Zehnzeiler

Umgehungsstraßenkuh & das sechshundertneununddreißigste Gedicht

Kühe in Uidapurs Straßen

Alle meine Welt

Alle meine Welt ist Pisse
Haifischbeckenbodenrisse
Alle meine Welt ist Kot
Liebesschwur bei Atemnot
Alle meine Welt ist Kotze
Ödes "Meine Welt"-Gemotze
Alle meine Welt ist Eiter
Glimmerpimmel, Schimmelreiter
Meine Welt soll dir, du Schwein
Ewig Leit- wie Leidbild sein

Isarhochwasser & das sechshunderteinundzwanzigste Gedicht

Isarhochwasser

Daß Du ewig denkst an mich

Du hast das Heidenröslein gebrochen
Danach vielleicht zweimal an ihm noch gerochen
Es mit sanftem Druck ins Heu gelegt
Dass es doch zumindest im Notfall verpflegt
Und nicht so sehr am Heimweh leide

Es war in Deinen Augen Weide
Und fügte sich ins tote Gras
Wie dem Grundton derselben Erkenntnis: "Das war's!
So abgrundlos kurz war vorm Leiden das Glück ..."

Und auch Du wünschtest ihm nun die Heide zurück

Gärtnerplatz & das sechshundertachtzehnte Gedicht

Gärtnerplatzfest

Nur ein Schauer?

Regen pflegt immer noch tödlich zu sein
Er kann, was, er will, auch, beenden
Erdrängt sich in treudoofe Sommer hinein

Man hört von dezenteren Bränden
Regen pflegt immer noch tödlich zu sein

Zwar röhrt die Sau: "Glaub mir
Das ist nur ein Schauer!"

Doch er ist halt ein Raubtier
Und schlägt seine Hauer
Aus Triebgewohnheit in Dich hinein

Der Pilz & das sechshundertzweite Gedicht

Olympiapark

Das Leben im Glückspilzgarten

Du ahnst die Welt mit Optimismus hinfort
Und ich kann Deinen Sturz kaum erwarten
Doch Du findest trotz Blindheit das passende Wort
Und eroberst Dir weitere Staaten

Und mitten im Camp der stochastischen Duldung
Hast Du Dir ein Blockhaus gebaut
Ich gleite durchs Koma der Weiterverschuldung
Schrei wirklich um Hilfe und doppelt so laut

Nun bleibt für den Ausgleich auch nicht mehr die Zeit
Und wahre Verachtung verklärt sich zu Neid

Neugrün & das fünfhundertzweiundfünfzigste Gedicht

Englischer Garten

Sprösslinge

Das unbedarfte Gras, es prahlt
Recht abenteuerlich
Ich ahn', wenn wer fürs Taxi zahlt
Bin's nachher wieder ich

Doch bewarte ich weiters die Halme im Kommen
Ob der Chance einer Möglichkeit, die schon verschwommen
Am schalen Rand des Nahen nagt

Das macht ja niemand satt

Auch strahlt ein Glanz, der ungewagt
Im Abendlicht schon matt

Baalin & das fünfhundertfünfzigste Gedicht

Berlin Hauptbahnhof vom Kanal

Berlin ist Baalin

Berlin ist Baalin
Und autobrutal
Schonungslos wie wohnungslos
In Baustellenmarter entartet, zumal
Die Nistplätze der Niedlichkeit
Geplündert wurden mit der Zeit
Berlin ist Baalin
Und in ständigem Groll
Aber wenn grad nichts wehtut
Dann find ich's hier toll!

Langmut & das fünfhundertsechsundvierzigste Gedicht

Der Langmütige und der Scheißtag

Dieser Tag verhält sich übel
Und leert seine Abfallkübel
Über deinem Langmut aus

Ihm gefällt es, dich zu schwächen
Deine Stelzen zu zerbrechen
Mit der Ahnung eines GAUs

Trotzdem denkst du unverwandt
Alles läg in deiner Hand

Du verdammst nicht mal 'nen Tag
Wie ihn wirklich niemand mag

Nachtschattengewächse & das fünfhundertzweiunddreißigste Gedicht

Saatkrähe an der Isar

Die im Dunkeln

Düsternis an hellen Tagen
Mahnt euch, nicht zu viel zu wagen
Warnt vor nahendem Versagen
Lasten, die alsbald zu tragen ...

Mein Gemüt beizt längst der Saft
Einer düstern' Brüderschaft
Den berauscht schon volle Kraft
Wenn man kurz die Rollos rafft

So sind aufs Dunkeln dieser Welt
Die Unken besser eingestellt

Großbrand Schwabing & das fünfhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Nach der Evakuierung: Blick vor die Wohnungstür

Eine Woche später: Man riecht es noch, man sieht es nebenan und glaubt immer noch kaum, wie knapp man daran vorbeigeschrammt ist.

Der Glimpfling

Wie prall, wie hilflos eingepfercht
Steckt in tumber Zentralgewalt patschig dein Leben!
Und alles, was von irgend Wert
Trennt nur noch ein Schrittchen vom "Hat's mal gegeben -
Ist längstens gewesen!"

Wie willst du das lesen:
Als Ende oder Neuanfang?
Von solchem Punkt geht's nirgends lang ...!

Doch das Schicksal verwöhnt dich mit Strickleitertricks -
Und so gähne denn weiter vorm Rachen zum Nix!

Nebenkanäle & das fünfhundertsechsundzwanzigste Gedicht

Venedig Kanäle

Venedig

Dieser trubelversandende Abzweig führt
Als einer wie andre zum Anschein vom Fernab
Maskiert als ein Fleck, der galant unberührt
Hier wechselt die Strömung nach "wie ich's grad gern hab!"

Schon ist der Kanal nur noch Spiel mit der Ruhe
Und schwappt so gelinde zum Klappern der Schuhe

Man irrt wie auf Ansage durch diese Gassen
Die wirken wie gleichsam verirrt in die Stadt
Gespurt über solch atmosphärende Trassen
Ist man vielleicht skeptisch, doch sicher nicht satt!

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