Ripostegedichte

Antwortgedichte zu Werken der großen und kleineren Poesie. Inspiriert von den Federn der anderen, monatlich vorgetragen in der Rubrik "Parade und Riposte" der Lesebühne Poetry & Parade - an jedem ersten Montag in der Seidlvilla in Schwabing.

Moohr & das fünfhundertdreißigste Gedicht

Algen in Venedigs Lagune

Wieder einmal beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Diesmal eine erotischer Remix von Annette von Droste-Hülshoffs "Der Knabe im Moor".

Das Knabbern am Ohr

O kau ich dir am Ohr, ist's schön,
Wenn es knistert im Speichelschaume,
Schlucklaute über dein Trommelfell dröh'n
Und die Zunge entspringt ihrem Zaume,
Unter jedem Schleck ein Quellchen springt,
Wenn's rund um dein Ohrläppchen zischt und singt,
O kau ich dir am Ohr, ist's schön,
Wenn ein Röhren flüstert vom Gaume'!

Fast hold vor Liebe, erzittert das Kind;
Nun trennt es vom reinen Behage
Die Frage, wie ehrlich die Absichten sind -
Hat das Schleckermaul nicht eine Raubtiervisage?
Hat denn jemals gebändigt das Menschengeschlecht
Jenen Trieb, für den meistens ein Beutetier blecht?
"Duhu ...bist sicher nicht bissreflexblind?!
Nicht schlucken! Nur knabbern und nagen!"

Vom Kiefer starret Gestumpf hervor,
Das heimlich giert nach Gehöre,
Als Knabberei verschwand manch Ohr
Durch Riesenhungers Begehre;
Und wie fies es tief im Rachen spricht:
"Ohrmuscheln sind mein Leibgericht!"
Da bleckt der Backenzähnechor,
Da späht die Speiseröhre!

"Ohr dran, Ohr dran!" so wimmert es laut,
"Ohr dran - ach, ich will doch noch hören!
Mit wenig Genuss wird solch Knorpel verdaut,
Sein Fleisch will kein Mund gern verzehren!"
Erst lippengebändigt, hebt sich das Visier;
Da blitzt des Schneidezahns Ungetier,
Das in diebischer Absicht den Ohrrand bekaut -
Der will noch Papillen betören!

Da birst's im Ohr, den Löffel zerrt's
Herein in die klaffende Höhle;
Schon rutscht's vom Zahndamm magenwärts:
"Ho, ho, hinein in die Kehle!"
Der Knabberer schlingt wie im rohen Wahn;
Wehrhaft trutzt das Kind dem nahen Zahn,
So befreit es die Kraft des sich sperrenden Pferds
Und gewährt, dass kein Ohr an ihm fehle.

Da endlich Grunz-Erotik wich
Der bübischen Zärtlichkeits Weide,
Die Leidenschaft stimmt heimelig,
Der Knabberer steckt in der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Ohr zurück
Doch dorthin zieht's ihn echt kein Stück:
Denn am Gehör schmeckt's fürchterlich,
Und schaurig war's für sie beide!!

Bahnhof Niederhone & das fünfhundertelfte Gedicht

Bahnhof Niederhone

Frisch von einem Tourwochenende zurück, beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Neckischerweise gelüstete ihnen nach einem Antwortgedicht zu einem nicht-existenten Text, nämlich "Max und Moritz" von Wilhelm Busch. Crossover-Wünsche erzeugen Crossover-Lyrik:

Eine maxistische Romitze

Als sie fast acht Streiche miteinaden
Vollbracht unter mancherleuts Buh'n
Kam Ihnen das Subversive abhanden
Wie andern Witwen ein Hahn oder Huhn

Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
Das war früher angenehmer
Anerkannt als Prüfungsthema,
Juveniles Sich-Probieren
Will die Welt ja akzeptieren
Doch dies wandelt sich zum Bösen
Wenn man Kind schon längst gewesen

Sie sahen sich an und wussten nicht weiter
Versuchten sich an alter Kinderei
Man war ja bereit und wurd immer bereiter
Man tat bisher, doch empfand nichts dabei

Das Ritzeratze! voller Tücke,
Füllt nicht mehr die Sinnes-Lücke
Und das Schneider, meck, meck, meck! -
Scheint ein schaler Daseinszweck
Auch der Pfeiffen stopf, stopf, stopf!
Sättigt keinen hellen Kopf
Der schon bald verkommt zur Fratze
Trotz der Käfer, kritze, kratze!

