25 Irrspiegel & das achthundertsiebzigste Gedicht

Skyline Schwabing

Roaring Houses

Die Häuser verlassen nun ihre Gemäuer
Und der Korridor schlüpft durch die Keller
Das Wachstum der Steine ist ewig Gesetz
Was sie stoppte, macht heut alles schneller

Die alte Bescheidenheit wendet sich heuer
Gegen jegliche Form von Respekt
Die Räumlichkeit schluckt nun ein tieferes Netz
Das im Jenseits der Sinne versteckt

24 Augenwerk & das achthundertneunundsechzigste Gedicht

Schatten im Schlossgarten Stuttgart

Grausend Mal (hinter dem Sie sich verbergen!)

Spieglein, Spieglein an der Wand
Bist du noch ganz bei Verstand!?

24 Augenwerk & das achthundertachtundsechzigste Gedicht

Innenhof Schloss Blutenburg

Ohne Worte

Derweil meiner Fresse die Zähne zerfielen
Und ein Pilz aus dem Lippenriss spross
Schälten sich von meiner Zunge die Schwielen
So kam's, dass ich schweigend genoss
Und nach und nach Loch um Loch wiederbefüllte
Und Essensrestnester mit Wundfleisch umhüllte

Weil aber den Zerfall eine Zähheit befraß
Die jeden Sporn Hoffnung vermüllte
Kam's, dass ich um Hilfe zu schreien vergaß

23 Hauptmannsplausch & das achthundertsiebenundsechzigste Gedicht

Stuttgart Killesbergpark

Im Lügestütz

Die Infamität deiner Fehltrittlegenden
Zwingt höflichste Fanblocks ins Stutzen
Auch Loyalitäten gebärenden Lenden
Misslingt, erstem Zweifel zu trutzen

An dem Punkt, ab dem dir niemand mehr glaubt
Wirst du all deiner alten Geschichten beraubt
Und die Ungeheuer verweh'n ...

Wer erklimmt noch deines Ekels Wall?
Nur vermindertes Mitleid gedeiht hier im Stall -
Und Größ'res ist niemals gescheh'n

22 Stängelabzählen & das achthundertsechsundsechzigste Gedicht

Am Max-Eyth-See Stuttgart

Erste Konfrontation

Es streckt sich alles Neuentdeckte
In nie mehr zu tilgende Sichtbarkeit

So ehre das vor dir Versteckte
Als letzten Garanten der sorglosen Zeit!

21 Frühlingsmoder & das achthundertfünfundsechzigste Gedicht

Stuttgart Killesbergturm

Euphorbia

Hat der Fuchs in dir wieder mal Auslauf, Schatz?
Denkst ja nur noch ans Königinrammeln!
Ist so mucksmäuschenstill auf dem Kriegsschauplatz
Wo die Stoßtruppboys langsam vergammeln ...

Schnall dich an, bevor du die Glückspillen nimmst!
Hail, Himmelfahrtskommando!
Dir wird von der Höhe, in der du grad schwimmst
Der Pimmel ganz hart, Orlando!

Der einzige Stress ist die Ruhe vorm Sturm
Die Detailanalyse vom Ahnen
In steter Habachtstellung leuchtet der Turm
Und alles nimmt stur seine Bahnen

20 Wandgewürm & das achthundertvierundsechzigste Gedicht

Stuttgart Schlosspark

Natürliche Hauslese

Es lesen die Maden in meinen Wänden
Ein Rezeptbuch für tödliche Wunden
Verwesendes steht erst in späteren Bänden
Selbst Mädchen zähl'n da zu den Kunden

19 Glastiefenschleim & das achthundertdreiundsechzigste Gedicht

Ruhpolding

Streifzug, Fensterplatz

Die Entdeckung einer neuen Welt
Wird sich auf Gewöhnliches stützen

Wie hoch auch die Flut alles Untreuen wellt
In ihr wird stets Öhnliches blützen

18 Spindseligkeit & das achthundertzweiundsechzigste Gedicht

Ruhpolding Rathaus

Statt Laminatlamentos

Ich glaube, dass heut' sich der Raufaseranstrich
Für dich als Erlöser entscheidet
Und dass auch der Estrich - getreu lächelnd - sich
Am Schein deiner Göttlichkeit weidet

Du formulierst immerfort schnuckelig scharf
Du erklärst dieser Welt eloquent, was sie darf
Du hast dir für uns eine Meinung gebaut

Vom Baumarkt murrt einsam der Lagerbestand
Ich glaube, den dauert das Warten

Allein, all mein Glaube ist irrelevant
Nur du wandelst Worte in Taten
Und hast als Polier dich mit Allmacht betraut

17 Inwändigkeiten & das achthunderteinundsechzigste Gedicht

Ruhpolding

Das Töten kleiner Tiere

Grad eben war noch lebend
Was nun am Fenster klebend
Längstens ist umhergeschwirrt
Um sich 'ne Zukunft aufzubau'n -
S' ward augenblicklich totgehau'n!

Ein Sein in die Zermalmung schmiert ...

Aus Angst, er könnt' der Nächste sein
Zerhäkselt dich dein Rexilein

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Frank Klötgen - Post Poetry Slam - täglich frische Gedichte & Fotos RSS abonnieren