Ripostegedichte

Antwortgedichte zu Werken der großen und kleineren Poesie. Inspiriert von den Federn der anderen, monatlich vorgetragen in der Rubrik "Parade und Riposte" der Lesebühne Poetry & Parade - an jedem ersten Montag in der Seidlvilla in Schwabing.

Oachkatzl & das eintausendeinhundertdreiundvierzigste Gedicht

Eichhörnchen auf dem alten Südfriedhof

Crossover-Ripostegedicht zu Leopold Sedar Senghors "Gedicht für meinen weißen Bruder" und Robert Gernhardts "Gesetz den Fall, ihr habt ein Schaf gekränkt".

Angeschwärzt

Gesetzt den Fall, das Schaf ist schwarz -
(wie schnell fällt dann der Satz: "Das'n Fall fürs Gesetz!"?) -,
Und du weißt, weiß strahl'n all deine sichtbaren Parts,
Wenn der Schäfer fragt: "Wer's'n der Sündenbock jetz?"

Dann gibt's keinen Klär- oder Kränkungsbedarf,
Weil ein Blick unsrer Herde die Weißheit beweist:
Verbockt hat's, klar, das schwarze Schaf -
Erst recht, wenn es Obamäh! heißt!

Sagt jetzt nicht: "Schwarz ist farblich doch eh am Ende!
Da kann man sich jedwede Tönung auch schenken!
Nichts, was schwarzes Schaffen mit Chef-Sein verbände -
Da darf man ein Schaf auch mal schärfer für kränken!"

Ein gutes Wollgeknäuel zu tragen,
Liegt auf jedem Fell in der Schafe Natur,
Drum drängt euch nicht zum Kränken-Wagen -
Als stünden wir nicht vor der selben Rasur!

Kettwiger & das eintausendeinhundertzweiundzwanzigste Gedicht

Blick auf den Einstieg zur Fußgängerzone Kettwiger Straße

Ripostegedicht zu der "Lederhosen-Saga" von Börries von Münchhausen.

Lederhosen-Saga 2.0

Vaters Hose harrt noch immer
Blutgehärtet am Kamin,
Und der Wunsch dröhnt durch das Zimmer,
Sie mal wieder anzuzieh'n!
Als ein Spross vom Stamm der Reiter
Führt man die Geschichte weiter!
Die Schlächter kommen, die Schlächter vergehen -
Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen!

Das erste Blut ist, frisch geschossen,
Aus jenem armen Hirsch geflossen.
Mit Waidmannsheil in grüner Tracht -
Wie man das unter Jägern macht.
Schon effektiver stahl man Leben
Beim Treffen in den Schützengräben,
Wo man in grauen Uniformen
Und Abschlachtlaune mit enormen
Schmiss die Hose hieß zu gerben,
Um patiniert sie zu vererben.
Von Schweiß und Schlamm wie Matsch verdreckt,
Von Blut und großer Schuld befleckt.
Die Zügel konnt' man uns entzieh'n -
Doch nicht die Hose am Kamin.

Und nur ein Gen'ratiönchen später
Ward man Wiederholungstäter.
Braunbehost kläfft man // Von Rassenverpflichtung,
Fühlt sich gotterkoren // Zur Massenvernichtung.
Das heilige Beinkleid, // Vom Blut reich gesotten -
Mög'n auch die Gebeine // Im Schlachtfeld verrotten!
Es steht im Ahnenbuch der Väter:
Uns bleibt die Aussicht auf ein Später!
Denn Schlächter kommen und Schlächter vergehen -
Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen!

Schon bringt sich neues Volk in Pose
In altbewährter Reiterhose.
Und wie Münchhausen auch erwägt,
Die Farbe nun ins Blaue schlägt:
Man ist das Leben als Passant satt,
Will zeigen, wer die Hosen anhat!
Denn wir gehör'n zum Stamm der Reiter
Und führen die Geschichte weiter!
Der Wald wägt ab: Was ist den Blauen
An Blutverwandtschaft zuzutrauen?

Mag sein, man wechselt die Methoden
Die Farbnuance bei Hosenmoden:
Doch ewig glänzt des Leders Speck -
Den kriegt auch keiner davon weg!
Die Schlächter kommen, die Schlächter vergehen -
Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen!

