Achtzeiler

Burgruine & das eintausendzweihundertfünfundneunzigste Gedicht

Gipfelkreuz der Ruine Hohenwaldeck am Schliersee

Herbstdefät

Wie noch Inspirierendes finden
In des Tages gespensterndem Grau?
Zäh zieh'n sich des Jahrs letzte Rinden,
Die ich mir zum Maulknebel kau'.

Das Blatt, das versprach, sich zu wenden,
Klebt verrottungsbereit auf Asphalt,
Da Radios Warnungen senden,
Draußen bliebe es fortan sehr kalt.

Die Wörth & das eintausendzweihunderteinundneunzigste Gedicht

Die Wörth - Insel im Schliersee

Halo

Wir kreisen im unverwandt Gleichen,
Gebannt, Lob und Preis zu erreichen.
Indes ein Dunkles um uns hängt
Und unsre Sichtbarkeit versengt.

Wir werden das Lob und den Preis niemals seh'n
Und in den Halo übergeh'n,

Des Ungescheh'ns Materie sein
Und neuen Lichtern blinder Schein.

Dämmerung & das eintausendzweihundertdreiundsiebzigste Gedicht

Sonnenuntergang bei Garmisch-Partenkirchen

Gleiches und Gleichen (und wenn alle dran glauben, dann reimt es sich auch)

Der Sound des Tatsächlichen wiegelt nicht auf -
Wir wüten vielmehr auf Prognosen
Und setzen dem Scheinlichen Ist-Stempel auf -
Die schniegeln wir mit Diagnosen.

So ist unser Wissen vom Inzest gestimmt -
Wir denken uns gleich unter Gleichen
Und küren uns dauernd - so klar wie bestimmt -
Zu Siegern in allen Vergleichen.

Gartenausgang & das eintausendzweihundertsiebenundvierzigste Gedicht

Englischer Garten, Ausgang Schwabing

Summer's End

Es herbst schon wieder in die Welt -
Dieser Schlag lässt sich nicht mehr parieren.
Wie dünn sich heut der Tag erhellt!
Im Himmelhochblau zelten Schlieren.

Ein Abschied wiegt sich ins Gemüt,
Dessen Umfang wir noch nicht erkennen.

Wie stets ist es gefühlt verfrüht,
Sich jetzt von den Gärten zu trennen.

Walhalla & das eintausendzweihundertzwanzigste Gedicht

Walhalla bei Regensburg

Sieb

Heut hab ich die letzte Erinn'rung verbraucht
Und wink ihr seitdem hinterher.
Bin manche Stund' wehmütig in sie getaucht -
Spür Duft und Geschmack nimmermehr.

Entrissen vom Tau, das im Fluss ziellos treibt,
Verbunden allein durch Verlust.
Am End' ist's die Leere, die mir von ihr bleibt:
Ich habe es einmal gewusst.

Petronius & das eintausendzweihundertachtzehnte Gedicht

Heiliger Petronius an den Geschlechtertürmen Bolognas

Die Geschlechtertürme

Alte Damen halten die Kiste in Gang,
Da die Grandpas schon stoisch veröden -
Die spielen die Herzogs vom mindren Belang
Und hampeln durchs eigne Verblöden.

Man muss beim Triumphbogen nicht übertreiben
Und lässt auch beim Pogo zu stumpfe Moves bleiben -
Doch letztmalig bleibt unbemerkt,
Wo sich die letzte Zeit verstärkt.

Ghirlandina & das eintausendzweihundertvierzehnte Gedicht

Ghirlandina - der Glockenturm vom Dom zu Modena

Sommernackt

Ich mag die Tönung vor der Bräunung,
Wenn das porzellanene Rührmichnichtan
Sich antastend wagt aus der Kleidung Umzäunung
Und allürenfrei einragt ins Nackte, ja, dann
Hält der Frühling ein glühendes Körpercomeback,
Er flattert sich unbändig aus allen Zwang,
Schleudert Perlen, die ich - etwas unerlaubt - einsteck',

Denn ich weiß, all die Winter sind zahlreich und lang.

Piazza Maggiore & das eintausendzweihundertundsiebte Gedicht

Freilichtkino am Piazza Maggiore

Bologna

Wo so viel Altes türmt und arkt,
Bleibt Gegenwart nur Gast,
Der sich flanierend unterhakt
Und nachgerad' verblasst

In nachtgeneigte Gassen rie-
Selt Ausgelassenheit.

Schon schluckt die schwere Nostalgie
Dies kleine Etwas Zeit.

Bologna & das eintausendzweihundertundfünfte Gedicht

Arkaden von Bologna

Oldschoolferien

Meine treu gehegte Neugier wühlt
Im schwer Bedeutungslosen.
Man klaubt, was sich nach nichts anfühlt,
Und schluckt's in kleinen Dosen.

Was mir die Nachhut offeriert
Als Rausch an Angeboten,
Ist endlos lustlos limitiert -
Ein Jahresplan von Toten.

Geschlechterttürme & das eintausendzweihundertundvierte Gedicht

Die zwei Türme von Bologna

Der Kükenmuser

Wir wollen in Würde den Bruderhahn schreddern
Als Prälaten pragmatischer Liebe,
Uns nicht mehr in frommen Gedanken verheddern,
Als wenn uns ein Schuldasyl bliebe!

Wir haben der Duldsamkeit Segen erklärt -
Und stell'n ihn aus Coolness in Frage.
Wenn Unredlichkeit uns bald nicht mehr ernährt,
Verbessert das nicht unsre Lage!

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