Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Check-In & das eintausendeinhundertfünfundvierzigste Gedicht

Doha Flughafen

Am Flughafen

Mutti, sieh!
Dem Duty-Free-
Shop stopft
Und pfropft
Warenvielfalt
Mit Zarengewalt
Alle Regalle haltlos voll -
Und nichts davor will man verzollen!

Kind,
Ich find
Dein Int‘ressieren
An der Welt, die wir passieren,
Phasenweise -
Ich sag‘s mal leise:
Sprachlich zu geschwollen.
Und Regal - das weißt du was, gell?! -
Spricht man nicht mit Doppel-L!

Warschauer Himmel & das eintausendeinhundertzweiundvierzigste Gedicht

Warschauer Straße S-Bahnhof

Dem Äther

Radi - Radi - Radio,
Ich drehe am Rad deiner Sendersuche
Und flüchte mich ins Irgendwo,
Getrieben vom seiernden Deutschpop-Eunuche.
Wissend:
In dem Gerausche der Ultrakurzwellen
Gibt's die momentelang richtigen Stellen,
Die wandernd der lot-rote Strich für mich findet
Und Gerättreue kurz an Bestätigung bindet.
Erinnernd:
Die matt hinterleuchteten Stadtnamenskalen
Im Musiktruh'n entströmenden Röhrengeruch,
Die 'nem Dreiersprung folgenden Megaherzzahlen
Am Radiorecorder nebst Bandsalatfluch.
Mixtape-alert auf der Suche nach Stil
Stieß ich tiefnächtens aufs Herz von John Peel,
Gab ihm die Lizenz, mir die Nächte zu stehlen
Mit krudem Kram aus noch verdecktem Gefallen -
Den würde mir Spotify niemals empfehlen!
In solch Algorithmen riecht alles nach allen.
Verklärend:
Auf Grundig und Blaupunkt brach ich dereinst auf
Zu landen an Stränden von neuen Instanzen.
Von Sony und Sharp nahm ich Flotten in Kauf,
Als Worte und Klänge mich lehrten zu tanzen.
Abwehrend:
Du maulst gekränkt, hier fehle die
Probierkraft der Community -
Der autarkische Schwarm sei der Held vom Gedichte!
Das ist vielleicht nicht grundverkehrt,
Mir bleibt's ein Reichtum ohne Wert -
Das wird später deine, nie meine Geschichte.

Stalinallee & das eintausendeinhunderteinundvierzigste Gedicht

In einem Häuserdurchgang der Karl Marx Allee / Otto Grotewohl Grundstein

Regen in der Simon-Dach

In Berlin ist der Regen am grausten
Und treibt durch die Straßen wie desint'ressiert
An all der temporär enthausten
Unwürdigkeit, die da frömmelnd spaziert
Und irrt
Und irrt.
Und irrt.
(Man will etwas Spirit ja trotzdem erleben.)
Und immer nasser,
Blasser
Wird.
(Hier wirkt aller Abschaum nur herrlich daneben!)

Es belächelt die Stadt die zerzausten
Schöpfe, die ohne Berechtigung sind.

In Berlin ist der Regen am grausten
Und aus dir nieselt immer noch Schönheit, mein Kind!

Abendrot & das eintausendeinhundertneununddreißigste Gedicht

Abendrot an der Hamburger Hafenstraße

Die Reblaus (ein revolutionärer Abzählreim)

Ein Standbein auf Standby,
Riskante Risskanten,
Ins Display nen Riss, ey,
Den Dissseits Verbannten!
Es gibt eben nicht genug Chancen für alle,
Oft kontamanieren Avanzen zur Falle!
Verkannte Verwandte
Und niemals Vermisste -
Verschandelt vom Wandeln
Durchs regungslos Triste.

Ungeheuer, -ziefer, -mach
Hol‘n jetzt aus zum Gegenschlag -
Hier kommt keiner lebend raus!
Außer eine Rebenlaus.

Max-Joseph-Platz & das eintausendeinhunderteinundzwanzigste Gedicht

Max-Joseph-Platz vorm Residenztheater München

Nächtliche Busfahrt zum Theater

Sternschnuppenhuschend verblitzen die Lichter
Auf beschlagnen Fensterscheiben
Das Vage in ihnen appelliert an die Dichter
Bei diesem Thema dran zu bleiben

Was wäre es, gäb es hier etwas zu sehen?
Was gäbe es, wär es für uns zu verstehen?

Gelbliches Weltlicht wirft mähliche Schatten,
Die vom Tage verblasst sich im Rinnstein begatten.
Die lernen noch die Dunkelheit,
Kleben uns an den Hacken wie fehlende Zeit.

Was würde es, könnt hier noch etwas entstehen?
Was könnte es, würd es nicht einfach vergehen?

