Alter & Abschied

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Hohenwaldeck & das eintausendzweihundertvierundneunzigste Gedicht

Wald bei der Ruine Hohenwaldeck am Schliersee

Ich erinnere, wir sannen Großes

Ich erinnere, wir sannen Großes
Bei dem ersten Gefühl in der Stadt.
Jede Aussicht versprach Grandioses -
Wir wurden nicht müde, nicht satt.

Allein, wir haben nichts getan -
Und das merke ich heut in den Straßen.
Längst sind die Züge abgefahr'n
Mit dem Zeugs, das zu tun wir vergaßen.

Ich erinnere, wir sannen Großes -
Doch dann warteten wir viel zu lang.
"Stand mal alles bereit!", weißt du. Bloss es
Geschah niemals was ohne Zwang.

Und jetzt? Zieht's uns nach nirgends hin -
Wir sind sehr informiert, aber gähnen.
Kein Einsatz macht noch irgend Sinn -
Und das kostet uns nicht einmal Tränen.

Die Wörth & das eintausendzweihunderteinundneunzigste Gedicht

Die Wörth - Insel im Schliersee

Halo

Wir kreisen im unverwandt Gleichen,
Gebannt, Lob und Preis zu erreichen.
Indes ein Dunkles um uns hängt
Und unsre Sichtbarkeit versengt.

Wir werden das Lob und den Preis niemals seh'n
Und in den Halo übergeh'n,

Des Ungescheh'ns Materie sein
Und neuen Lichtern blinder Schein.

Schlachtspiegel & das eintausendzweihundertsiebenundachtzigste Gedicht

Völkerschlachtdenkmal Leipzig

Der Umtrieb

In meinem Schuh wächst graues Moos,
Sein Kniegelenk bebt stumm.
Wo bleibt die Zielgerade bloß?
Was treibt mich wieder um?
Ich wink' die Welt an mir vorbei -
Auf mich soll niemand warten,
Und klaube aus dem Zehenbrei
Verfaulte Handgranaten.

Wenn ich heut nicht nach Hause find',
Werden andere Ziele besehen.

Ich bleib', bis ich mich überwind',
Wie angewurzelt stehen.

Abschied & das eintausendzweihundertdreiundachtzigste Gedicht

Oktoberfest München 2019

Das große Ade

Das große Ade stimmt die Querflöte an
Und die Schwermut zwingt alle zu singen,
Dass Linie fortan nicht mehr Linie sein kann,
Bis auch uns / graue Wolken verschlingen.

Panoramaweg & das eintausendzweihunderteinundsiebzigste Gedicht

Am Panoramaweg zum Eibsee in Grainau

Mountainbikemementomori

Imperiale Kampfradfahrer
brettern handzahm durch den Wald
als erbarmungsloser Hinweis:

Nun, mein Lieber, wirste alt!

Schliersee & das eintausendzweihunderteinundsechzigste Gedicht

Schliersee Ufer

An der anderen Mole (zum Platzieren von Nostalgie)

Da ich hier nun am Pier steh
Anstatt mit dir am Schliersee,
Scheint alles so verfahren.

Doch hilft es zu vermeiden, Kind,
Die Feststellung: Wir beide sind
Nicht das, was wir mal waren.

Fremdling & das eintausendzweihundertneunundfünfzigste Gedicht

Katta im Zoo Hellabrunn

Schwermütigkeit

Ich benötige rasch etwas Körper in mir,
Meine Haut ist vom Leiden so leer.
Und nun drängle ich quengelnd durchs Gästequartier,
Als gäb' es die Hausbank nicht mehr.
Hier gehören doch andere Lösungen hin,
Wenn der Alltag sich so übernimmt,
Dass sein ganzes Gehöft sich entledigt vom Sinn
Und nichts mehr im Blutkreislauf stimmt!

Bin wohl längst nicht mehr bei mir, finde auch nicht zum Du -
Gewiss ist alleine die Störung.

In die Ferne rückt frühere Sehnsucht nach Ruh -
Alles zerdrückt von Empörung.

Schneeeule & das eintausendzweihundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Schneeeule im Zoo Hellabrunn

Meine Söhne

Meine Söhne pflügen durch dies Weltlein
In ungeklärten Farben.
Es stand vor ihrem kleinen Heldsein
Kein Leben, eh sie starben.

Doch es tuscheln die meisten vom Geist Invaliden:
Ihnen ward so ein besseres Schicksal beschieden!

Schlossturm & das eintausendzweihundertzweiundfünfzigste Gedicht

Turm vom Schloß Krumau

Born to be wild

Pneumatisch seufzen die S-Bahntüren
und irgendwer klagt über Studiengebühren
'ne andre mault heulend ins Handy: "Ja, toll!
Kannst du mir mal verraten, was das hier jetzt soll?!"

Mit dem Hier & Jetzt fremdeln doch alle im Grunde
und die Tür seufzt schon wieder und öffnet die Wunde
löscht das Windlicht frühkindlicher Jobperspektive
hier Pfiff-Moderator, da Yps-Detektive
Zum Diskodance ins Jugendheim
dann asozialisiert mit Slime
überall Krawall, yippieyeah, Remmi-Demmi
und niemand war uns je so motör wie Lemmy
Und wie hieß noch der Film? Easy Rider, genau!
Tja, da lieg'n halt die Grenzen vom ÖPNV ...

Born to be wild
aber jetzt geht's ans Sterben
und wer sich da nicht beeilt
wird den ganzen Scheiß erben
Letztlich war alles zu sehr ein Versuch
letztlich sagt immer wer: "Komm, is' genug!"

Und dann ab in die Clubs! Und die Clubs – das war'n wir!
Und die, die das sagten, sind immer noch hier
haben kapriziös sich am Einlass verpfändet
für den Schein einer Jugend, die nie wieder endet
hetzten Jobs, Trends und Bands nach, suchten – Herrgott, was weiß ich!?
Auch wir drängten uns hechelnd, viel zu schnell durch die Dreißig
und müde ob der x-ten geopferten Nacht
seufzen wir fast pneumatisch – wie's die S-Bahntür macht:

Born to be wild
aber jetzt geht's ans Sterben
und wer sich da nicht beeilt
wird den ganzen Scheiß erben
Letztlich war alles zu sehr ein Versuch
letztlich ruft immer wer: "Komm, is' ..."

Moldauschleife & das eintausendzweihundertfünfzigste Gedicht

Blick auf Krumau an der Moldau

Im letzten Sommer

Die Wespen schwärmen hungrig aus
Und stehlen den Motten ihr Licht.
Selbst der kundigste Waidmann trägt nichts mehr nach Haus,
Er sieht sich nicht mal in der Pflicht.

Der Sommer schwenkt das Hungertuch,
Doch schon längst wird an Zähnen genagt.
Treuer Unmissverstand ziert des Jahreslaufs Fluch,
Der hatte im Schatten geparkt.

Du predigst stoisch Zuversicht,
Aber irgendein Jahr gilt zuletzt.
Wie der Frühling uns einwebt im einstfernen Licht,
Verschanzt sich der Zauber vorm Jetzt.

Du traust dem Kreislauf alles zu,
Doch ein Blatt fällt, das scheint überreizt.
All das Wespengeschwirr billigt mir keine Ruh.
Vor Herbst wird der Stammbaum verheizt.

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