Ripostegedichte

Antwortgedichte zu Werken der großen und kleineren Poesie. Inspiriert von den Federn der anderen, monatlich vorgetragen in der Rubrik "Parade und Riposte" der Lesebühne Poetry & Parade - an jedem ersten Montag in der Seidlvilla in Schwabing.

Teetisch & das sechshundertzweiundsiebzigste Gedicht

Von der Tate Modern

Ripostegedicht zu "Sie saßen und tranken am Teetisch" von Heinrich Heine unter der Vermutung, dass Heine sich nur aus semantischen Gründen den Lapsus eines identischen Reimes (Teetisch - ästhetisch) leistet. Es war natürlich der rein reimende Stehtisch gemeint, dessen Nutzung durch Sitzende Heine unstatthaft, wenn nicht kriminell, erschien.

Wir saßen und tranken am Stehtisch

Wir saßen und tranken am Stehtisch
Und kamen so lieblos uns vor
Denn fraglos war's wenig ästhetisch
Wie der Tisch an Bedeutung verlor

Wie negierten frech alle Semantik
Und bestuhlten, wo aufrecht man steht
Der Plattenbau moserte grantig:
"Ey, wenn ihr nicht steh'n wollt, dann geht!"

Charlottenburg & das sechshundertdreiundfünfzigste Gedicht

Straße in Charlottenburg

Wandrers Nachtlied. Der Spreepark-Remix

Über allen Schienen
Ist Ruh,
Und in bemoosten Fahrkabinen
Ahnest du
Schlummern Fahrtwindturbulenzen.
Alle Statik
Starrt und knarrt
Dir und uns den Riesenrat:
Jeder stößt an seine Grenzen.

Vor dem Tore: Kassenhäuschen.
Die warten schon lange
Auf Wärter und Schlange
Und wundern sich: Kerl, wat'n krasset Päuschen!

Hier liegt
Des Vergnügens Mumie
Zu Ruinen aufgebahrt;
Die Dinos verrotten im Walde.

Warte nur, balde
endet auch für dich die Fahrt.

Pichola See & das sechshundertfünfundvierzigste Gedicht

Pichola See Bei Uidapur

Ripostegedicht zu Erich Kästners "Maskenball im Hochgebirge"

Am Mittwoch nach Maskenball

Ab Mittwoch wär wieder was frei im Hotel
Und man freue sich auf den Besuch
Die Tanzabende vorerst zwar ohne Kapell'
Doch Schnee gäb's noch immer genug

Im Garten wär jetzt so ein Massengrab
Und auch manch totes Reh
Der Vollmond vom Maskenball nähm wieder ab
Im Gegensatz zum Schnee

Du zweifelst: "Vielleicht fahr'n wir doch nicht dorthin?
Der Hausherr heißt Erich, mein Bester ...
Ich bin in solch Vers-Tecken nich so gern drin
Denn der Mörder ist immer der Kästner!"

Hanuman-Languren & das sechshundertvierundvierzigste Gedicht

Hanuman-Languren

Ripostegedicht zum berlinerischen Kindergedicht "Der Klops"

Der Leberkäs

Da hock i, ess an Leberkäs
Es klopft, i brumm: "Wer's'n'dös?
Zur Brotzeit kimmt mia keina nei!"
I öffne nur mei Maul und schrei:
"Schleich di, du Lackl, sonst gibt's a Fotzn
Mann, isch tu disch inne Fresse rotzen!"
Und weitaus noch weniger freundliche Sachen
Entfahren samt Leberkäs-Fetzn mei'm Rachen
"Ja, mei", denk i, i denk: "ja, mei
Wos'n dös jetzt fia a bleedes Geschrei
Mit dem man mia hia mei Brotzeit versaut?!"
Ers war es leis, nu is es laut ...
Und i denk, wo i grad mei Pistoln schon wollt zieh':
"Der, wo hia schreit - dös bin ja i!"

