und des Daseins Meriten,
Vom Stumpfsinn verneint
Und umzingelt von Nieten,
Die ich sehenden Auges nicht wirklich erkenne,
Weil ich stümperhaft Wertes vom Unwerten trenne,
Dass ich trotz voller Fahrt
In längst höherem Gange
Auf nutzlosem Grat
Nie nach oben gelange.

Mitter- und Lödenseepassage & das zweitausendeinundneunzigste Gedicht

Der Übergang von Mitter- zum Lödensee bei Reit im Winkl und Ruhpolding

Verlust & Stolz

Die wieviel größte Sünde
Ist die schnöde Vorhersehbarkeit?
Sie stößt dich ab in Gründe,
In die Ödnis verlorener Zeit.

Den Countdown deines Lebens
Macht umgähnte Zeit doppelt bewusst.
Im Dunkel inn'ren Bebens
Überschlägst du bereits den Verlust.

Du sprichst zurecht den schuldig,
Der Vorhersehbarkeit brät zur Pein.

Verbleib mit Stolz geduldig -
Ein Zuviel an Beschwerde macht klein!

Weitsee & das zweitausendneunzigste Gedicht

Am Weitsee zwischen Reit im Winkl und Ruhpolding

Was Paradiesvögel singen

In den Randbezirken von Paradiesen
Läuft man barfüßig über den Schnee,
Man kikerikit reine Lautexpertisen
Und tränkt mit Daiquiri den Klee.

Ich weiß, Spatz, du wirst dies als gestrig schelten -
Du schätzt Freiheit alleine aus Not.
Hier schält sich die Regel vom Zwang frei, zu gelten -
Und du hast hier Redeverbot!

El Cubano Nationalpark & das zweitausendsechsundsiebzigste Gedicht

Lichtspiel im El Cubano Nationalpark

Ripostegedicht auf das Gedicht "Zusammenkunft. Ostasiatischer Zirkel" von Ai Qing

Zusammenkunft in Reimen

Hier ein Grüppchen, da 'ne Gruppe,
Hier Gelaber, dort 'ne Fluppe,
Erst'res um sich selbst rotierend,
Letztere ward selbst gedreht,
Multilingual parlierend,
Da man sich auch stumm versteht.
Da Dispute sich erhitzen -
Wütend aufsteh'n ... wieder sitzen.

Und wie von Sehnsucht angefacht,
Entflammen Wut und Glut die Reden
Und jed' Wort, das miterwacht
Schürt; erzürnt und rührt hier jeden.
Um diesen vibrierenden Brutkasten schließt
Jene leblose Stadt ihren Rahmen
Im Regen, der kühl sich ans Fenster ergießt -
Sie bemüßigt sich nicht fremder Dramen,
Die heiß zu verfechten, ein Grüppchen erfrecht sich
In Paris, rue Saint-Jaques, in dem Haus 61.

Tabakernte & das zweitausendvierundsechzigste Gedicht

Tabakfeld und Trockenscheune bei Viñales mit Mogotes Bergen

Garten und Feld

Kein Feld vermag die Blütenmacht
Der Vorgärten zu brechen.
Und ebenso kann kein Ertrag
Der Anmut widersprechen.

Nur du verlangst die Relevanz
Allüberall zu ähren,
Zertrampelst stur wie ignorant
Die Geltung andrer Sphären.

Trinidad & das zweitausendeinundsechzigste Gedicht

In den Gassen der Stadt Trinidad

Memento mori cubano

Wo der Ruhm ab Geburt zum Verfall übergeht,
Ist die Oldtimerpflege ein Hobby aus Not.
Man umfleht manch Ruine, dass sie‘s übersteht,
Nutzt die Spielraumausdehnung zum Dino-Verbot ...

Jede blendende Idee besticht
Der Stachel der Verblendung,
Und jede Sensation macht dicht
Just nach ihrer Vollendung.

Doch hernach wird im Drumherum improvisiert,
Man besänftigt das Ar vor dem Mut,
Mixt sich Hoffnung an, obzwar man offenbar irrt.
Vielleicht geht, vielleicht wird: alles gut.

Alle Rechte bei Wolfgang Ramadan, der das Gedicht im Rahmen der Kubafestival-Spendenaktion von mir gekauft hat.

Loipe & das zweitausendzweiundfünfzigste Gedicht

Die Langlaufloipen um den Barmsee bei Mittenwald am Abend

Ausgemachte Spinnerei

Beweg dich nicht im Vorstellbaren -
Geh darüber hinaus!
Was willst du noch im Grundriss garen
Vom abbruchreifen Haus?

Lass uns die Pläne weiter spinnen,
Als es dem Sinn gebührt -
Und auf der Flucht ein Land gewinnen,
Noch köstlich unberührt!

Sternrad Heuwender & das zweitausendsiebenundvierzigste Gedicht

Sternrad Heuwender im Schnee

Aufbruchsdepression

Wir werden so unglaublich fernzeitig sein,
Dass uns niemand auf Bildern erkennt.
Wir machten uns freilich nie freiwillig klein -
Denn wir schrieben die Hits einer Band,
Die stetig tourt und tourt, da wir
Schon unter ferner liefen laufen.

Doch noch passt jenes prächtige Brustblattgeschirr
Zu der Treue zum Plan uns zusammenzuraufen.
Eine Kutschpartie soll was Vergnügliches sein
Und bemüht den, der vorneweg rennt.
Wir tanzten so stur in die Ferne hinein,
Dass uns niemand auf Bildern erkennt.

Piazza Bodoni & das zweitausendachtunddreißigste Gedicht

Die Piazza Bodoni in Turin

Plätze für Größe

Nun über die ganz großen Plätze zu geh'n
Nahe Statuen bedeutender Leute,
Mag ich als mein Chäncechen auf Einsicht versteh'n -
Da ich Demut aus Dümmlichkeit scheute.

Schon schärf ich geschätzten rebellischen Sinn
Unterm Schein von bewährteren Schätzen.
Dem Straßenlärm nicht mehr gewahr, denn ich bin
Auf dem Weg zu noch größeren Plätzen.

Seiten

RSS - Kunst & Inbrunst abonnieren