Man winkt ab statt gekonnt aus dem Fenster zu schiffen

"Ach, wen trifft's schon in unserem Viertel nach vier?"

Die Zeit in dem Kaff, die verbracht man mit Kiffen.

Nebenan übte Lehrer Lämpel Klavier.

Max klagt Moritz: "Wehe, wehe
Ob ich das noch lang durchstehe?
Unsre Streiche sind doch Kacke!"
Drohend klingt's schon Rickeracke!
Von der Mühle, die die beiden
Schier zergrübelt über Leiden
Jeder krault sich noch ein Ei
Und wünscht sich den Tod herbei

Jeder denkt, die sind perdü!
Aber nein! - Noch leben sie!
Auch wenn's dünkt, es sei vorbei
Mit der Übeltäterei

Sie ging'n oft ins kleinste Kittchen am Ort

Manch Richter schien das so zu passen
Als Insassen war'n sie kaum fort, wieder dort

Sie sassen für alles, mit Ausnahme Mord
Und konnten es einfach nicht lassen.

Ellmau & das fünfhundertfünfte Gedicht

Skifahren in Elmau am Wilden Kaiser

Von den Zuschauern der Lesebühne "Poetry & Parade" wurde sich vor Kurzem ein Ripostegedicht zu Leonard Cohens "Halleluja" gewünscht. Anlässlich des nahenden dritten Jahrestags meiner München-Übersiedlung wurde daraus ein fröhlich auf die Karaokeversion des Songs zu singendes Lied über meine hiesige Integration - die sich mit dem gestrigen sonnigen Ski-Ausflug ins nahe Elmau freilich nochmals gefestigt hat, wie der Rückreisestau aus Münchner KFZ-Kennzeichen bewies.

Luja! (My Bavarian Integration)

Zunächst hab ich stets das "Grüß Gott!" überhört
Und mit "Juten Tach!" meine Nachbarn verstört
Nun sag ich selbst "Servus!" und denk gehört irg'ndwie dazu, wa?

Das ist noch nicht Einsicht, da ist auch kein Zwang
Ich spreche kein Bayrisch und fang's auch nicht an!
Doch diesen Schritt geh ich - wag mich mit 'nem Hellen dazu, ja

Und dann sog i "Luja!", sog i "Luja!"
Sog i "Luja!", sog i "Lu-u-Jodler-ja!"

Ich hab auch die Kunden beim Bäcker verstört
Für mich war's ironisch - doch sie war'n empört
Ich dacht; wenn ihr so was nicht rallt, seid ihr einfach nicht cool, wa?

Nun werd ich dort längst wieder höflich empfang'
Man sagt zu mir "Saupreiß!", doch küsst mir die Wang!
Geht ungefragt zu meinem Biertisch, gesellt sich dazu, ja

Und dann sog i "Luja!", sog i "Luja!"
Sog i "Luja!", sog i "Lu-u-Jodler-ja!"

Erst wusste ich nicht, was "a Reherl" wohl ist
Und wie man "sei Weißwurscht" denn artgerecht frisst
Doch vor zwölf was Warmes - da kommt man ja eh nicht oft zu, wa?

Nun ess ich mein Radi und Steckerlfisch auch
Den Obatzten ramm ich mir pur in den Bauch
Gebt mir noch a Brezn und stellt mir ein Helles dazu, ja?

Und dann sog i "Luja!", sog i "Luja!"
Sog i "Luja!", sog i "Lu-u-Jodler-ja!"

Mein Leben lang habe ich "CHina" gesagt
"CHemie", "Walentin", "Wiktualienmarkt"
Heut tu ich das nur noch zum Spaß, weil für Euch klingt das schwul, wa?

Das ist noch nicht Einsicht, da ist auch kein Zwang
Ich spreche kein Bayrisch und fang's auch nicht an!
Doch diesen Schritt geh ich - wag mich mit 'nem Hellen dazu, ja

Und dann sog i "Luja!", sog i "Luja!"
Sog i "Luja!", sog i "Lu-u-Jodler-ja!"