Und diese Geschichte fing früh schon schlecht an, denn
Dem Hirsch - hat die Hose am besten gestanden.

St. Theodul & das eintausendeinhundertelfte Gedicht

St. Theodul in Davos Dorf

Crossover-Riposte zu "Der Tantenmörder" von Frank Wedekind und "Der Zauberer Korinthe" von James Krüss.

Der Krüss'sche Tantenmörder

Es hatte Herr Frank Wedekind
VerWie?-, VerWo?, Verwandte -
Doch dezimierte deren Zahl
Sein Raubmord an der Tante.

Die alte Dame war ja schon
Ganz schwi-, ganz schwa-, ganz schwächlich!
Dass dennoch ihr am Leben lag,
War hier dann nebensächlich.

Denn insgeheim war diese Frau
VerMuh!, verMäh!, vermögend.
Und ihr Geschnaufe in der Nacht
War einfach nervensögend!

Da schlachtete der Fränkieboy
Die Ton-, die Tun-, die Tante
Und hieb so tief in ihren Leib,
Dass sie massivst entspannte.

Ins schwache Fleisch der Neffe stieß
Sein Muss, sein miss-, sein Messer
Und dachte dabei mitleidslos:
"Nun geht's doch allen besser!"

Des Leichnams Schwere zerrt' er in
Den Kill!, den kal-, den Keller.
Vom Tiefgang ähnlich wie ein Grab -
Nur geht es so viel schneller!

Ja, so beerbt man vor der Zeit
VerWie?-, VerWo?, Verwandte:
Man taucht ganz einfach seinen Dolch
Ins Bauchfleisch einer Tante.

Und wenn ihr mich verurteil'n wollt,
Herr Ruch, Herr Rach-, Herr Richter,
Legt bei der Strophe Versmaß an -
Ich bin doch nur ein Dichter!

Flughunde & das eintausenddreiundsiebzigste Gedicht

Flughundebäume bei Thanamalwiwa

Und schließlich mein drittes Ripostegedicht zu Fontanes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland"

Herr von Ribbeck junior im Havelland

Herr von Ribbeck junior im Havelland
Ein Birnbaum auf seinem Erbgrund stand
Und kam die goldene Herbsteszeit
Rief er: "Ihr lieben Bauernleut'

Ward schon als Kind nicht reich an Hirnen
Doch pflegtet ihr, die weichen Birnen
Euch cool und geschwind in die Mäuler zu drücken -
Nun sollt ihr dies Zeug für die Kühlhäuser pflücken!

Ihr nennt mich zwar den Knausersohn
Doch zahl ich euch den Mindestlohn!
Der reicht für euch (plus Family)
Für ein McDonald's-Sparmenü!

Ich weiß, dass es meinen Herrn Vater nicht störte
Dass das, was ihr aßet, euch gar nicht gehörte
Doch stillt ein Empfangen von mildtät'gen Gaben
Ja nicht das Verlangen nach Mehrung von Haben!

Wer immer alles gleich verzehrt
Wohl niemals seinen Reichtum mehrt!
Ich weise den Weg euch zu kostbarer Währung
Und fort von dem Joch bloßer Rohkosternährung!

Denn kommt die goldene Herbstzeit
Stell ich euch ein zur Lohnarbeit!

Wofür du deinen Lehnsherrn lobst
Ist nicht der Freibezug von Obst!
So hat euch mein Vater zufrieden gestellt
Aber ich öffne euch nun die Tore zur Welt!"

Bald wurd'n die Blagen ründlich breit
Im Havelland, zur Gründerzeit

Und gleich wurde vom Volk er erfolgreich genannt:
Der Herr von Ribbeck junior im Havelland

Minneriya & das eintausendzweiundsiebzigste Gedicht

Seerosen beim Minneriya Nationalpark

Zweites Ripostegedicht zu Fontanes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland"

Von Birnen und Äppeln

Das Ladengeschäft namens Gravis im Tal
Führt Must-Have-Produkte (die mir recht egal)
Und kommt zur Ladenöffnungszeit
(denn zum iStore beim Rathaus ist's gar nicht so weit)
Am Laden vorbei so ein hipsternder Seppel
So flüstert's: "Kemmst eina? I geb dia'n Apple!"

