Dutzendzeiler

Victor-Hugo-Ufer & das eintausenddreihundertvierte Gedicht

Mast am Victor-Hugo-Ufer am Winterhafen Mainz

Herbstwehen

Die Helligkeit des Gelbs ist längst
Mit den Vögeln gen Süden gefloh'n.
'Die Kälte quält sich selber!', denkst
Du, weil's möglich wär, sich zu verschon'n.

Als gelt' es, schnell der Hässlichkeit
Und Müdigkeit Leben zu opfern,
Gellt's allher: " ... dass Ihr endlich seid!",
Werden Blätter zu Rinnsteinverstopfern.

Im ständig währ'nden Regenguss
Drängelt alles eh gen Schluss -
Und unbarmherzig bellt sein Biss,
Dass dies noch sehr, sehr lang so is' ...

Leuchte & das eintausendzweihundertsiebenundneunzigste Gedicht

Straßenbeleuchtung Schwabing

Supervision

Wie, wenn, wo ich geurteilt hab,
Nur Mitteilung geschah?
Wenn ich aus Gängen, die ich grab,
Die Richtung anders sah?

Wie, wenn ich meine Dekadenz
Nicht recht im Zaume hielt?
Wenn ich im Kreis der Inner Friends
Nur kollegial gedealt?

Wie, wenn ich jede Kleinigkeit
Bloß groß beschreiben kann?
Wie, wenn ich's so zu seh'n bereit?
Wie wär das? Und was dann?

Museumsdorf & das eintausendzweihundertdreiundneunzigste Gedicht

Hof im Wasmeier-Dorf

Im Bukolischen

Keiner könnte so fremd sein,
Dass ihn hier niemand grüßt.
Der Ort flößt ungehemmt ein,
Dass die Welt dafür büsst,
Nicht überall derart bukolisch zu sein.

Du machst dich - ironisch - mit alldem gemein.

Doch da glimmt eine Sehnsucht,
Die sich schürt zum Magnet,
Die dir bis ins Versteh'n flucht:
"Hier schnurrt ein Planet -
Und du stammst aus ihm außerirdischer Welt!"

Oft hoffst du auf Fragen, die niemand dir stellt.

Schlachtspiegel & das eintausendzweihundertsiebenundachtzigste Gedicht

Völkerschlachtdenkmal Leipzig

Der Umtrieb

In meinem Schuh wächst graues Moos,
Sein Kniegelenk bebt stumm.
Wo bleibt die Zielgerade bloß?
Was treibt mich wieder um?
Ich wink' die Welt an mir vorbei -
Auf mich soll niemand warten,
Und klaube aus dem Zehenbrei
Verfaulte Handgranaten.

Wenn ich heut nicht nach Hause find',
Werden andere Ziele besehen.

Ich bleib', bis ich mich überwind',
Wie angewurzelt stehen.

Gipfelkreuz & das eintausendzweihundertzweiundsiebzigste Gedicht

Zugspitze Gipfelkreuz Österreich

Kurz vorm Kreuz

Es pumpt das Herz.
Es schlingt die Lunge.
Es wummert stirnwärts.
Junge, Junge,
Was nimmst Du alter Berg mich ran,
Dass mir die Luft so dünn wird, Mann?!

Bin schweißvernässt, japs' heiß und kalt
Und frag' mich, ob ich nicht zu alt
Für solch aan steilen Aufstieg bin.
Doch weiß gewiss, dass - immerhin -
Auch wenn ich auf dem Weg erbleiche,
Das eine Kreuz ich noch erreiche!

Herzog v. Bracciano & das eintausendzweihundertvierundsechzigste Gedicht

Blick aufs Schloss Sanssouci mit der neu dort platzierten Büste vom Herzog von Bracciano

Am Belvedere im Charlottenburger Schlossgarten

Es fragt mich hier vorm Belvedere
ob's nicht am Ende besser wäre
Charlottenburger Parkidyllen
mit Lärmschutzwänden abzustillen
Denn kein Blick aus dem Teehaus
gen Schloss oder Spree raus
bleibt hier für 'nen Augenblick unvertont
wo rastlos Verkehr'ndes uns restlos bephont

Mein Friedrich, danke für den Tee
rein optisch sehr friedlich hier, klar, doch versteh:
Verbau kein'n Zaster in der Stadt
wenn's dort zu viele Laster hat!

Fremdling & das eintausendzweihundertneunundfünfzigste Gedicht

Katta im Zoo Hellabrunn

Schwermütigkeit

Ich benötige rasch etwas Körper in mir,
Meine Haut ist vom Leiden so leer.
Und nun drängle ich quengelnd durchs Gästequartier,
Als gäb' es die Hausbank nicht mehr.
Hier gehören doch andere Lösungen hin,
Wenn der Alltag sich so übernimmt,
Dass sein ganzes Gehöft sich entledigt vom Sinn
Und nichts mehr im Blutkreislauf stimmt!

Bin wohl längst nicht mehr bei mir, finde auch nicht zum Du -
Gewiss ist alleine die Störung.

In die Ferne rückt frühere Sehnsucht nach Ruh -
Alles zerdrückt von Empörung.

Schloss Krumau & das eintausendzweihunderteinundfünfzigste Gedicht

Im Park vom Schloß Krumau

Die Gärtnerei aus Herrschersicht

Was magst du wohl bezwecken mit
Solch akkuratem Heckenschnitt?

Es lässt ja nur vom ständigen
Beschnitt Natur sich bändigen -
Ein Herrscher der Natur zu sein,
Lädt allzuleicht zum Aufruhr ein.

Aber über kurz und lang
Hat sich's mit dem Überschwang.

Zwängt man auch das Ausgeheckte
Emsig bremsend ins Perfekte -
Es verlieren Heckentrimmer,
Wenn's korrekt läuft, letztlich immer.

Rückstände & das eintausendzweihundertneunundvierzigste Gedicht

Das letzte Fass, das wir tranken

Das letzte Fass

Das letzte Fass Bier, das wir leerten,
Steht gedanklich auf meinem Balkon.
Wir war'n nicht die tiefsten Gefährten -
Doch der Durst ward nicht mürbe davon.

Das letzte Fass Bier, das wir leerten
So, als stürbe schon morgen die Chance,
Wenn wir sie uns heute nicht währten
In dem blinden Eck meines Balkons.

Der Durst ist mir seither geblieben.
Als Erinnerung, die wir gestillt.
Als Rat, dieses Dasein zu lieben,

Weil's drinnen schon bald nicht mehr gilt.

Adalbert & das eintausendzweihundertfünfunddreißigste Gedicht

Auf der Adalbertstraße in der Maxvorstadt

Der Alp

Ein Alptraum hat sich in das Sofa gesetzt
(und er wird sich nicht weiter erklären),
Hat sich schon zu Mittag mit Zweifeln vernetzt,
Die entzündlich in Platzdeckchen schwären.

Er spricht nicht mit mir, sondern brüllt nur herum,
Kritzelt Skizzen bedrückendster Klarheit.
Doch jedwede Frage belächelt er stumm
Und behechelt den Zugang zur Wahrheit.

Ein Alptraum streckt anmaßend sich in den Raum,
Fläzt sich in die gemütlichsten Kissen.
Noch hält sich die Szenerie halbwegs im Zaum
Und es wurde noch niemand gebissen.

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