Grusel

Mysteriöses, Düsteres und Unheimliches. Gruselgedichte!

Kroko & das eintausenddreiundachtzigste Gedicht

Krokodil am Yalla Nationalpark

Die Entscheidungskinder

"Hängst du heut die Leiche ab?", hat Mama gefragt.
"Mach's doch selber", mault' der Knab, "wenn's dir nicht behagt!"
"Willst du wieder mir zuwid're Widerworte geben?!
Ganz wie der Papa? Mein Kindchen, häng dich doch daneben!
Du versprachst, den kalten Mann baldigst zu entsorgen!"
"Mach ich auch!" "Dann sag mir, wann!" "Weiß nicht. Vielleicht morgen."
"An dem Haken könnte längst schon eine Lampe hängen -
Nacht und Tag werd ich dich, Sohn, zur Entscheidung drängen!"

Yalla & das eintausendneunundsiebzigste Gedicht

Leopard im Yalla Nationalpark

Leopards

Durchs Gestrüpp huscht ein Schatten gefährliches Sein
Als ein mahnendes Ahnen: Du bist nicht allein
Und durch Reißzähne zischeln sich düstre Geschichten

Hier horten sich Handstreiche, dich zu vernichten

Du kannst hier nur zurück und vor
In deinem schmalen Korridor
Und beiderseits entleert sich Wald

Und jederherz schweigt sehr sehr bald

Giardino Giusti & das eintausendsiebte Gedicht

Im Giardino Giusti

Die Kameseilie

Von der Einsicht, die Welt würde immer vorangeh'n
Sah ich vier Kadaver versinken
Man konnte ein Leben ihn'n wirklich nicht anseh'n
Doch träum' ich seither vom Ertrinken
Meine Sorge um sie
Führt des Nachts die Regie
Und obschon auch mein Bett Traulichkeiten umsteh'n
Seh' ich um sie Blaulichter blinken

Von dem Mantra, der Fortschritt schlüg' goldene Routen
Sah ich drei Metalle verblassen
Schon wollt' ich dem Kelch kein Getränk mehr zumuten
Erschrocken von gültigen Massen
So als ging's Stück um Stück
Auch schon wieder zurück
Doch waren nicht wir hier und immer die Guten?
Wer könnte grad uns ernsthaft hassen?

Aus dem Glaube, der Drall läs' sich aus den Geboten
Sah ich, wie zwei Seiten sich lösten
Wie läppisch sprach sich das Gedenken der Toten
Bevor sie den Schlachtplan entblößten

Aber eins sah ich noch
Das verhinderte doch
Dass wir mit der Anderen Dämm'rung verrohten

Da wir in die Schlusssequenz dösten

London revisited & das neunhundertvierundneunzigste Gedicht

In der Tate Modern

Todschick

An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
Mit "Kann ich Ihnen behilflich sein?"
In der Fremde oft schnell in Erklärungsnot
Gelang mir zur Antwort ein griffiges "Nein,
Ich schaue mich vorerst hier nur etwas um."
(Und brauch dazu kein Publikum!)

"Aber gerne!", entgegnete denkbar devot
Und von Dienstleistungseifer beseelt
Der fortan nicht mehr von mir weichende Tod
"Sie melden sich, wenn Ihnen irgendwas fehlt?
Wir hab'n jede Krankheit von Krebs bis Katarrh
Auch noch in andren Größen da!

Und ich weiß ja, man zögert es gerne heraus
Auch Ernsthaftes mal zu ertragen
Doch schlussendlich ist's ja für viele im Haus
Die letzte Chance etwas zu wagen!
Das Leben ist kurz - heißt das elfte Gebot!"
Bekräftigte nochmals wie freundlich der Tod

Und obschon ich ihn anfangs mit Argwohn beäugt
Fühlt' ich mich auch etwas geborgen
Er hat schon Millionen von sich überzeugt
Und erlöst von der Last aller Sorgen

Also ging ich zur Probe
In seine Garderobe
Nahm mir das nächste Stück und fand
Dass dieses mir schon prächtig stand
Wie jedes Stück der Kollektion -
Das ist vielleicht des Alters Lohn

An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
Und machte mir ein Angebot
Mir war bis dato gar nicht klar
Wie nahe ich ihm da schon war

Schöner Brunnen & das neunhundertneunte Gedicht

Schöner Brunnen in Nürnberg

Die Überzeugten

Voll Verhängnis bergen Schatten
Ohnehin verlor'nes Sein
Und es dringt die Flut der Ratten
Durch das Tor des Zornes ein

Satt umrülpst sie die Empfängnis
Schlingt die Brut in einem Rausch
Und ihr Wille wird Gefängnis
Zielgewissheit lenkt den Tausch

Längst rückt mit gezückter Sichel
Blutgeschwärzter Mondschein ein
Meuchelt Zweifel wie Gestichel

Später auch die Engelein

25 Irrspiegel & das achthundertsiebzigste Gedicht

Skyline Schwabing

Roaring Houses

Die Häuser verlassen nun ihre Gemäuer
Und der Korridor schlüpft durch die Keller
Das Wachstum der Steine ist ewig Gesetz
Was sie stoppte, macht heut alles schneller

Die alte Bescheidenheit wendet sich heuer
Gegen jegliche Form von Respekt
Die Räumlichkeit schluckt nun ein tieferes Netz
Das im Jenseits der Sinne versteckt

24 Augenwerk & das achthundertachtundsechzigste Gedicht

Innenhof Schloss Blutenburg

Ohne Worte

Derweil meiner Fresse die Zähne zerfielen
Und ein Pilz aus dem Lippenriss spross
Schälten sich von meiner Zunge die Schwielen
So kam's, dass ich schweigend genoss
Und nach und nach Loch um Loch wiederbefüllte
Und Essensrestnester mit Wundfleisch umhüllte

Weil aber den Zerfall eine Zähheit befraß
Die jeden Sporn Hoffnung vermüllte
Kam's, dass ich um Hilfe zu schreien vergaß

20 Wandgewürm & das achthundertvierundsechzigste Gedicht

Stuttgart Schlosspark

Natürliche Hauslese

Es lesen die Maden in meinen Wänden
Ein Rezeptbuch für tödliche Wunden
Verwesendes steht erst in späteren Bänden
Selbst Mädchen zähl'n da zu den Kunden

12 Querwasser & das achthundertsechsundfünfzigste Gedicht

Schadlose Tat

Da ist schon Gewalt, wenn sich unangesprochen
Nasses Laub auf Befangenheit legt
Da kommt jede Ahnung als Angst angekrochen
Und wird auch beständig gepflegt

Die gut Situierten und anmaßend Rohen
Sie sippeln an Smoothies aus wortlosem Drohen
Und ihr Schweigen spricht: Füg dich, sonst mach ich dich kalt!

Eine Tat ist nicht nötig, da ist schon Gewalt

11 Denkverhinderung & das achthundertfünfundfünfzigste Gedicht

In den Isarauen

Das Gären

Unterm asphaltischen Wegekonstrukt
Regt sich verbotenes Denken
Noch halten die Mägen, die alles geschluckt
Noch kann man es ungestört lenken

Doch

Über kurz oder lang lässt sich's nicht mehr verdecken
Denn es bläht und es furzt schon aus allerlei Ecken

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