Intendance & das eintausendeinhundertsechsundvierzigste Gedicht

Anse Intendance auf Mahe

Am Gatter

Kann die Losigkeit hinter dem Gatter riechen,
Spür der Sicherheit lähmende Arme -
Mir ist nicht vergönnt, mich darin zu verkriechen.

Immer wieder gemahnt mich mein Name,
Dass die Unmöglichkeit eines guten Endes
Zu untergestaltend zur Aufgabe zwingt.

Ich schlitt‘re ohne Fundament - es
Kümmert zu spät, dass das alles nichts bringt!

Für rare Momente schien viel überwunden -
Als wäre das Gatter frei interpretierbar.
Doch auf gleicher Höh‘ hab ich mich nie befunden -
Davon zeugt auch die ratternde Zeit unbeirrbar.

Check-In & das eintausendeinhundertfünfundvierzigste Gedicht

Doha Flughafen

Am Flughafen

Mutti, sieh!
Dem Duty-Free-
Shop stopft
Und pfropft
Warenvielfalt
Mit Zarengewalt
Alle Regalle haltlos voll -
Und nichts davor will man verzollen!

Kind,
Ich find
Dein Int‘ressieren
An der Welt, die wir passieren,
Phasenweise -
Ich sag‘s mal leise:
Sprachlich zu geschwollen.
Und Regal - das weißt du was, gell?! -
Spricht man nicht mit Doppel-L!

Haus der Kunst & das eintausendeinhundertvierundvierzigste Gedicht

Haus der Kunst München

Tagediebe unter sich

Vertraue aufs "Das haut schon hin!"
Und hau' dich auf die Couch mit rinn!

Oachkatzl & das eintausendeinhundertdreiundvierzigste Gedicht

Eichhörnchen auf dem alten Südfriedhof

Crossover-Ripostegedicht zu Leopold Sedar Senghors "Gedicht für meinen weißen Bruder" und Robert Gernhardts "Gesetz den Fall, ihr habt ein Schaf gekränkt".

Angeschwärzt

Gesetzt den Fall, das Schaf ist schwarz -
(wie schnell fällt dann der Satz: "Das'n Fall fürs Gesetz!"?) -,
Und du weißt, weiß strahl'n all deine sichtbaren Parts,
Wenn der Schäfer fragt: "Wer's'n der Sündenbock jetz?"

Dann gibt's keinen Klär- oder Kränkungsbedarf,
Weil ein Blick unsrer Herde die Weißheit beweist:
Verbockt hat's, klar, das schwarze Schaf -
Erst recht, wenn es Obamäh! heißt!

Sagt jetzt nicht: "Schwarz ist farblich doch eh am Ende!
Da kann man sich jedwede Tönung auch schenken!
Nichts, was schwarzes Schaffen mit Chef-Sein verbände -
Da darf man ein Schaf auch mal schärfer für kränken!"

Ein gutes Wollgeknäuel zu tragen,
Liegt auf jedem Fell in der Schafe Natur,
Drum drängt euch nicht zum Kränken-Wagen -
Als stünden wir nicht vor der selben Rasur!

Warschauer Himmel & das eintausendeinhundertzweiundvierzigste Gedicht

Warschauer Straße S-Bahnhof

Dem Äther

Radi - Radi - Radio,
Ich drehe am Rad deiner Sendersuche
Und flüchte mich ins Irgendwo,
Getrieben vom seiernden Deutschpop-Eunuche.
Wissend:
In dem Gerausche der Ultrakurzwellen
Gibt's die momentelang richtigen Stellen,
Die wandernd der lot-rote Strich für mich findet
Und Gerättreue kurz an Bestätigung bindet.
Erinnernd:
Die matt hinterleuchteten Stadtnamenskalen
Im Musiktruh'n entströmenden Röhrengeruch,
Die 'nem Dreiersprung folgenden Megaherzzahlen
Am Radiorecorder nebst Bandsalatfluch.
Mixtape-alert auf der Suche nach Stil
Stieß ich tiefnächtens aufs Herz von John Peel,
Gab ihm die Lizenz, mir die Nächte zu stehlen
Mit krudem Kram aus noch verdecktem Gefallen -
Den würde mir Spotify niemals empfehlen!
In solch Algorithmen riecht alles nach allen.
Verklärend:
Auf Grundig und Blaupunkt brach ich dereinst auf
Zu landen an Stränden von neuen Instanzen.
Von Sony und Sharp nahm ich Flotten in Kauf,
Als Worte und Klänge mich lehrten zu tanzen.
Abwehrend:
Du maulst gekränkt, hier fehle die
Probierkraft der Community -
Der autarkische Schwarm sei der Held vom Gedichte!
Das ist vielleicht nicht grundverkehrt,
Mir bleibt's ein Reichtum ohne Wert -
Das wird später deine, nie meine Geschichte.

Stalinallee & das eintausendeinhunderteinundvierzigste Gedicht

In einem Häuserdurchgang der Karl Marx Allee / Otto Grotewohl Grundstein

Regen in der Simon-Dach

In Berlin ist der Regen am grausten
Und treibt durch die Straßen wie desint'ressiert
An all der temporär enthausten
Unwürdigkeit, die da frömmelnd spaziert
Und irrt
Und irrt.
Und irrt.
(Man will etwas Spirit ja trotzdem erleben.)
Und immer nasser,
Blasser
Wird.
(Hier wirkt aller Abschaum nur herrlich daneben!)

Es belächelt die Stadt die zerzausten
Schöpfe, die ohne Berechtigung sind.

In Berlin ist der Regen am grausten
Und aus dir nieselt immer noch Schönheit, mein Kind!

Kristalltherme & das eintausendeinhundertvierzigste Gedicht

An der Kritalltherme Ludwigsfelde

Von Empfindlichkeiten

Die Helligkeit des Simulierten
Ist Wirklichkeiten nicht erlaubt!

Drum rügen sie die Angeschmierten:
"Seid selber schuld, wenn ihr das glaubt!"

Abendrot & das eintausendeinhundertneununddreißigste Gedicht

Abendrot an der Hamburger Hafenstraße

Die Reblaus (ein revolutionärer Abzählreim)

Ein Standbein auf Standby,
Riskante Risskanten,
Ins Display nen Riss, ey,
Den Dissseits Verbannten!
Es gibt eben nicht genug Chancen für alle,
Oft kontamanieren Avanzen zur Falle!
Verkannte Verwandte
Und niemals Vermisste -
Verschandelt vom Wandeln
Durchs regungslos Triste.

Ungeheuer, -ziefer, -mach
Hol‘n jetzt aus zum Gegenschlag -
Hier kommt keiner lebend raus!
Außer eine Rebenlaus.

Abladen & das eintausendeinhundertachtunddreißigste Gedicht

Kräne am Hamburger Hafen

Februarsonne

Der Frühling küsst schon wieder mit Zunge!

Doch fragt's mich, ob der alte Junge
Es wirklich mit mir ehrlich meint.

"Zu früh ist's!", blitzt's in den Taschentuchfahnen,
Die dutzendnäsig wringend warnen,

Dass alles noch gefährlich scheint!

Elbphilharmonie & das eintausendeinhundertsiebenunddreißigste Gedicht

Detailansicht Elbphilharmonie

Die Nebenjobs der Elphi-Elfen

Hart fistende Harfenistinnen
Sind gewiss im Hafen die
Im Binnenschoß bespritztesten
Protagonisten der Elbharmonie.

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