Alter, Tod & Abschied

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Niederwaldreben & das eintausendvierhundertdreiundneunzigste Gedicht

Niederwalddenkmal und Weinbau in Rüdesheim

Held Jung

Ich bin schon sooo lang jugendlich -
Es sind sehr alte Menschen längst jünger als ich.

Pfalzgrafenstein & das eintausendvierhunderteinundneunzigste Gedicht

Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub

Äußerstes Erinnern

Es schrumpfte die Zeit deine Kindheit zusammen
Auf ein Dutzend probater Momente,
Die je einem großen Erlebnis entstammen,
Das sich jäh aus dem trägen Fluss trennte.

Deine frühe Erzählung ist längst schon beschränkt
Auf ein paar ausgerissene Seiten.
Deren Restauration wird beharrlich bedrängt
Von den Windstößen rasender Zeiten.

Rheintalromantik & das eintausendvierhundertneunzigste Gedicht

Blick vom Rheinsteig auf die Rheintalverkehrswege

Unterschultergeschwabbel

Das Wabbelfleisch am Oberarm
Brüllt: "Hätt' dich fast vergessen!"
Wie ein heraus gestülpter Darm
Versaut es mir mein Essen.

Als Altersarsch vom Wermutsfass
Wird's mein Begleiter bleiben,
Diktiert ein neues Bodymass
Und winkt mir zu beim Schreiben.

Tenghimmel & das eintausendvierhundertdreiundachtzigste Gedicht

Ausblick aus meinem Bürofenster auf die Tengstraße

Partykeller

Wie verödet sind nun unsre heitersten Säle,
Als wär'n alle Feste entflogen -
Sodass mein Erinnern, aus dem ich erzähle,
Klingt sehr dubios bis verlogen.

Räume sind nicht die gleichen mehr ohne Personen.

Dieser Satz ist so einfach addiert.
Sie behagen den Leben, die sie rasch durchwohnen -
Und danach sind sie mumifiziert.

Clemensstraße & das eintausendvierhundertzweiundachtzigste Gedicht

Hausfassade in der Clemensstraße zu Schwabing

Das Leibchen des Filius'

Am Tag, da ich dies Hemd erstand,
Warst du als Halt noch lebend hier.
Ist erst zerschlissen mein Gewand,
Lieg ich wohl bald schon neben dir.

Goldsteig & das eintausendvierhundertachtzigste Gedicht

Am Goldsteig Wanderweg im Bayrischen Wald bei Riedlhütte

Verjährendes Gedicht

Die Zeilen in der Erde sind
So unerreichbar da -
Wiewohl kein Wort ich wiederfind',
Ihr Sinn bleibt weiters nah.
Es reicht die Tiefe im Verlust
Von selbst nicht ans Verloren.
Stell dich in seinen Schein, du musst
Nicht extra danach bohren!

Schweinebucht & das eintausendvierhundertachtundsechzigste Gedicht

Schweinebucht bei Übersse am Chiemsee

Partyerwachen

Die aufgekratzte Stimmung war
Am Morgen schon verschorft,
Da späten Glucksens Immerdar
In neues Elend morpht.

Verdampfte Ausgelassenheit
Macht Kopfverbände klamm,
Bis jemand "Nicht zu fassen!", schreit,
"Ich hau die Brut zusamm'n!"

Wenn Übermut im Unterschaum
Mit Scham sich arrangiert,
Fühl ich im fortgewünschten Raum
Mich sichtbar bandagiert.

Taubenstein & das eintausendvierhundertfünfundsechzigste Gedicht

Frühsommerflora am Taubenstein

Nicht einmal die Wagenspur ...

Nicht einmal die Wagenspur
Bleibt von unsrer Reise, nur
Der Fahrtwind, der sachte sich hinter uns schloss,

Erneut den von Nachfahr'n verkindlichten Tross
Wie zur allerersten Fahrt,
Vollberauscht von Gegenwart,

Auf altausgetretenen Pfaden empfängt,
Ihn sanft aus dem Sog jeder Abschweifung lenkt.

Durch die selbe Wagenspur
Zieht die Unbeschwertheit, nur
Für das, was uns rührte, bleibt ihr Auge blind.

Schon wir war'n Geführte vom uralten Wind.

Feldmochinger See & das eintausendvierhundertneunundfünfzigste Gedicht

Entennachwuchs am See Feldmoching

Der Bruderkuss

Nenn mir ein Merkmal, bevor wir uns trennen,
An dem wir uns zukünftig wiedererkennen,
Wenn windiger Glanz unser Strahlen verwischt,
Bis faltig und fahl sein Gedächtnis erlischt.

Präg du dir den Fingerabdruck von mir ein
Und zieh in Erwägung, ich könnte bald ein
Gänzlich verdorbenes Wesen bewohnen -
Es wird mich die Welt nicht auf Dauer verschonen.

Dann kann selbst die finsterste Zeit nicht die Schemen
Der in uns erinnerten Einigkeit nehmen.

Maximilianstraße & das eintausendvierhundertachtundvierzigste Gedicht

Sonnenuntergang in der Maximilianstraße

Gefühlte 20

Deine Kopfhaut bewahrt sich das blanke Gefühl,
Unter früheren Haaren verborgen zu sein -
So passt auch ins forschfrisch betagte Kalkül
Bei dir noch ein weiteres Lebensjahr rein!

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