Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Meknes & das eintausendachthundertsechsundfünfzigste Gedicht

Bab Mansour In Meknes

Der Mutwillen kleinster Stücke

Ich bin ein verlorenes Königstorsteinchen,
Mich sieht man erst, seit ich dort fehle.
Ich spür den Verbund nach so vier bis acht Weinchen
Als längst überwund‘ne Querele.

Doch keimt in mir irgendwie auch der Verdacht,
Man sähe die Arbeit, die einst sich gemacht,
Erst durch die entstandene Lücke.

So stützt die Beachtung wie Achtung der Massen,
Dass sie von den Ausscherern wurden verlassen;
Die Mutwilligkeit kleinster Stücke.

Chefchaouen & das eintausendachthundertvierundfünfzigste Gedicht

Medina von Chefchaouen, die blaue Stadt

In Rick‘s Café

In einer von der Wirklichkeit nachgebauten Kulisse
Sagtest du, ich wisse
Doch, an diesem Rahmen sei nichts wahr. -
Wie doch grad Welt in ihm geschah.
Die schmiegte aus lauter Romantikgefühl
Sich körperkomplett ins Attrappengewühl ...

Muffatwerk & das eintausendachthundertachtundvierzigste Gedicht

Schornstein vom Muffatwerk

Abwägungen

Ach, dass das, was du verdienst, sich im Dasein verringert
Zu dem, was ich zu verrichten
Am Grenzpfahl in der Lage bin!
Dass ich für dich immer vom Gabentisch sing, hat
Genau wie das Dichten
Nicht allzu viel Sinn.

Man muss nicht nehmen, was man hat -
Man hat, was man sich nimmt.
Und hofft dann, dass das Resultat
Im großen Kosmos stimmt.

Seeoner Seen & das eintausendachthundertzweiundvierzigste Gedicht

Seesteg am Kloster Seeon

Workloadrutsche

'ne Kohleladung Arbeit raste ratternd durch den Schacht. -
Als schwarz der Staub sich legte, war das sicher schon nach acht. -
Es scheint der Raum für immerdar und allezeit to-dostert. -
Ich huste putzig Bluesmusik und fühle mich so rußsatt.

Wegeauswahl & das eintausendachthundertsechsunddreißigste Gedicht

Isarauen und Isarkanal von der Großhesseloher Brücke

Wenn brotlose Kunst kucht

Ich schraube dein bloß episodisches Glück
Auf einen Streich um in so episch.
"Das ist Zauberei!", schmeichelst du nun zurück. -
Ich nenn' es ganz simpel poetisch.

Ausbeute II & das eintausendachthundertdreiunddreißigste Gedicht

Mein Geburtstagsblumenstrauß

Ruhe finden

Ach, gelänge es doch, meine Wahrnehmungsschwelle
Unter den Irrsinn zu senken,
Um all dem zu laut angesetzten Gebelle
Nicht Be-, noch Verachtung zu schenken!

Eine Armlänge & das eintausendachthundertdreißigste Gedicht

Statue "Eine Armlänge", Erwin Olaf "Unheimlich Schön" in der Kunsthalle München

Abwischabsichten

Wenn ich putze, bau ich auf gnädige Flecken. -
Denn die, die mir trutzen, um härter zu necken,
Verlachen mein Scheuern als krasses Versagen
Und zwing'n mich, die Sache erneut zu vertagen.

Tageuhr & das eintausendachthundertneunundzwanzigste Gedicht

Uhr im Innenhof des Deutschen Muesums

Sommerversagen

Mit dem lausigsten Knausern schleicht
Die Sonne sich aus diesem Jahr.
Und vom ewigen Kauen durchweicht,
Schält sich schäbig der maue Etat
Von seiner geschmacklosen, pampigen Frucht
Aus nährstoffergrauter wie sparsamer Zucht.
Die werd ich zum Spaß heut genussentwöhnt essen
Und unversöhnt dieses Jahrs Pläne vergessen.

Filmpalast & das eintausendachthundertvierundzwanzigste Gedicht

Filmpalast Sendlinger Tor

Seele der Säle

In zehn Jahren kennt hier dann niemand mehr Polster
Und nuckelt nur am Digitalen,
Abhold der Komforts, derer ehemals tollster
Ist Teil des Tributs, den die Kalkfresser zahlen.
Und vorhanglos lügt sich zum Plan gegen Brände:
Der weltweite Rückzug in eigne vier Wände.

Doch werd ich die Logen, Parketts sowie Ränge
Mit meinem Gedächtnis auch weiter belegen.
Erinnerte Wucht jener Bilder und Klänge
Wird mich durch die Reizarmut flammend bewegen.

Antikensammlung & das eintausendachthundertdreiundzwanzigste Gedicht

Die Staatlichen Antikensammlungen im Kunstareal München

Als Entschuldigung

Es erschrickt mich mein Hartherzigkeitspotential,
Dieses mitleidsloseisige "Is mir egal",
Das mit "Gönn dir!"-Tusch ankriecht, mein Ich zu erfreuen -
Doch schon vorm Triumph abstürzt in tiefstes Bereuen.

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