Nikolaus & das vierhundertneununddreißigste Gedicht

Isarwehr

Ripostegedicht zu "Knecht Rupprecht" von Theodor Storm, dessen abschreckende und erzieherische Wirkung über die Jahre etwas einzusacken droht.

Magd Knappragd

Magd Knappragd hieß das böse Vieh
Ihr Defizit an Empathie
Empfahl sie schon früh
Als mit echtem Vergnü-
Gen züchtigend prügelnde Knechtassistentin
Obschon 's Gottes Sohn echt krass empfand, wenn sie'n
Sperriges Gör mit dem Schlagring bedrohte
Es hieß: "Bei der Knappragd gibt's irgendwann Tote!"

Wo der Rupprecht sich manchmal das Schlagen erspart'
Blieb die Strafe der Magd immer unverzagt hart
Sie nahm mit ihren ehernen Prügel
Die Unartigkeit wahrhaft stramm an die Zügel
Auch entlockten ihr weder Gejammer noch Tränen
Je mehr als ein zähneentblößendes Gähnen
Geriet auch mancher Schaden groß
Die Magd blieb standhaft gnadenlos

Es müssen, ganz klar, im beruflichen Leben
Grad gewalterzieh'nde Frauen
Selbstlos immer alles geben
Und doppelt hart wie gerne hauen

Doch es mehrten sich erstmals auch kritische Stimmen
Dass der Chor der Schmerzensschreie
Vom schändlich adventlichen Blagen-Vertrimmen
Unser Weihnachtsfest entweihe ...

Jahrs drauf - da war autoritär
Plötzlich nicht mehr populär
So dass Magd Knappragds Boss beschloss
Nicht fortzufahren wie bisher
So sehr man's jahrelang genoss
Der Weihnachtsmarkt gäb's nicht mehr her
Man dürfe die Trends unsrer Zeit nicht verschlafen
Und der Nachfragerückgang an härteren Strafen
Sei so eklatant
Dass man letztlich befand
Im Züchtigungssektor 'ne Stelle zu streichen
Denn eine Kraft würde da allemal reichen
Wenn in dieser Phase der Harmonie
Hier jemand zu viel ist, so sicher doch sie

Magd Knappragd, die ja nücht mehr jung
Verstand sich nur auf Züchtigung
Bald machte man ihr klar, sie war
Nicht anderwärts vermittelbar

So musst', da die joblosen Tage sich jährten
Ihr hartes Herz noch mehr verhärten

Und neue Kinder kam'n ins Land
Gewannen gar die Oberhand
Kaum abgeworfen von den Storchen
Wollten die nicht mehr gehorchen
Knecht Rupprecht, der alleine war
Fühlt' alsbald sich 'nem Burn-Out nah
Er rief: Ey, Christkind, überreiz
Hier nicht die Geschichte vom heiligen Geiz!
Diese Gör'n sind so blöd wie verhaltensstur
Kackfrech, gierig und entgrenzt im Verhalten
Hey, wir hab'n doch grade Konjunktur!
Und die Zeit, einen Stellenausbau zu gestalten
Um dann zu vollbring'n, was die Eltern nicht schafften
Die Satansbräten zu entsaften
Jene vorlauten Paschas mit ADHS
Die quenglig-verwöhnte "ich mag nicht"-Comtesse
Die - so wie DU! - egomanisch verdorben!

Nun, Magd Knappragd hat sich auf die Stelle beworben ...

Marienplatz & das vierhunderterste Gedicht

U-Bahnhof Marienplatz

Ripostegedicht zu Novalis "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren"

Wenn doch vor Zahlen und Figuren ...

Wenn doch vor Zahlen und Figuren
Gefügig alle Dichter spuren ...
Als Pagen ihrer Gagen müssen
Grad sie, die's eig'ntlich besser wissen
Den Furor zähmen zum bequemen
Für-den-Sponsoren-zurück-sich-Nehmen
Wenn dann sie auch in den Metaphern
Versuchen, Großes nachzuaffern
Kopieren sie in ihr'n Gedichten
Die immergleichen Weltgeschichten
Doch verbleibt die Inbrunst unversehrt
Jenes selige Geifern
Und tolle Ereifern
Für Stil und Genie
Aber auch Anarchie
Dass Figuren und Zahlen
Werd'n wertlose Schalen
Schreibt der dichtende Wicht
Dieses eine Gedicht ...
Dann sei er trotz allem für dieses verehrt!