Forst & das sechshundertzweiundzwanzigste Gedicht

Pullacher Forst

Ripostegedicht zu "Mondnacht" von Joseph von Eichendorff.

Mondnacht bei Hausarrest

Der Eichendorff hat Hausarrest
Und einsam ist's im Wald
Heut lobt kein Vers das Blattgeäst
Als göttliche Gestalt

Die Linde rauscht bedeutungslos
Der Linda droht das Gleiche
So all des Sinnens Schwere bloß
Ohn' Dorffpatron der Eiche

Die Vögel weiten - nur zum Test
Die seelenlosen Flügel
Und alle finden Hausarrest
Viel grauslicher als Prügel

Draußen Essen & das sechshundertzehnte Gedicht

Brombeeren

An Anne Bude (Schwitters im Twitterformat)

Anne Bude, schönet Gör
tust den ganzen Pott versorgen
mit Geklön, Gedöns und möhr
Danke, Anne – und bis morgen!

Ringelnatz & das fünfhundertsiebenundneunzigste Gedicht

Im Englischen Garten

Ein Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade zu "Morgenwonne" von Ringelnatz gewünscht haben. Diesmal gleich doppel-ripostiert: inhaltlich mit meinem Gedicht-Tryptichon "Die verkaterten Morgen", "Im Bade" und "Spätes Frühstück" - sowie formal:

Rohachim Natteritz: Morgenwonne

Die Wachtel ist ins Gnu verknallt
Das Huftier hat 'ne Klatsche
Was sehr verlockend sei, doch bald
Zerschürft es sie zu Matsche

Ein Kackekicker macht 'nen Schmu
Und balanciert am Grate
Zum "Schlagt dem Wicht die Augen zu
Bei einem Attentate!

Auf rauer See ein Schifflein wippt
Das hat, was vielen blühe
Ein Ungeheuer angenippt
Zerstückelt in der Frühe

Rückert & das fünfhundertdreiundvierzigste Gedicht

Wörthsee Erholungsgelände Oberndorf

Ripostegedicht zu Friedrich Rückerts "Du bist die Ruh" - ein formaler Zwilling.

Du bist die Uhr

Du bist die Uhr
Hältst niemals still
Die Sucht, die stur
Nach vorne will

Ich eil zu dir
Du bist zu schnell
Schon fern vom Hier
An andrer Stell'

Stockt der Verkehr
So schiebst du an
Vom Hinterher
Kommt nichts voran

Treibst an den Schmerz
In deiner Brust
Spamst voll dein Herz
Bis dein Bewusst-

sein, angezählt
Ins Nichts gelangt
Von Zeit gepfählt
Der Hülle bangt

Moohr & das fünfhundertdreißigste Gedicht

Algen in Venedigs Lagune

Wieder einmal beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Diesmal eine erotischer Remix von Annette von Droste-Hülshoffs "Der Knabe im Moor".

Das Knabbern am Ohr

O kau ich dir am Ohr, ist's schön,
Wenn es knistert im Speichelschaume,
Schlucklaute über dein Trommelfell dröh'n
Und die Zunge entspringt ihrem Zaume,
Unter jedem Schleck ein Quellchen springt,
Wenn's rund um dein Ohrläppchen zischt und singt,
O kau ich dir am Ohr, ist's schön,
Wenn ein Röhren flüstert vom Gaume'!

Fast hold vor Liebe, erzittert das Kind;
Nun trennt es vom reinen Behage
Die Frage, wie ehrlich die Absichten sind -
Hat das Schleckermaul nicht eine Raubtiervisage?
Hat denn jemals gebändigt das Menschengeschlecht
Jenen Trieb, für den meistens ein Beutetier blecht?
"Duhu ...bist sicher nicht bissreflexblind?!
Nicht schlucken! Nur knabbern und nagen!"

