Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Pfalzgrafenstein & das eintausendvierhunderteinundneunzigste Gedicht

Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub

Äußerstes Erinnern

Es schrumpfte die Zeit deine Kindheit zusammen
Auf ein Dutzend probater Momente,
Die je einem großen Erlebnis entstammen,
Das sich jäh aus dem trägen Fluss trennte.

Deine frühe Erzählung ist längst schon beschränkt
Auf ein paar ausgerissene Seiten.
Deren Restauration wird beharrlich bedrängt
Von den Windstößen rasender Zeiten.

Bei St. Goarshausen & das eintausendvierhundertneunundachtzigste Gedicht

Feld auf dem Rheinsteig

Familienpensionen

Das "Guten Morgen!"-Gepfeiffe in Familienpensionen
Erfolgt immer zu laut und zu früh.
Aber trotz seines Einfalls in schmerzhafte Zonen
Wird's wohlig verdaut zum Gebrüh
Der allerabstrusesten Kaffeeversuche.

Und das ist's genau, hey, warum ich euch buche!

Die Abwesenheit allen Strebens nach oben
Lässt in dieser Welt sich nicht hinlänglich loben.
Sicher sah ich schon besser gespieltes Gemeine -
Doch die Bodenhaftung als Wärme-Event
Beschämt das durchdachteste Rundum-Designe
Und schafft Heime, die man vorm Betreten schon kennt.

Moosach & das eintausendvierhundertsiebenundachtzigste Gedicht

Fußgängerüberweg bei Moosach

Urlaub 4

Schon sind alle Fünfe grade,
Schon ist es das zweite Eis -
Sonnenbad, mit Schokolade.
Bald schon ist's vorbei, ich weiß.

Friedenskirche & das eintausendvierhundertsechsundachtzigste Gedicht

Die Ost-West-Friedenskirche, auch bekannt als Kirche von Väterchen Timofej, ist eine Kapelle in München-Oberwiesenfeld.

Urlaub 3

Hier ist das Geringste schon höchst fotogen
Und wir stellen uns immerzu Fragen.
Chirurgisch detailt sich ein lustvolles Seh'n,
Umströmt von Gedöns wie Behagen.

Tenghimmel & das eintausendvierhundertdreiundachtzigste Gedicht

Ausblick aus meinem Bürofenster auf die Tengstraße

Partykeller

Wie verödet sind nun unsre heitersten Säle,
Als wär'n alle Feste entflogen -
Sodass mein Erinnern, aus dem ich erzähle,
Klingt sehr dubios bis verlogen.

Räume sind nicht die gleichen mehr ohne Personen.

Dieser Satz ist so einfach addiert.
Sie behagen den Leben, die sie rasch durchwohnen -
Und danach sind sie mumifiziert.

Goldsteig & das eintausendvierhundertachtzigste Gedicht

Am Goldsteig Wanderweg im Bayrischen Wald bei Riedlhütte

Verjährendes Gedicht

Die Zeilen in der Erde sind
So unerreichbar da -
Wiewohl kein Wort ich wiederfind',
Ihr Sinn bleibt weiters nah.
Es reicht die Tiefe im Verlust
Von selbst nicht ans Verloren.
Stell dich in seinen Schein, du musst
Nicht extra danach bohren!

Sommerwind & das eintausendvierhundertsiebenundsiebzigste Gedicht

Im Englischen Garten, Nordteil

Zwischen den Spaghettigängen (Heya, Enrico!)

Zwischen den Spaghettigängen
Spielst du mir das Lied vom Tod
Mit wiederkehr'nden Binnenlängen
Im Endlosschliff als Zugangscode
Zu fast mantrösem Spannungsdrill -
Unfassbar laut und greifbar still.
Als Blasebalg in Atemnot
Zu mundharmonischbangen Klängen
Wattiert mich das Dessertverbot
Zwischen den Spaghettigängen.

Love/Hate & das eintausendvierhundertzweiundsiebzigste Gedicht

Love/Hate-Skulptur am Landesmuseum

Säumiges

Ach, ich gewahrte viel zu spät:
War heut glatt ohne Schreibgerät
Zum Dichten aufgebrochen!

Schon kam da angekrochen:
Ein lang vermisster Geistesblitz -

Den in Ermanglung an Notiz
Ich bis zu meiner Rückkehrstund
(als bloß vom Glück bescherten Fund)
Ins Hirn mir tätowierte,

Derweil ich stur flanierte -

Im Kopf nur diese eine Zeile
Nebst meinem Willen, diese heile
Noch zu Papier zu bringen.

Es sollte mir gelingen.

Doch der Vers, den ich brav hab behalten für Stunden,
Wurd' dann schon recht bald für nicht tauglich befunden.

Sein wahrer Wert war offenbar,
Dass er so sehr gefährdet war.

Schweinebucht & das eintausendvierhundertachtundsechzigste Gedicht

Schweinebucht bei Übersse am Chiemsee

Partyerwachen

Die aufgekratzte Stimmung war
Am Morgen schon verschorft,
Da späten Glucksens Immerdar
In neues Elend morpht.

Verdampfte Ausgelassenheit
Macht Kopfverbände klamm,
Bis jemand "Nicht zu fassen!", schreit,
"Ich hau die Brut zusamm'n!"

Wenn Übermut im Unterschaum
Mit Scham sich arrangiert,
Fühl ich im fortgewünschten Raum
Mich sichtbar bandagiert.

Olympiasee & das eintausendvierhundertsiebenundsechzigste Gedicht

Fauna im Olympiasee

Der Verweigernde

Wenn die Krise sich brav vor der Hoffnung verneigt,
Ist der Teilrückzug längstens beschlossen.
Doch dein Schicksal hat wieder mal alles vergeigt,
Frönt nostalgisch den kalkigen Possen.

Du bist eigentlich Opfer vergangener Zeit,
Doch dein Leid biestert schwungvoll ins Heute.

Jeden Währungsverlust nennst du Aufrichtigkeit
Und betonst, dass sie dir was bedeute.

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