Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Piste & das siebenhundertsechsundvierzigste Gedicht

Piste in Ellmau

Schneegeräusche unterm Ski

Schneegeräusche unterm Ski:
Manchmal wattig, manchmal "iieh!"

Manchmal sirrt der Schnee und schnurrt
Manchmal knirscht er leicht geknurrt

Mal unterhakend mit stapfigem Pappen
Mal widersagend per karstigem Schrappen

Mal unterläuft ihm ein quietschendes Schmatzen
Dann - oft gehäuft - nur noch garstiges Kratzen

Mal bleibt er lautlos und kühl wie ein Strich ...
Nun - das zählt als Geräusch ja nich'!

Nein, derer gibt es dann bloß acht
(Sofern ich da jetzt keinen Fehler gemacht)

Tor 24, 24 Zeilen & das siebenhundertachtunddreißigste Gedicht

Weihnachten in der Karibik

A Christmas Carol

Umbrandet vom üblichen Weihnachtsgeschwafel
Sitzt festlich gewandet der Bub an der Tafel
Unverwandt im Bann des Drangs
Das Ziel des Stilles-Örtchen-Gangs
Zum Anlass zu nehmen, mal online zu gehen

"Mensch, kannst du dem nicht einmal heut widerstehen?!"
Mahnt der Geist der Weihnacht der Gegenwart
Der diesen Schritt zu überlegen erbat
Weil die Zeit, die man sich fürs "Schnell Mails checken!" borgt
Den Rest der Gesellschaft beschämt und besorgt

"Du fühltest als Kind doch", ergänzt nun der Geist
Der vergangenen Weihnacht, "schon fast wie verwaist
Wenn zum Fest nicht mit Ernst und mit Aufmerksamkeit
(und natürlich Geschenken!) bespickt war die Zeit!
Zahlst du nun die Gänze vom kindlichen Glück
In knapp portionierten Momenten zurück?!"

Und der für die Zukunft zuständige Geist
Zeigt, was das für kommende Weihnachten heißt:
"Da zahlst du dann für virtuelle Zeit
Mit sehr realer Einsamkeit!
Und mailst nur noch per send & bounce
Mit Werbebots und Fake Accounts!"

Da grimmt der Bub nicht mehr länger der Tafel
Und stimmt mit ein in das Geschwafel ...

Tor 22 & das siebenhundertsechsunddreißigste Gedicht

Märchenwelt der Linzer Grottenbahn

Im Friedrichshainer Märchenbrunnen, restauriert

Hier, zu Hufen von vier Hirschen
im Rondell mit andren Tierschen
küssen sich d' Liebespärschen
und erzähl'n sich wieder Märschen
Turteln sich was zwischen niedlischen Putten
glauben sich das, zwitschern friedlisch vom gutten
Gefühl, das zwischen ihnen herrscht
Ob davon auch der Hirsch was merscht?

Da steht der drüber, liegend zwar
links, rechts – als je entzweites Paar
das keines Blickes würdigt sich
im Abgewandtsein brüderlich

Doch wer sieht auch die Hirsche? Man kommt ja hierher
um d' Putten zu gucken, zu rätseln, welch Mär-
chen sich hinter jedweder sandsteingefestigt
verbirgt und verbürgt, dass das Happy End mächtig
ist und techtelmechtig bleibt
Egal, was sie und ihn noch treibt

Nur: panta rhei – hier in Kaskaden
Wer alles will, der nimmt auch Schaden
Die Hirsche wird's nicht interessier'n
die musst' man auch nicht restaurier'n

Tor 19 & das siebenhundertdreiunddreißigste Gedicht

Märchenwelt der Linzer Grottenbahn featuring Frank Klötgen

Dem König

Das Königreich einer entgrenzt grellen Schönheit ward ausgeraubt von der Dezenz
Längst schwappt durch Gemächer der einstigen Höh'n eitler Wankelmut der Prominenz
Gehässig macht sich Lässigkeit
Mit grässlich vermessener Aneignung breit

Wohl bleibt die Verstörung dir weiters erhalten, der Stolz beim Durchschreiten der Flure
Doch insgeheim heißt es: "Der hat doch 'n Knall!", wenn die Ehrlichkeit klafft ins Gehure
Niemand kann sich wie die Zaren
Das schale Verständnis des Fußvolks ersparen

Es ist dein forschplump Für-nicht-möglich-Gehalt'ne nur das Für-nicht-nötig-Befund'ne
Dem üppig belipglossten Mündchen entschallt es: "Du hässliche Dreckswelt, gesunde!"
Doch diese Wiesen gibt's nicht mehr
Und die Prärien sind waidlos leer

Wer wär ich, mich hinterrücks hier zu verbrüdern - mit dir, du mondänster Mandant!?
Du schwelgst deine Zepterlast durch das Kopfübern, Regent vom verlorenen Land!
Ich schmücke nur das letzte Wort
Im absolutistisch verbliebenen Hort

Versteht meine Verse nicht als ein Verneigen
Dem Dichter gilt nur, das Entschwund'ne zu zeigen

Und über den Wert dieser Dinge zu schweigen

Tor 15 & das siebenhundertneunundzwanzigste Gedicht

Linz Donaubrücke

Ein Tief überm Hochofen Duisburg­Nord

Ein Tief überm Hochofen Duisburg-Nord.
Sieht aus, als geschieht hier heut Nacht noch ein Mord ...
Fauchend stiebt Glut sich durch Eisen und Schlacke,
Ein Schummel-Schimanski seufzt planlos: "Attacke!"
Und das Tief schaufelt Wolken aus Finsternis.

