Pantheon & das zweitausendzweihundertachtzehnte Gedicht

Zuschauerraum vom Pantheon Bonn

Bonner Elegie

Die Allee der betrunkenen Kanzler a. D.
Verliert sich im Dunst der konturlosen Spree,
Vereidigt ganz stoisch ihr sehr kleines Hier,
Verteidigt ihr weiland verlor'nes Revier.

Der 1-EuroShop postet "Mer hams überstanden!"
Und meldet verrostete Limos abhanden.

Sudetendeutsches Museum & das zweitausendzweihundertsiebzehnte Gedicht

Die Fassade vom Sudetendeutschen Museum München

Weltweiten

Ein Vormittag vorm Monitor
Kommt mir erheblich kürzer vor

Als, sagen wir, am Strand
Von einem fernen Land.

Es gilt, man kann sich schadlos aalen
In Bildschirm- oder WLAN-Strahlen,
Derweil das treue Sonnenlicht
Zu tief in unsre Häute sticht.

Mein Körper widerspricht
So vehement wie schlicht.

Gewiss gereicht es ihm zum Test,
Was man an Spuren hinterlässt:
Dort von zig Cookies angezapft,
Dort barfuß in den Sand gestapft.
So lässt sich für ein Wohlbefinden
Kein besseres Symbol wohl finden

Als, sagen wir, der Strand
Von einem fernen Land.

Orientierungshilfen & das zweitausendzweihundertsechzehnte Gedicht

Beleuchteter Wegweiser am Stuttgarter Schlossplatz

Verlorenheit am Morgen

Die hotelige Frühstücksbuffetorientierung
Kann morgens doch arg überfordern.
Ich irre von Mir-ist's-zu-früh-Konsternierung
Ins hilflose Rühreier-Ordern.

Wo find ich die Löffel, die Butter, den O-Saft?
Wie war noch die Nummer vom Zimmer?
Ob meine Entmüdung noch irgend Niveau schafft?
Ich zweifle. Zur Frühstückszeit immer.

Isarkanal & das zweitausendzweihundertfünfzehnte Gedicht

Am Isarkanal am Ickinger Eisweiher

Kritische Radfahrt

Der Fahrtwind schmeichelt dem Gefühl,
Es ginge gut voran.
Und irgendwer behauptet kühl,
Man käme langsam an.

Ich lasse mir das Aufgetischte
Wie was Gewisses schmecken.

Und spür die Welt, als jüngst Erfrischte,
In alten Hüllen stecken.

Nachbarn & das zweitausendzweihundertdreizehnte Gedicht

Skyline am Schloss Nymphenburg

Ripostegedicht auf "Das Eichhörnchen und der gestillte Hunger" von Elke Bräunling

Das Eichhörnchen und der gestillte Hunger

Das Eichhörnchen mag faul zwar sein
Und ungerecht zu andern
Und dennoch kann's mit Stolz allein
Durch Wald und Wiesen wandern,
Denn ein Charakterdefizit
Verdirbt uns nicht den Appetit.

Doch rattige Beweglichkeit
Bewirkt, dass man „Boah, eklig!“ schreit.
Trotz Body-Positivity
Verstummt nie unser Hang zum „Iieh!“
In Treu- wie auch in Redlichkeit
Übt sich dies Tier vergebens
Von Abscheu wie auch Schädlichkeit
Trübt sich sein Lauf des Lebens.

Wer da jetzt seufzt, das sei nicht fair -
Der äußert sich bedeutungsleer.
Denn nichts Neues ist, dass uns nur gilt
Das äußere Erscheinungsbild.

Bereits beim Faktor Schwanzvergleich -
Hier nackt verschorft, dort plüschig weich -
Zeigt sich, da tun sich Welten auf.
Und so löst sich's nicht selten auf:

Ist erst das Eichhorn halbwegs satt,
Solch Freundschaft bald ein Ende hat.
Schnell wird's dem Nest der Ratte weichen
Und lästern unter Seinesgleichen.

Unerwartetes Obst & das zweitausendzweihundertzwölfte Gedicht

Arkadendach im Botanischen Garten München

Zögerlicher Neustart

Das erste ernsthafte Gedicht
Schaut scheu ins neue Jahr.
Wovon es handelt, weiß es nicht -
Weil fast noch nichts geschah.

Es sieht sich nicht mal in der Pflicht,
Es stelle etwas klar -
Es schreibt ganz schlicht sich hin und spricht:
Seht her, nun bin ich da!

Lothstraße & das zweitausendzweihundertelfte Gedicht

Abendstimmung auf der Lothstraße in der Maxvorstadt

Zum neuen Jahr ein altes Nein

Dem neuen Ja(hr) verbleibt und ja
Nur Besseres zu wünschen -
Und solch Spruch reimt sich offenbar
Ausschließlichstens mit Pünschen!?

Und schreit dann irgendein Cretin
"Nicht zu vergessen: München!",
Verblasst sein Teint nach dem Refrain
"Mein Anspruch wird dich lynchen!"

Winterkarpfen & das zweitausendzweihundertzehnte Gedicht

Karpfenteich im Botanischen Garten München

Wiedergeburt am Neujahrsmorgen

Das Katertier im Hinterhirn
Sträubt kratzgewiss sein Fell
Und kackt mich aus, auf allen Vier'n,
Ins Längst-schon-wieder-hell.

Auf wunden Pfoten krieche ich
Ins schon begrüßte Jahr -
Und tote Ratten spiel'n für mich
Ein Tschingderassassa.

Totenstille & das zweitausendzweihundertneunte Gedicht

Alter Nordfriedhof im Schnee

Selbstversendlichkeit

Boah, ist das dunkel, wenn nirgendwo Licht ist!
Ortlos die Welt, in der dies kein Gedicht ist:
Worte, die Klang über Klang sich entblößen;
Nirgendwo misst wer die Buchstabengrößen.

Wortlosigkeit bohrt sich tief in die Stille -
Irgendwo ortbar zumindest der Wille,
Dass man der Buchstaben oberste Schicht misst.
Boah, ist das dunkel, wenn nirgendwo Licht ist!

Sparkassenstraße & das zweitausendzweihundertachte Gedicht

Sparkassenstraße in der Münchner Altstadt

Olivers II

Im All der Olvivers wirst du
Der Eine für mich bleiben -
Das würde ich nach all der Zeit
Noch heute unterschreiben.

Die Schule schnürte uns die Schuh'
Und trieb uns ins Entfernen -
Des Andren Unverständlichkeit
Hieß sie uns zu erlernen.

Der Schulbus fuhr uns aus den Schwur,
Kein Jemals könnt' uns trennen.

Heut können wir uns sehen - nur
In keinem All erkennen.

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