Die Schaufenster strahlen wie Suchscheinwerfer
Über treues Kopfsteinpflaster.
Keine Frage in mir stellt mein Augenlicht schärfer,
Kein Vers ist ein zum Plan Gefasster.

Doch manches scheint im Werden.

Dohaausblick & das eintausendeinhundertsechste Gedicht

Doha von oben

Überflieger

Überflieger,
Übe lieber,
Eh du übel fliest!

Fliesenleger,
Wiesenpfleger
(Auch der Bisonvieh-Erleger,
Über den man liest)
Haben ihr Handwerk nicht nur überflogen!

Ich weiß, solch Kritik findest du nur verschroben,
denn alle Kriterien sei'n nunmehr verschoben -
Soweit, wie du das überblickst von dort oben.

Doch vieles ward bloß in den Schoß dir gelogen!

Dir gehör'n nicht die Wiesen, auf denen du weidest,
Und weil du den Werteerwerb ja vermeidest,

Füllt sich der Safe der Tarnung nicht -
Drum nimm zur Warnung dies Gedicht!

Zwar folgt der New Wave
Oft ein günstiger Rave,

Doch

Manch früh bewurmten Überflieger
Zervögelt man zum Unterlieger!

Landtag & das eintausendeinhundertzweite Gedicht

Bayrischer Landtag München

Sechs Jahre (Zur Schließung der Neuen Pinakothek)

Wenn in sechs Jahr'n dieser Ort wiedereröffnet,
Werde ich, ungeordnet, fast sechzig sein
Und schaff's, wenn's gut läuft, noch ein Weilchen
Hier ohne Unterstützung rein.
Werd manch Hoffnung und Mensch begraben haben,
Am Restschorf vieler Naben schaben
Und Altbekanntes wie Fremdes betrachten,
Auf andere Konturen achten.

Als ein chronisch ins tiefste Tal Eingepferchter
Steh ich sechs Jahre älter dann wieder hier -
Inmitten frischem Putz erwägend:
Wie viel vom Ich beließ man mir?
Für die, die im Bald keine Zukunft haben,
Ist ein So-weit-nach-vorne-schauen
Vorweggenomm'nes nahes Darben.
Ich mag so weit mich vor nicht trauen!

Mich wundert nicht der Wehmut Stärke,
Weil ich nur allzu gut versteh,
Dass ich die weggeschloss'nen Werke
Nicht ähnlich glücklich wiederseh.

Halsbandsittich & das eintausendachtundneunzigste Gedicht

Halsbandsittich im Yalla Nationalpark

Stille Weihnacht

Ich entdecke
In der hinterste Ecke
Der Wohnstube, wohin sonst niemand gerät
(Wo höchstens mal drohend ein Einbrecher steht),
Einen mächtigen
Prächtigen
Leuchtenden Baum,
Und Festlichkeit durchströmt den Raum,
Spiegelungen potenzieren
Warmes Licht wie Grippeviren,
Ärmlichkeit scheint überwunden
In der Herrlichkeit für Stunden.

Doch dahinter sehe ich
Zwischen den Zweigen,
Die Einbrecher wieder in Vorfreude schweigen.

Victoria Viharamahadevi Park & das eintausendzweiundneunzigste Gedicht

Buddha Statue im Viharamahadevi Park in Colombo

Weihnacht

Als wär'n wir noch nicht eingeschult,
Dackeln wir durch der Tage Schablone -
Im schönsten Sinn von abgespult.
An jedem Klimbim prangt ein "Geht halt nicht ohne!".

Und überall
Liegen Babys im Stall.

Als wär'n wir wissensresistent,
Umarmen wir warmherzig uralte Lieder.
Wenn erst die vierte Kerze brennt,
Kehrt auch jeder Brauch völlig unbrauchbar wieder.

Und überall
Liegen Babys im Stall.

Als wär'n wir vor Vergessen blind,
Erscheint uns der Trott in perfekt schnurr'nden Gleisen.
Und jährlich grüßt das Christuskind
Auf den unsere Wagenburg schmückenden Weisen

Und überm Stall
Beginnt fast schon das All.

Malabarhornvogel & das eintausendzweiundachtzigste Gedicht

Malabarhornvogel Paar

Deine Beleidigungen

Ich ließ mich drauf vereidigen:
Die Art, mich zu beleidigen
Zur Kunst zu machen, beherrscht nur du!
Ach, wie gern hör ich dir zu ...

Wie tief wie produktiv du bist!
Wie wendig du mich endlos disst!
Ergiebigkeit krönt deine Maschen,
Die mich stetig überraschen.

Dumpf verklumpte Nettigkeiten
Mögen uns ins Bett geleiten -
Denn Schwärmerei benötigt nicht viel,
Ist vom Anspruch unsubtil.

Deinen Zank, der niemals langweilt,
Ehr ich so, dass hier nun Dank zeilt!
Denn seine Brisanz verwebt uns zwei
Zu ewig währ'nder Bändelei!

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