Internet & Technik

Machinengedichte und New Media in neuen Metren und alten Formen.

Riedlhütte & das eintausendvierhunderteinundachtzigste Gedicht

Am Kreuzotternpfad im Bayrischen Wald bei Riedlhütte

Der Influencer scheitert am Medienwechsel

Will ich wirklich viel zu viel?
Wieso ist's so TVzil? (engl. Aussprache von "TV" vonnöten)

Abmarschplatz & das eintausendvierhundertsiebenundvierzigste Gedicht

Das NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz

Veteranen am Strand

Es war Krieg, den der Sommer Vergangenheit sein lässt -
Der Frühling verspricht zu gern schiefen Triumph,
Wenn Welt sich aus Angst vor Veränderung einnässt
Und Regengefahr zwickt das Leben im Sumpf.

Es war Krieg, weil für Frieden der Anlauf zu kurz war
Und viel zu viel Sehnsucht im Sang der Soldaten -
Schon strich der Verdacht über manches Geburtsjahr,
Doch alles schrie: Davon war nichts zu erwarten!

Es war Krieg, weil dies Selfie im Album noch fehlte -
Uns drohte ein Untergang in Langeweile!
Manch Schweigen schon Feedbackkanäle entseelte -
Das Bröseln der Neuigkeit zwang uns zur Eile!

Es war Krieg, den der Sommer Vergangenheit sein lässt -
Er bescheint unsre Hände als unschuldig rein.
Es war Krieg, dessen Schuldscheinbedruckung schnell einblässt -
Wenn Zeit die Geduld frisst, wird wieder Krieg sein.

Himmel in München & das eintausendvierhundertfünfundvierzigste Gedicht

Frühlingshimmel bei Schloss Nymphenburg

The medium is the message

Nun hat über Nacht sich die Sprache geändert
Und der Brief, den ich schrieb, schwatzt verwirrt.
Sein Sinn ist von toter Beschwingtheit gerändert
Und alles verstörungsumflirrt.

Heut spreche ich längst schon in gültigen Worten.
Eine App stellt die Orthographie.
Die Umrandung wähl ich aus fast zigtausend Sorten.
Es sind Schwung und Sinn glücklich wie nie.

L'Union Estate & das eintausendvierhundertneunzehnte Gedicht

Im Schildkrötengehege vom L'Union Estate auf La Digue

Ein Wegweiser für Influencer

"Gern ließe ich von Landschildkröten
Die Zehchen mir abbeißen,
Und rissen sie an meinen Klöten
Wie Staubsauger von Dyson,
So ließ ich sie gewähren.
Den Tatzenschlag von Bären
Gäb ich die rechte Flanke hin
Und meine beiden Kiemen.
Ich hör ein "Danke!" - immerhin,
Für Lehen made by Lehman.
Den Restleib soll'n die Raben haben,
Die sich bei SAP bewarben."

Oh, all das Gerangel um deinen Verzehr, Jung -
Es ist doch am Ende für dich auch 'ne Werbung!

Anse Intendance & das eintausendvierhundertfünfte Gedicht

Blick auf den Anse Intendance auf Mahé

Die poetische Naturbeschreibung in Zeiten von Google Maps

Lieber Dichter, halt die Fresse -
Gib uns lieber die Adresse!

Olavinlinna & das eintausenddreihundertvierundfünfzigste Gedicht

Olavinlinna in Savonlinna

Neue Mieter

Das Gemäurige umeulen heuer nur noch Spatzen
Und der Trutzburg Schatz beluchsen abgezählte Katzen.
Ihren schiefen Wall umwolfen goldene Retriever
Und des Hofs Bestand gespenstern Unternehmensprüfer.
Um Bankettgelage kelchen coole Starbucks Art-Cups,
Prunkgemächer mächtizieren zwangslegere Startups.
Der Verliese Muff berittern fusselbärt'ge Hipster,
Die "Coole Location -", twittern, "voll die Athmo gibt's da!"

Dommuseum & das eintausenddreihundertvierzigste Gedicht

Im Dommuseum in Mailand

Influencer

Da ist diese Sehnsucht der jobmäßig Coolen
Im dehnbaren Nabel der Massen zu pulen.

Berliner Zoo & das eintausendzweihundertachtundneunzigste Gedicht

Gatter Zum Zoo am Berliner Tiergarten

Vom Schreiben

Ich startete im Krickelkrakelsturm meiner Gedanken,
Umarmte dann fast sehnsuchtsvoll die Planken früher Schranken.

Den angewöhnten Bogenstrich hat Tasterei geglättet,
Die kurz darauf mechaniklos zum Bildschirmpunkt geflattet.

Fürs Krickelkrakel brächte ich die Kraft wohl nicht mehr auf -
Im Kerker der Bequemlichkeit verlernt man freien Lauf.

Clouds & das eintausendzweihundertzweiundneunzigste Gedicht

Maibaum im Wasmeier-Dorf

Angebot schafft Nachfrage

Siehe da: Mein Schamhaarklon
Im Angebot von Amazon!

... und täglich flüstert mir Alexa:
"Du, ich wüsst' da einen Waxer!"

Krumau & das eintausendzweihundertzweiundvierzigste Gedicht

Blick auf Krumau an der Moldau

Reim & Insta

Ich glaube, du könntest auf Insta sehr schön sein!
Es gibt dort entsprechende Filter,
Dass all die ergriffenen Follower stöhn'n ein:
"So sweet, escht! Sin' vollschöne Bilter!"

Die reale Welt bietet nur Ungünstigkeit
Von Winkeln, Momenten und Licht.
Sie zerrt deine Aura zur Unkenntlichkeit -
Ein prosagedrucktes Gedicht.

Aber kundig posiert vor der Linse vom Smartphone
Verwäscht sich die Unförmigkeit der Figur -
Dank Portraitautomatik beglänzet dir zart schon
Feinster Glamsternenstaub deine Hilflosfrisur.

Und glaub' mir, du ließest dich sehr schön bereimen!
Denn gleich Filtern obliegt's mir als Dichter,
Die Grobporigkeit deiner Haut zu entkeimen,
Weichschönend als Wirklichkeitsrichter.

Du siehst, man hat dich falsch geboren -
Du bist zur Schönheit auserkoren!

(Gleichwohl entwertet bald das Bild,
Dass dieses halt für alle gilt.)

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