Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Fürstenberg & das fünfhundertneunzigste Gedicht

Postamt Fürstenberg an der Havel

Im Tempelgarten zu Neuruppin

Lieg' erschöpft im frisch Gemähten
forsch reckt sich das Überstand'ne
Ob auch die, die dies hier säten
schätzten das Nicht-Mehr-Vorhand'ne?

Wie viel Lieger lagen hier
zu Apollons Füßen?
Wie viel Mal gelingt es dir
Wiederseh'n zu grüßen?

Kommst vielleicht nie wieder her
lauschig war's, doch austauschbar
Draußen lockt so viel Noch-Mehr
sagst du dir – wie jedes Jahr

Schön wär's nur, wenn ich zum Ende
solche Ruhe wieder fände
mitten frisch geschnitt'nem Gras

Dass, wenn ich siech niederliege
sanftes, leichtes Heimweh kriege
nach dem Sommer dieses Jahrs

Gaugrau & das fünfhundertdreiundachtzigste Gedicht

Im Gau

Da sitzte
Im Gau
Und weißt ja genau
Das verspritze
Blut
Ist Brut
Einer doch zu intensiven
Spitzfindigen, dringlich tiefen
Narbennahen
Nabelschau

Bauer A spricht wütend: "Wei,
Siagst as - so a Sauerei!"
Bis es allen ähnlich graut:
"Gut, dass wir noch nachgeschaut!"

Dir, gerühmter Analyst
Reicht man Blümchen und du bist
Nach der Wand aus Rand-Misstrauen
Und dem Mist in andren Gauen
Immerhin
Mittendrin

Chamarel Falls & das fünfhundertachtzigste Gedicht

Chamarel Falls

The Fall of the Mountain King

Heissahopsa, Hochkultur!
Volles Rohr: Anspruch pur
Kriegt doch keiner mit, wenn man ihm selber nicht ganz treu
Bibliophil und stilblasiert
Subversiv, engagiert
Aber vom Prinzip auch nicht so nigelnagelneu

Mundgemalte Sprachgebilde
Handwerkskunst im xsten Jahr
Schutzpatron der Reimergilde
Metrummäßig ein Eklat!

Selig integriert im Slam
Mit Trara und Plemmplemm
Aber viel beseelter als manch Lyrik-Stupendent
Der devot nach Lehrplan schreibt
Subvention'n einverleibt
Stell Dich Deiner Inbrunst, Himmelherrgottsakrament!

Schür'n Leonce-und-Lena-Preise
Nicht allein die Produktion
Nie geles'ner Dichtergreise?
Sämig handzahm sind sie schon

Weber & das fünfhundertvierundsiebzigste Gedicht

Webervogel

Unter Vögeln

Ach, das ist ein schöner Zweig!
Den schnäbel' ich schnell auf und zeig
Ihn meiner kleinen Vögelfrau
Die grad beim drögen Nesterbau
Von highlight-loser Zeit gestresst
Und ständigem Geäste-Test:

"Passt das von Ton und der Couleur
Zu unsrem Wohnungsinterieur?
Ist's einzufügen, einzubinden?
Wird er dies Stückchen Stöckchen finden
Das in das Nest am besten passt?!"

"Was hälste denn von diesem Ast?"

Ich leg ihn vor ihr hin und schweig
Schon stöhnt sie: "So ein schöner Zweig ...!"

Rückert & das fünfhundertdreiundvierzigste Gedicht

Wörthsee Erholungsgelände Oberndorf

Ripostegedicht zu Friedrich Rückerts "Du bist die Ruh" - ein formaler Zwilling.

Du bist die Uhr

Du bist die Uhr
Hältst niemals still
Die Sucht, die stur
Nach vorne will

Ich eil zu dir
Du bist zu schnell
Schon fern vom Hier
An andrer Stell'

Stockt der Verkehr
So schiebst du an
Vom Hinterher
Kommt nichts voran

Treibst an den Schmerz
In deiner Brust
Spamst voll dein Herz
Bis dein Bewusst-

sein, angezählt
Ins Nichts gelangt
Von Zeit gepfählt
Der Hülle bangt

Blüte & das fünfhundertzweiundvierzigste Gedicht

In voller Blüte

Unauslöschlich. Ein Frühlingsgedicht

Nun, natürlich hatte ich Frühling geordert
Doch irgendwie bin ich grad voll überfordert
Denn mit der Flut der Lebensjahre
Verstummt der Mut der Ausschussware
Und Jämmerliches klagt sich ein
Als Dauergast im Kämmerlein

Wie maßlos und wie ungestüm
Prasst nun manch Knospen-Ungetüm
Vorm abgeklung'nen Lebensschwung
Bin sehr, sehr lang schon nicht mehr jung

Ich neide ihm, wie viel an Kraft
Er aus dem Nichts beisammen schafft
Als wüchse jedes Jahr die Mast
Des Frühlings oder der Kontrast
Zu mir, in dem sich nichts mehr regt
Der sorgsam seinen Garten pflegt

Man muss für das Preisen vom heiligen Schein
Ja gar nicht selbst beteiligt sein
Und manche Pracht zeigt sich erst gerne
Aus unauslöschlich weiter Ferne