Sigiriya & das eintausendsiebenundsechzigste Gedicht

Blick vom Sigiriya Felsen

R.I.P. Eckbert vom Biereck (Messer, Gabel, Schere, Licht - sind auch für stark Betrunkne nicht)

Herr Eckbert vom Biereck ein Haferl fand -
Gefüllt mit Birnschnaps bis zum Rand!
Den steckte sodann - samt sich selber - in Brand:
Des Herrn Eckbert vom Biereck stark zitternde Hand.

Der tote Elefant & das eintausenddreiundsechzigste Gedicht

Totes Elefantenbaby im Bwabwata Nationalpark

Ripostegedicht auf Rilkes "Das Karussell"

Das nächste Karussell

Gib Acht, mein Kind, wenn der Schatten dreht!
Dann hat hier im Weiler fast nichts mehr Bestand
Denn ein Bund von Gefährten erschafft sich sein Land
Und Umtrieb spricht ein Hetzgebet
Sie alle haben Wut in ihren Mienen
Und große Böen weh'n mit ihnen
Und dann und wann auch ein toter Elefant

So gart das Hier in noch stiller Gewalt
Schnurrt vor Sattheit so träge wie drückend
Maues Gebläh scheint wie in sie gekrallt

Und jedem liegt stets ein Beweis auf der Zunge
Man erhebt wie zum Schwur seine rechteste Hand
Da bölkt's wie von Zähheit gezeichnetem Schwunge

Und dann und wann auch ein toter Elefant

Wer will sich noch in Verkommenheit üben?
Wer tätschelt Gebelle mit werbenden Zungen?
Wer eint alle wachsam zerstrittenen Jungen?
Schauder und Aufstand gerier'n sich in Schüben

Und dann und wann auch ein toter Elefant

Und Volk geht hin und weiß nicht, was es wendet
Und kräht nur dreist und hat kein Ziel
Ist roh und zürnt wie vom Grauen geblendet
Und teilt sich den Traum vom gewonnenen Spiel
Ein Mahnmal wird leicht übersehen
Wenn's Wissen erblindet und verschwindet
Weshalb so ein Dickhäuter fiel

Havel & das eintausendachtundfünfzigste Gedicht

Havel bei Potsdam

Ripostegedicht zu Goethes "Zauberlehrling"

Der Laubbaumsperling

Hat im alten Zweiggeäste
Äsend Rehlein nachts gewütet?
Aufgewellt häng'n welk die Reste
Die ein Jahr lang ich behütet!
Siechen gelb und gräulich
Manche sind fast braun
Krümmen sich abscheulich
Grässlich anzuschau'n

Wackle, wackle
An dem Aste
Lös' die Last der
Toten Blätter
Da ich nicht mehr länger fackle
All das Laub zu Boden splätter'!

Seht, schon gehen die danieder
Die dem Grün ihr Kontra boten
Gänzlich frisch strahlt alles wieder
Niemand trauert um die Toten
Und in neuem Leuchten
Glänzt mein heim'lig Baum
Wie in einem feuchten
Sperlingmärchentraum!

Wackle, wackle
An dem Aste
Lös' die Last der
Toten Blätter
Da ich nicht mehr länger fackle
All das Laub zu Boden splätter'!

Kaum, dass ich mein Werk vollbracht hab'
Gilbt es schon am nächsten Zweige ...
Noch halt' ich hier eisern Wacht ab!
Was ich rasch dem Rott'nden zeige
Und mit frischem Mute
Tu ich, wie's erprobt!
Spür den Stolz im Blute
Mein Erfolg mich lobt

Rüttle, rüttle
An den Stellen
Wo die hellen
Blätter kleben!
S'soll am Ast, an dem ich rüttle
Nichts als grüne Blätter geben!

Aber wehe, noch bevor der
Nächste Tatort ist bereinigt
Dringt zu mir die höchste Order
Dass die Krone Welkung peinigt!
Und im Wipfel seh' ich
Gelb und Braun und Rot!
Denk' noch, ich sei fähig
Herr zu werd'n der Not ...

Doch dann birgt der
Ganze Himmel
Farbgewimmel
Sondergleichen!
Schon ist mein Plan ein Verwirkter!
Keine Kraft kann hierfür reichen!