Vom Kiefer starret Gestumpf hervor,
Das heimlich giert nach Gehöre,
Als Knabberei verschwand manch Ohr
Durch Riesenhungers Begehre;
Und wie fies es tief im Rachen spricht:
"Ohrmuscheln sind mein Leibgericht!"
Da bleckt der Backenzähnechor,
Da späht die Speiseröhre!

"Ohr dran, Ohr dran!" so wimmert es laut,
"Ohr dran - ach, ich will doch noch hören!
Mit wenig Genuss wird solch Knorpel verdaut,
Sein Fleisch will kein Mund gern verzehren!"
Erst lippengebändigt, hebt sich das Visier;
Da blitzt des Schneidezahns Ungetier,
Das in diebischer Absicht den Ohrrand bekaut -
Der will noch Papillen betören!

Da birst's im Ohr, den Löffel zerrt's
Herein in die klaffende Höhle;
Schon rutscht's vom Zahndamm magenwärts:
"Ho, ho, hinein in die Kehle!"
Der Knabberer schlingt wie im rohen Wahn;
Wehrhaft trutzt das Kind dem nahen Zahn,
So befreit es die Kraft des sich sperrenden Pferds
Und gewährt, dass kein Ohr an ihm fehle.

Da endlich Grunz-Erotik wich
Der bübischen Zärtlichkeits Weide,
Die Leidenschaft stimmt heimelig,
Der Knabberer steckt in der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Ohr zurück
Doch dorthin zieht's ihn echt kein Stück:
Denn am Gehör schmeckt's fürchterlich,
Und schaurig war's für sie beide!!

Bahnhof Niederhone & das fünfhundertelfte Gedicht

Bahnhof Niederhone

Frisch von einem Tourwochenende zurück, beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Neckischerweise gelüstete ihnen nach einem Antwortgedicht zu einem nicht-existenten Text, nämlich "Max und Moritz" von Wilhelm Busch. Crossover-Wünsche erzeugen Crossover-Lyrik:

Eine maxistische Romitze

Als sie fast acht Streiche miteinaden
Vollbracht unter mancherleuts Buh'n
Kam Ihnen das Subversive abhanden
Wie andern Witwen ein Hahn oder Huhn

Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
Das war früher angenehmer
Anerkannt als Prüfungsthema,
Juveniles Sich-Probieren
Will die Welt ja akzeptieren
Doch dies wandelt sich zum Bösen
Wenn man Kind schon längst gewesen

Sie sahen sich an und wussten nicht weiter
Versuchten sich an alter Kinderei
Man war ja bereit und wurd immer bereiter
Man tat bisher, doch empfand nichts dabei

Das Ritzeratze! voller Tücke,
Füllt nicht mehr die Sinnes-Lücke
Und das Schneider, meck, meck, meck! -
Scheint ein schaler Daseinszweck
Auch der Pfeiffen stopf, stopf, stopf!
Sättigt keinen hellen Kopf
Der schon bald verkommt zur Fratze
Trotz der Käfer, kritze, kratze!

Man winkt ab statt gekonnt aus dem Fenster zu schiffen

"Ach, wen trifft's schon in unserem Viertel nach vier?"

Die Zeit in dem Kaff, die verbracht man mit Kiffen.

Nebenan übte Lehrer Lämpel Klavier.

Max klagt Moritz: "Wehe, wehe
Ob ich das noch lang durchstehe?
Unsre Streiche sind doch Kacke!"
Drohend klingt's schon Rickeracke!
Von der Mühle, die die beiden
Schier zergrübelt über Leiden
Jeder krault sich noch ein Ei
Und wünscht sich den Tod herbei

Jeder denkt, die sind perdü!
Aber nein! - Noch leben sie!
Auch wenn's dünkt, es sei vorbei
Mit der Übeltäterei

Sie ging'n oft ins kleinste Kittchen am Ort

Manch Richter schien das so zu passen
Als Insassen war'n sie kaum fort, wieder dort

Sie sassen für alles, mit Ausnahme Mord
Und konnten es einfach nicht lassen.

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