Eigengewächse & das fünfhundertvierzigste Gedicht

Alter Nordfriedhof im Frühling

Westend Girl

Du integrierst dir das Viertel als sei es ein Ganzes
Sagst: "Fehl'n dir die Worte zum Glück, ey, dann tanz es!"
Neckst die, die sich niemals dem Hier stellen mussten
Und erlöst altes Denken aus lokalen Krusten
Du bewahrst noch dein Kopftuch, doch machst auch FKK
Nennst das bislang Servierte zu schal und zu starr
Du gönnst dir ein "Sehr gut" im schlechten Betragen
Und reizt deine Schwestern, die nicht genug wagen
Veralberst ihr Klammern an Uralt-Verboten
Und kriegst doch zum Ende die besseren Noten
Du musst dir damit nicht mal selbst was beweisen
Und burschikos signalisierst du den Greisen
Und Würde-trag'nden geistig Alten:
"So, Schnuffis, jetz ma Fresse halten!"
Weil Tradition und Religion
Wir instinktiv zu oft verschon'n
Aber du bist ein Profi im Hürden-Passieren
Kannst lässig die lästige Würde verlieren
Wo immer du stehst, geht es nur noch um dich
Und dein Bruderherz lobt: "Die hört eh nicht auf mich!"
Du bist die wahre Westend-Queen
Mit den Füßen in München, im Kopf in Berlin
Du pegelst das Viertel, lachst, wie simpel das ist:
"Das Herz zu den Herzen - und der Mist auf den Mist!"

Buchmesse 2017 & das fünfhundertneununddreißigste Gedicht

Buchmesse Leipzig 2017

Die erste Version von "Slammed!" ist vollendet - passenderweise zur Leipziger Buchmesse. Und ein Verlagsvertrag unterschrieben ...

Stammwürze

Ich würze nur mit Petersilie und Lauch
An schwierigen Tagen geht a Liebstöckel auch
Doch Majoran und Koriander
Bringen's zu sehr durcheinander
Das brauch ich gar nicht zu entdecken
Hat auch der fremder Länder Brut Flut
'Ne Freud dran, hin und her zu schmecken -
Ich weiß, was meinem Magen gut tut
Und das Normale schmeckt nur fad
Weil es in einer Ordnung harrt
Ein Teller ist halt kein Bazar
Wenn's euch gefällt - na, wunderbar!
Ich muss nichts Unbekanntes kauen
Vom Tellerrand nach sonstwo schauen

Ich würze nur mit Petersilie und Lauch
Und an schwierigen Tagen tut's a Liebstöckel auch
Vom Würzen wird der Mensch nicht satt
Grad, wenn es keine Ordnung hat
Und Majoran und Koriander
Die machen schwirr und durcheinander
Was soll man da jetzt übertreiben?
Was richtig war, darf's doch auch bleiben
Integrieren ist löblich, nur nicht gleich ins Essen
Wir haben hier so was auch sonst nicht gegessen!

Mag sein, dort locken arabische Schätze
Und da asiatischer Kräuterfuror
Erspart mir die Mätzchen osmanischer Meze
Ich muss auch nicht essen wie irgendein Mohr
Ein Teller ist halt kein Bazar
Mir rücken die Würzstreuer einfach zu nah!
Schon droh'n sie: Wir kämen schon auf den Geschmack
Und treten das Glück unsrer Ordnung zu Scherben
Bald führt uns kein Weg mehr zurück und dann, zack:
Wird die letzte Kartoffel an Rosmarin sterben!

Ich pflanz' auf ihr Grab Petersilie und Lauch
In solch schwerer Zeit ginge Liebstöckel auch
Und andres Gewürz kommt mir nicht in den Bauch!

So will es die Ordnung, so will es der Brauch ...

Zwischen Es wird & Er ist's & das fünfhundertachtunddreißigste Gedicht

Frühlingsbeginn

Die lange Sendepause in diesem Blog bedeutet nur, dass das Buch zur Tour gedeiht und eine erste Version am Samstag abgeschlossen ist. Im Moment sehe ich nur den Balkon, was vom beginnenden Frühling etwas angehübscht wird - aber größere Reisen, über die zu dichten wäre, bleiben grad aus. Wie gut, dass derweil andere für mich dichten - auf Grundlage meiner Texte. So hat die Yousubtitles-Software meinen Text kongenial zu einem neuen Text übersetzt:

Gut, du halt einfach so Lopez! (Vergiss Freund Christian Kienhorn)

da unten an der bassdrum umspielte hat barbara oder zart bum bum
davon will ich da unten an der bassdrum umspielte hat barbara kurzatmig
und knackiger mehr wie apache oder klatschen
und die snare klinkerwerk tierparks oder klatschen
anhänger dort seine top zustand ob

ja, und dann bin ich im park ist geworden
vergiss freund christian kienhorn
wenn du nur der anderen schlagschatten
die man leicht auf konzerttour am rastplatz volk ist

ja die anderen vom rudel mit ihrem gedudel
dem blazer belässt man ihr blasiert es grüppchen
die geiger hingegen ein eigens küche
und dort gut integriert ist ein jeder solist
gut du halt einfach so lopez

Mono & das fünfhundertfünfzehnte Gedicht

Englischer Garten Monopteros

Der Turm und die geteilte Freude

Du wolltest noch erzählen
Von Zielen größ'ren Werts
Von Wegen, die zu wählen
Und spürtest nur: "Wen schert's?!"

Du wolltest nicht verstummen
Doch alle Welt schien taub
So blieb dir nur zu brummen
"Ich geh dann, mit Verlaub!"

Du wolltest immer teilen
Die Ernte deines Glücks
Verzweifelt klang bisweilen
Dein "Schau, da hängt's doch - pflück's!"

Du wolltest hinterlassen
Und warst doch längst enteilt
Dir bangt, du wirst erblassen
Im Glück, das ungeteilt

Du solltest nicht der Freuden
Verdopplung ihres Werts
Noch weit're Zeit vergeuden
Sag selber mal: "Wen schert's?!"

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