Dutzendzeiler

Shahjahanabad & das sechshunderteinunddreißigste Gedicht

Gassen von Alt Delhi

Old Delhi

Diese Gassen verbannen den Autoverkehr
Und die Neuzeit schafft's auch nur als Blitz
All die Hektik zwängt sich als ein Dogma hierher
Der Trubel hat hier seinen Sitz

Sieh dich vor, dass an dir hier kein Rattenzahn nagt
Dass kein Tandrausch zerrt dich aus der Zeit
Jeder Sprung hier rein scheint so klein, dass man ihn wagt
Man sollte nur wissen, wie weit

Von den steten Gefährten weht's keinen hier lang
Und die Enge bleibt ewiglich fremd
Man hat fast alle Balken, doch keinen Empfang
Ein Salzband bemustert dein Hemd

Forst & das sechshundertzweiundzwanzigste Gedicht

Pullacher Forst

Erziehungsweise

Der Eichendorff hat Hausarrest
Und einsam ist's im Wald
Heut lobt kein Vers das Blattgeäst
Als göttliche Gestalt

Die Linde rauscht bedeutungslos
Der Linda droht das Gleiche
So all des Sinnens Schwere bloß
Vom Dorfpatron der Eiche

Die Vögel weiten - nur zum Test
Die seelenlosen Flügel
Und alle finden Hausarrest
Viel grauslicher als Prügel

Isarrausch & das sechshundertfünfzehnte Gedicht

Isarrausch

Der Isar

Das grüne Schmuckband dieser Stadt
Ist ewig neigsam kühl und hat
Jed' Charmedefizit aus den Ufern gespült
Das Obergeflachte mit Plätschern befühlt
Hier gerät Langeweile noch angenehm lang
Wird Alltag zum Urlaub im strömenden Drang

Durch Dich fließt die Kraft, alle Stadt zu besiegen
Und die Blöße, mit der wir Dein Kiesbett beliegen
Ist bloß Unterwerfung - denn, sieh: Unsre Schwänze
Schaukeln im Beat Deines Triebs ihre Tänze!
Sie tauchen ein "Für immer Dein"
Erfrischt und frei in Dich hinein

Grünwalder Forst & das sechshundertelfte Gedicht

Gehege im Grünwalder Forst

Die Anmut der Rehe als Menu

Wir beschwärmen mit unsrer Debattengewandtheit
Im Bahnhofs-McDonald's die Anmut der Rehe
Unser gieriger Schlingtakt der Fastfood-Verspanntheit
Kontrastiert mit solch Makelentschlacktheit. "Ich sehe
All die Paradomestiziertheit des Rehs
Im Lichte der Dickichtverluste der Neuzeit!"
Sprach ich zwischen Pommes und Du sprachst: "Ich seh's
Als ein Demutsorakel: Erkennt, dass Ihr scheu seid!"

Jeder Burger-Belagbalg enthemmt sich ins Rutschen
Und nötigt uns, Hände und Finger zu lutschen
Wir saugen versonnen an Refill-Getränken
Da wir still der Anmut der Rehe gedenken

Der Himmel über Essen & das sechshundertneunte Gedicht

Der Himmel über Essen

Schwuppdiekrupp

Schwupps – der Krupp vom Ruhrgebiet
Stillt den Wachstumsappetit,
Schickt den Stahl aus seinem Stall
Weltallweit ins Überall.
Von der höchsten Eisenbahn
Bis zum bösen Größenwahn –
Unser Krupp, der tut dat wuppen!
Macht Tuff-Tuff und tough die Truppen.

Aber nach zwei Weltkriegsrunden
Kann der Krupp nur kurz gesunden,
Stahl sich fort und ward vergessen:
Schwuppdiwupp, der Krupp aus Essen.

Poem 600 & das sechshundertste Gedicht

Am Schwabinger See

Du Schwabing

Schwabing, Du altes Versprechen!
Ich hör Dir schon gar nicht mehr zu
Du musst Dich nicht zwanghaft erfrechen
Du Gör einer lästigen Lou!

Schwabing, Du Schalk aus Gebrechen!
Ich trau Dir schon gar nix mehr zu
Muss jeden Tag blau sein und zechen
Hau mir auf den Pimmel, Du Kuh!

Schwabing, Du Allerwelts Schwabing
Muss immerzu bar für Dich blechen
Bis ich mich in Dir dann zum Star sing
Schwabing, Du altes Versprechen!

Ringelnatz & das fünfhundertsiebenundneunzigste Gedicht

Im Englischen Garten

Ein Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade zu "Morgenwonne" von Ringelnatz gewünscht haben. Diesmal gleich doppel-ripostiert: inhaltlich mit meinem Gedicht-Tryptichon "Die verkaterten Morgen", "Im Bade" und "Spätes Frühstück" - sowie formal:

Rohachim Natteritz: Morgenwonne

Die Wachtel ist ins Gnu verknallt
Das Huftier hat 'ne Klatsche
Was sehr verlockend sei, doch bald
Zerschürft es sie zu Matsche

Ein Kackekicker macht 'nen Schmu
Und balanciert am Grate
Zum "Schlagt dem Wicht die Augen zu
Bei einem Attentate!

Auf rauer See ein Schifflein wippt
Das hat, was vielen blühe
Ein Ungeheuer angenippt
Zerstückelt in der Frühe

Hamburger Rathaus & das fünfhundertdreiundneunzigste Gedicht

Hamburger Rathaus

Sommerwind

Da steckt doch im Wind
Noch irgendwas drin
Er ist nicht nur Luft
Die sich etwas bewegt

Ganz gleich auch wie blind
Ich im Innersten bin
Mein störrisch Vermufftes
Wird frische-durchfegt

Und irgendein Fernes
Trägt kühles Versteh'n:
Bleib sanft, Freund, und lern' es
Die Weite zu seh'n

St. Gilgen am Wolfgangsee & das fünfhunderteinundneunzigste Gedicht

Helmut Kohl Park in St. Gilgen am Wolfgangsee

Letzte Woche in St. Gilgen

Einen Tag, bevor es alle taten
Hab ich an Helmut Kohl gedacht
Mich fragte in St. Gilgens Garten:
"Was wohl der olle Kohl so macht?"

Der Einheitsheld in Zweifelhaft
Am Limit seiner Riesen-Kraft
Bleibt wohl beleibt und unbeliebt
Solang es ihn im Diesseits gibt

Und erst nach seiner Erdenpein
Wird er ein sehr Verehrter sein

Das hat sich Kohl wohl auch gedacht
Und prompt die Augen zugemacht

Hallstätter See & das fünfhundertfünfundachtzigste Gedicht

Hallstätter See

Neue Riesen

Ich wäre gerne etwas größer
Etwa dreißig, vierzig Meter
Ein literweise Angsteinflößer
Und In-Grund-und-Boden-Treter

Ich rächte hervor aus der schmächtigen Masse
Der lächelnde Größte in jedweder Klasse

"Aber dann, aber dann
Keep cool, ey Mann
Reicht's auch, nur zwei Meter größer zu sein!
Schon dann käm dir keiner der anderen nah!"

Korrekt. Jedoch ließ sich in lediglich zwein
Nicht ähnlich verdrängen, was ich bislang war

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