Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Fremdling & das eintausendzweihundertneunundfünfzigste Gedicht

Katta im Zoo Hellabrunn

Schwermütigkeit

Ich benötige rasch etwas Körper in mir,
Meine Haut ist vom Leiden so leer.
Und nun drängle ich quengelnd durchs Gästequartier,
Als gäb' es die Hausbank nicht mehr.
Hier gehören doch andere Lösungen hin,
Wenn der Alltag sich so übernimmt,
Dass sein ganzes Gehöft sich entledigt vom Sinn
Und nichts mehr im Blutkreislauf stimmt!

Bin wohl längst nicht mehr bei mir, finde auch nicht zum Du -
Gewiss ist alleine die Störung.

In die Ferne rückt frühere Sehnsucht nach Ruh -
Alles zerdrückt von Empörung.

Schneeeule & das eintausendzweihundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Schneeeule im Zoo Hellabrunn

Meine Söhne

Meine Söhne pflügen durch dies Weltlein
In ungeklärten Farben.
Es stand vor ihrem kleinen Heldsein
Kein Leben, eh sie starben.

Doch es tuscheln die meisten vom Geist Invaliden:
Ihnen ward so ein besseres Schicksal beschieden!

Echinacea & das eintausendzweihundertdreiundfünfzigste Gedicht

Sonnenhut im botanischen Garten in Krumau

Dem Altvorderen

Ich erinnere fast bis zur Physis hinein
Dein mir geltendes Lächeln, ein Tollpatsch zu sein.

Doch nie beschämte mich dies Bild
So nährreich, lehrweich, altersmild.

Moldauschleife & das eintausendzweihundertfünfzigste Gedicht

Blick auf Krumau an der Moldau

Im letzten Sommer

Die Wespen schwärmen hungrig aus
Und stehlen den Motten ihr Licht.
Selbst der kundigste Waidmann trägt nichts mehr nach Haus,
Er sieht sich nicht mal in der Pflicht.

Der Sommer schwenkt das Hungertuch,
Doch schon längst wird an Zähnen genagt.
Treuer Unmissverstand ziert des Jahreslaufs Fluch,
Der hatte im Schatten geparkt.

Du predigst stoisch Zuversicht,
Aber irgendein Jahr gilt zuletzt.
Wie der Frühling uns einwebt im einstfernen Licht,
Verschanzt sich der Zauber vorm Jetzt.

Du traust dem Kreislauf alles zu,
Doch ein Blatt fällt, das scheint überreizt.
All das Wespengeschwirr billigt mir keine Ruh.
Vor Herbst wird der Stammbaum verheizt.

Rückstände & das eintausendzweihundertneunundvierzigste Gedicht

Das letzte Fass, das wir tranken

Das letzte Fass

Das letzte Fass Bier, das wir leerten,
Steht gedanklich auf meinem Balkon.
Wir war'n nicht die tiefsten Gefährten -
Doch der Durst ward nicht mürbe davon.

Das letzte Fass Bier, das wir leerten
So, als stürbe schon morgen die Chance,
Wenn wir sie uns heute nicht währten
In dem blinden Eck meines Balkons.

Der Durst ist mir seither geblieben.
Als Erinnerung, die wir gestillt.
Als Rat, dieses Dasein zu lieben,

Weil's drinnen schon bald nicht mehr gilt.

Gartenausgang & das eintausendzweihundertsiebenundvierzigste Gedicht

Englischer Garten, Ausgang Schwabing

Summer's End

Es herbst schon wieder in die Welt -
Dieser Schlag lässt sich nicht mehr parieren.
Wie dünn sich heut der Tag erhellt!
Im Himmelhochblau zelten Schlieren.

Ein Abschied wiegt sich ins Gemüt,
Dessen Umfang wir noch nicht erkennen.

Wie stets ist es gefühlt verfrüht,
Sich jetzt von den Gärten zu trennen.

Frühnebel & das eintausendzweihundertdreiundvierzigste Gedicht

Frühnebel beim Münchner Flughafen

Requiem

Die Geschichte ist plötzlich verschwunden,
Verteilt auf leere Seiten -
Doch an keinerlei Richtung gebunden
Im Raum sich auszubreiten.

Sonnenwende & das eintausendzweihundertsechsunddreißigste Gedicht

18. Juli 2019

Die Vollkommenheit

In die herrlichsten Gärten, die der Sommer beblüht,
Wird das Abendrot sehnend sich senken -
Dort auch im Verdruss oder niederschlagsmüd
An vollkommene Schönheit nur denken.

Sommergewitter & das eintausendzweihunderteinunddreißigste Gedicht

Sommergewitter im Anzug

Rechnen lernen müssen

Ich kann jetzt rechnen im Bereich
Der negativen Zahlen
Und setz' ein schiefes Kleinergleich.
Das vordem auszumalen,
War alltagsfernste Theorie.

Die Subtraktion reicht übers Nichts
In unbegrenzte Leere
Als Härtegrad gelöschten Lichts.
Dass Null der Endpunkt wäre,
Ward alltagsfernste Theorie.

Südblick & das eintausendzweihundertdreißigste Gedicht

Blick auf Essen

Kurs halten

Du hast das Steuerrad tapfer gehalten
Bis zum bittren Moment, da du gingst.
Kurz darauf war wie unberührt wieder beim Alten
All die Richtung, an der du so hingst.

Doch, es kommt auf die paar Grade Unterschied an!
Nein, es ähneln mitnichten sich Wellen!

Man muss sich verpflichten zu sehen - und dann
Die Zeiger der Uhr danach stellen.
Und sei's nur zur Kur dieses eigenen Lebens.
Erscheint's uns auch kurz, war's doch niemals vergebens.

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