Schummrig erzählen erwählte Relikte,
Von Marxloh schrillt willig ein türkisches Fest,
Am Straßenrand lungern nach Hochfeld Geschickte,
Und stets flüstert einer: "Das ist nur ein Test!"
Ständig bleckt der Überbiss.

Und dann ist auch das wieder alles Geschichte.
Als Tatort verdorrt – nur noch Hort der Gedichte
Von Arbeit, Arbeit, Migration,
Vom Strandurlaub im Ungewiss –
Wer länger bleibt, der kennt es schon.

Tor 14 & das siebenhundertachtundzwanzigste Gedicht

Bambuslemur

Bambule vs. Bambuslemur

Du zerbrechlichster Sprössling der Tagesschicht
versprichst du dir Sprossen? Hier kommt ein Gedicht:

Es scheint dir so artfremd – das Tollen und Zanken
Tja, seine Familie sucht sich niemand aus
Beschwerde führt schüchtern ein wisperndes Janken
so zartig, so artig, so "Hältst du's noch aus?"

Man sorgt sich doch unweigerlich:
Ist die Welt nicht gefährlich für einen wie dich?
Ob hier am Busen der Natur
für einen Bambuszwerglemur
der Wind nicht gar zu garstig weht
wo alles sich um Darwin dreht?

Doch dessen Herz konntest du scheinbar erweichen
Das mag zum Überleben reichen

Tor 13 & das siebenhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Sifakas

Entlarvte Sifakas

Wenn nur nicht dieses Tanzen wäre ...

Dieses tolgepatschelte Hupfgesacke
dieses hoppladihoppelnde Hickedihacke

... gebührte dir die ganze Ehre
erlauchter Dornen-Eminenz
von weiserweißer Exzellenz

So superduper, so perwollig
du personifiziertes Drollig
huschst schwere- und lautlos auf samtenen Pfoten
mit höchster Höhen Haltungsnoten
In den Wipfeln bewegst du dich allzu schön

Doch will dich jeder tanzen seh'n
Am Boden

Tor 8 & das siebenhundertzweiundzwanzigste Gedicht

Blick von der Ilkahöhe

Anschluss Mannheim, vier Minuten

Anschluss Mannheim, vier Minuten
Umsteigzeit. Nun, das heißt: sputen!

Nur heißt's auch bei fünfzig Prozent meiner Fahrten:
"Der Zug nach Berlin konnte leider nicht warten"

Sechzig Minuten im Bahnhofsgebäude
den Dealern von Kaffee und Brötchen zur Freude
Die bilden die Lobby, so lässt sich vermuten
für anschlussausschließende Umsteigminuten

Im Reichstag & das sechshundertzweiundneunzigste Gedicht

Berliner Reichstag

Dem dolcen Feudel

Per Schlange fädelt man sie ein
Metalldurchdoktort komm'n'se rein
Von Luftboys werd'n'se aufgezogen
Verwendelt und im Schritt gebogen
Kreisenhaft aufs alte Haus
Kaum sind'se drin, schon schau'n'se raus

Vom Reichstag verkuppelt
Janz eene Wolke

Trau'n zu, dass der Bau hält:
Dem deutschen Volke

Der Berliner Neptunbrunnen & das sechshunderteinundneunzigste Gedicht

Der Berliner Neptunbrunnen

Nichtstun und Neptun

Um mich vom Nichtstun auszuruhn
flaniert' ich heut zu Neptuns Brun'n

Kandiert von Kalk und Grünspans Zier
hockt ungeduscht im Muscheltier:
Neptun. Und wartet aufs Waten im Zufluss
(man weiß nich', wassersonsso als Wassermann tun muss ...)
spricht ein Machtwort an die Kinder, die sich um ihn gruppieren
"Nich' Schuppen hier – die überlasst ihr den Tieren!"

Vom Erdgeschoss her reckt sich ringsum Reptil:
Schildkröt', Schlang' und Krokodil
Fehlt zoologisch noch 'ne Echse
Dann guck'se nach und wat entdeck'se?

'n Seehund. Hinterm Neptun und
denks': Was'n da der Hintergrund?
und andrerseits: Is' doch mal schön –
so ohne Grund 'n Seehund seh'n!

Einmal um Neptuns Brunnen rennen
kann man nu' auch nich' Nichtstun nennen
Ich wünsch' (mein Tagwerk ist erbracht)
'ne schlecht gereimte Gute Nacht!

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