Camp Amoureux & das dreihundertdreiundfünfzigste Gedicht

Fyling Sifaka

Sifaka im Camp Amoureux. Ein Ripostegedicht zu Bert Brecht.s "Erinnerung an die Marie A.".

Marie A. frisst ihre Kinder

Die eine Wolke weiß ich noch ...
Die als Schäfchen vom Land auf das Meer rausgetrieben
Der Verkleinerung trotzend - um schließlich dann doch
Ihrer Auflösung nachgab, bis nichts mehr verblieben
Als weitere Wolken, die ich noch erinner'
Jenem Schicksale folgend, dass keine Gewinner
Am Himmel von mir zu melden waren ...
Nur Berichte von Helden und Wolkengefahren

Bis zum Abend vom Meer eine ungeheuer weiße Front
Eroberte den Horizont ...
So viel wolkige Allmacht, vom Himmel besessen!

Ach, könnt' ich doch all diese Wolken vergessen ...

Tegernsee revisited & das dreihundertundachte Gedicht

Tegernsee

Ripostegedicht zu "Überlass es der Zeit" von Theodor Fontane.

Übernimm es mal selbst

Ja, doch die Zeit ist auch irgendwann rum!
Dann stehste da, Theo, und denkst dir: "Tja, dumm ...

Hätt' ich beizeiten mal etwas gedrängt
Mich durch all die andern nach vorne gezwängt

So wäre auch ich mal zum Zuge gekommen!"
So haben sich alles die andern genommen

Denn leider hat all deine Zeit-vergeht!-Thesen
Von denen, scheint's, irgendwie keiner gelesen

Und kommt dir das Glück all der andern zu Ohren
Erscheint dir Entgang'nes gleich doppelt verloren

Kreuzberg & das dreihundertundvierte Gedicht

GSW-Hochhaus in der Rudi-Dutschke-Straße

Ripostegedicht auf Der römische Brunnen von Conrad Ferdinand Meyer.

Der römischere Brunnen

Es prasselt, es pläddert und plätschert und spritzt
Und sammelt sich erst auf der untersten Stufe
Sind Stile der Wasser kreativ bis gewitzt
Sprudelt es über und drüber! Ich rufe:
Ey, kennt keiner den Herrn Meyer mehr?!
Den Becken-Eins-bis-Drei-Verkehr?
Was soll sich hier an Sinn entfalten
Wenn keine Wasser innehalten
Und nicht ihr Fluss zur kurzen Rast
Von Marmorschalen wird gefasst?
Wenn alles nur strömt und gar nichts mehr ruht
Ist das für das Image des Brunnens nicht gut!
Dies hat sich seit Jahr'n als Metapher bewährt ...
Wie schon der Herr Meyer höchst trefflich erklärt

Rilke & das zweihunderteinundneunzigste Gedicht

Tegernsee

Neue Serie: Riposte-Gedichte. Heute zum Rilke-Gedicht Herbsttag

Herbst#

Zerr' her ein "-heit"! Unsre Zeit schreibt sich groß.
Weil ja jede Befindlichkeit Thema sein muss,
Und lass den Schreibfluss der Blogger drauf los.

Jedem Laut erlaub' laut Endung ein Vollwort zu sein;
Gib allen den Glauben an eigne Geschichten
Lass die Spuren zum öligen Ich sich verdichten
Und füll mit Geheule die Fässer für Wein.

Wer jetzt noch nicht drin ist, der kommt nicht mehr rein.
Muss allein mit den Eltern im Facebook-Chat bleiben,
Kann eh ma' zum Thema nur lamen Kram schreiben
Und wird App-umrauscht alleene sein
Nicht checkend, was die andern treiben.

Weimar & das zweihundertzweite Gedicht

Goethe & Schiller Denkmal Weimar

Die Klassiker und ihre Evergreens im Remix.

Heideglöcklein

Sah ein Knab ein Röslein stehn
Concordia soll ihr Name sein
"Willst, feiner Knab, du mit mir gehn
Die Stadt vom Tyrannen befrein?"

Halb zog sie ihn, halb sank er hin
"Gestehe, dass ich glücklich bin."
Seht, er läuft zum Ufer nieder
Alle Menschen werden Brüder

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