Alter & Schmerz

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Castel San Pietro & das eintausendvierte Gedicht

Blick auf Castel San Pietro

Die aufgegebene Fabrik

Die aufgegebene Fabrik
Flüstert immer noch Worte wie Kapazität
Auslastungsgrad oder Marktpotential
All die Willenskraft schwebt im Jahrhundertaspik
Und gerät in die Strömung vom Nu-is-egal

Des Gebäudes Geschichte ist längstens geschrieben
Und ein Mörtelstrang ragt aus der Wandnostalgie
Die Arbeit ward aus den Maschinen vertrieben
Und harrt auf den Neustart - ich wüsste nicht wie

Geschulterte Vermächtnisse
Ruh'n in unsteten Schreinen der Handlangerei
Untradiert über ein Handmanual
Doch die Fertigkeit stummer Gedächtnisse wiegt
Nur im Hain alter Mauern noch resthaft real

Wie den Eifer und Schliff noch im Guten vergeuden?
Allen Unterschied, den bald schon niemand mehr merkt?
Du wirkst für die Aura von toten Gebäuden
Und wirst von den Damalssekunden gestärkt

Mauritius revisited & das neunhundertsechsundneunzigste Gedicht

Black River Gorges Nationalpark

Radlergedanken

Das Sirren meiner Fahrradkette
Schmiert die unbeirrte Wette:
Irgendwie wird's weitergeh'n!
Weiß ich auch, dass ihre Glieder
Immerfort und immer wieder
Immerzu im Kreis sich dreh'n

London revisited & das neunhundertvierundneunzigste Gedicht

In der Tate Modern

Todschick

An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
Mit "Kann ich Ihnen behilflich sein?"
In der Fremde oft schnell in Erklärungsnot
Gelang mir zur Antwort ein griffiges "Nein,
Ich schaue mich vorerst hier nur etwas um."
(Und brauch dazu kein Publikum!)

"Aber gerne!", entgegnete denkbar devot
Und von Dienstleistungseifer beseelt
Der fortan nicht mehr von mir weichende Tod
"Sie melden sich, wenn Ihnen irgendwas fehlt?
Wir hab'n jede Krankheit von Krebs bis Katarrh
Auch noch in andren Größen da!

Und ich weiß ja, man zögert es gerne heraus
Auch Ernsthaftes mal zu ertragen
Doch schlussendlich ist's ja für viele im Haus
Die letzte Chance etwas zu wagen!
Das Leben ist kurz - heißt das elfte Gebot!"
Bekräftigte nochmals wie freundlich der Tod

Und obschon ich ihn anfangs mit Argwohn beäugt
Fühlt' ich mich auch etwas geborgen
Er hat schon Millionen von sich überzeugt
Und erlöst von der Last aller Sorgen

Also ging ich zur Probe
In seine Garderobe
Nahm mir das nächste Stück und fand
Dass dieses mir schon prächtig stand
Wie jedes Stück der Kollektion -
Das ist vielleicht des Alters Lohn

An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
Und machte mir ein Angebot
Mir war bis dato gar nicht klar
Wie nahe ich ihm da schon war

Madagaskar revisited & das neunhundertneunundachtzigste Gedicht

Madagaskar Chamäleon

Für Verbliebene

Dein Grab ist längst schon eingeebnet
Doch das Loch meines Kosmos' nicht zu
Ich spüre sein Gähnen noch hinter der Rückwand
Von nicht zu verrückenden Schränken
Und manchmal, da frage ich mehr dich als mich: "Wie-
So ist der Gewürzstreuer leer?"

So lang ist das alles schon her ...
Und manchmal, da frage ich mehr mich als die, die
Grad parallel deiner gedenken:
"Verzeihst du ein wenig, wie ich noch zum Glück fand?"
Viel zu friedvoll und ruhig raunst du:
"Mein Grab ist längst schon eingeebnet!"

Paris revisited & das neunhundertneunundsiebzigste Gedicht

Blick vom Eiffelturm

Am Wachwechsel

"Wir räumen das später weg", wurde gedacht
Doch dann wurde sehr zeitig gestorben
Von Tätern erträumt, steht das "Wird noch gemacht"
Vor dem Tor der Geschichte
Und im Fort der Gedichte
Und fühlt sich wie weiters umworben

Sossusvlei & das neunhundertvierunddreißigste Gedicht

Sossusvlei

In der Wüste

Bin der erste Mann auf dem Mond auf Erden
Spür', dann und wann geklont zu werden
Und bleibe dennoch ganz allein

Zwar werden die, die mir nur gleichen
Wohl niemals irgend Wasser reichen
Doch nährt sie mein Vergessensein

Thun & das neunhundertsiebzehnte Gedicht

Thun

Auf früher vertrauteren Straßen

Auf früher vertrauteren Straßen
In alten Gedanken zu geh'n
Erkennend noch, was wir vergaßen
Geblendet vom Zwischengescheh'n

Und stolpern wir über die Brüche
Mit denen uns Schicksal verdaut
Geleiten uns traute Gerüche
Und Blutbahnen unter der Haut

Doch es sinkt immer stärker ins Schwinden
Das Gefühle, man kehre zurück
Zu winzig wird das, was wir finden
Zu spurlos das kindliche Glück

Stechbahn & das neunhundertfünfte Gedicht

Stechbahn, Celle Altstadt

Gedanken eines Bestadters

Und wieder grüßt mich eine Altstadt
Fachwerkstättisch lebensfroh
Derweil nur der Begrüßte altert
Auf rasantestem Niveau

Und jede Balkenschnitzerei hat's
Fast immer schon gegeben
Nur im Außervor wird abgekratzt
Die Stadt wird's überleben

An der Blau & das achthundertfünfundneunzigste Gedicht

An der Blau

Alte Liebespaare

Dass da keiner werde des Anderen Last
Das ist - einmal simpel zusammengefasst -
Eine nie zu erzielende Absicht

Doch die Liebe währt auch
In 'nem schwärenden Bauch
Der sich mit dem Alternden abbricht

45 Sporenverheißung & das achthundertneunzigste Gedicht

In Neu-Ulm

Coda

Mit Tau und Taubheit scheint der Tag zu beginnen
Doch manches hat gar nicht geschlafen
Es bildet sich um und entäußert sein Innen
Nach Plänen, die wir nicht entwarfen
Wir sind nur die Wachen
Wir könn'n da nix machen
Was da wird, wird es an uns vorbei

Um zu seh'n, was passiert, müsste man sich jetzt wenden
Unter Druck springt die Form aller Allmacht entzwei
Aber irgendwie muss es ja enden

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