Rasend schnell erbleicht das Grünen!
Mir bleibt, hilflos zuzuschauen ...
Soll wohl für den Hochmut sühnen
Dass ich Herrscher ward dem Grauen?!
Und es schwebt von selber
Nieder Blatt um Blatt!
Alle Welt wird gelber
Alle Welt wird matt

Wie ist jener
Anblick schmerzlich
Da nun leert sich
Ganz die Krone!
Baum, der einst belaubt wie keener
Zeigt sich plötzlich gänzlich ohne!

Ach, hätt' ich doch nie gerüttelt
Nie die Grenze übertreten
Nicht das Laub selbst abgeschüttelt!
Muss jetzt brav zum Meister beten:
Herr, der du verwaltest
Jedes Blatt der Welt
Gut, dass du mich schaltest!
Weil mir nun erhellt:

Sperlingschnäbel
Soll'n sich hüten
Rumzuwüten
Im Geäste!
Spüre nun der Demut Säbel ...
Danke, Meister, bist der Beste!

"Dennoch sollst du bitter büßen
Spatzenhirn, für deine Taten!
Blätter lass ich wieder sprießen
Aber du kannst lang drauf warten:
Bis es wieder grünt, sollst
Du erfroren sein!
Doch nachdem du blutzollst
Schwebt mir vor, dass dein

Reuig Sühnen
Fortan stünde
Für der Sünde
Früherkennen!
Drum soll man das Neu-Ergrünen
Dir zur Ehre Frühling nennen!"

Siegestor & das eintausenddreiundvierzigste Gedicht

Beleuchtetes Siegestor beim Corso Leopold

Ripostegedicht auf "Der Rabe" von Edgar Allen Poe - unter besonderer Berücksichtigung, dass die Hälfte der verwandten Buchstaben dem Wort "R-a-b-e" bzw. "A-b-e-r" entstammen.

Das Aber der Raben

Aber, sprach der Rabe Abel
Zu der Räbin Barbara,
Las grad eben in 'ner Fabel
Unsre Art wär charterbar
Für allerlei Schläue- und Schabernacksparten!?
Offenbar parkt dieser Poe
Unsre Stärken anderswo -
Wie sind wir an den argen Leumund geraten?

Sag an, Babs, was wir verbrachen?
War wer je so scharf auf Aas,
Dass man mitten blut'ger Lachen
Der Kadaver Braten fraß?
Was wählt Poe da Raben zum Mahner vom Schnitter?
Na, ahn's ja: 's war wieder
Das schwarze Gefieder
Klar, mag's Edgar dark, aber, Allen, wie bitter ...

Derart Warn- und Drohgehabe
Sind mir fremde Albernheit -
Trotz' ja in Charakterfarbe
Dem geerbten Federkleid!
Bei Herrn Barbarossa war ich der Entwarner!
Arbeiter im Air-Geschwader!
War gar Part von Odins Kader!
Per Vers degradiert nun zum Gräberumgarner!?

Was hat denn dieser Arsch von Poe
Uns derart anzugehen?!
Gab's an Getiere anderswo
Kein Derberes zu sehen?

Belege herbei für abnormes Betragen!
Braver Gatte, der ich war
Wie der Brabbelblagenschar
Wunderbarer Vater!
Darf nach aller Gram und Marter
Eines Rabenelternpaars
Auch im Namen Barbaras
Derer ich apart erfragen?!

Aber erwarte da besser ma' gar nix, Babs!
Außer Metapherblablakram-Gelaber!

Raben, die an raren Gaben
Mehr als andere erwarben
Bleibt nur auf der Erde Ball
Zu bestehen, überall:
Als poe-sitives Aber

Vent & das eintausendachtzehnte Gedicht

Ewiger Schneerest in der Rofenschlucht

Ripostegedicht auf "Ein alter Tibetteppich" von Else Lasker-Schüler

Der neue Balkanlaminat

Die Paneel'n, auf den'n wir liebend uns bahren,
Sind wilde Laminatbulgaren,

Die polnische Schwarzarbeit emsig verband
Mit der räudigen Note vom Billiglohnland.

Unsre fugenversunkenen Körper saugt auf
Jener holzimitatige Maserverlauf.

Süßer Lamisohn auf Sockelleistenklammerthron,
Ob nun Kunststoff uns federt oder Holz - hey, was soll's?!
Wenn Plank' an Planke ein Bund uns verknüpft?
(Und auch versiegelt ist er schon!)

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