Städtetourismus & das zweihundertachtundsiebzigste Gedicht

Im Gras liegen

Mein Gebiet.

Von Städten

Es gibt Städte, dort baut man mit größeren Steinen
Weshalb auch die Städte viel größer erscheinen

Es gibt Städte, da siehst du nur mächtige Türen
So möchten sie dich, Bursch, zum Diebstahl verführen

Es gibt Städte, in denen läuft nichts ohne Grund
Dort wird man dich fragen: Was willst du hier? Und

Es gibt Städte, da geht man am besten nicht hin

Und dann gibt's noch die Stadt, in der ich immer bin
Aber frag nicht, ob ich vielleicht Zeit für dich hätte

Es gibt keine Zeit in dem Dickicht der Städte

Stuttgarter Kickers & das zweihundertsiebenundsiebzigste Gedicht

Stuttgarter Kickers GAZI-Stadion

Nach dem Wald ins Stadion. Ich reiche dazu ein dem Rahmen gemäßes Herrengedicht.

Verständnis, Miss!

Du forderst "Gleichberechtigung!"
Und scheinst dabei etwas gehetzt
Dreht sich doch die Welt mit geordertem Schwung
Du sagtest ja Gleich und nicht Jetzt

Unter Birken & das zweihundertsechsundsiebzigste Gedicht

Landpark Lauenbrück

Open Air im Landpark. Mit Wald.

Die kleinen Stämme

Wir gerippigen Bäume können nicht richtig schwingen
Wir wippen und kippen dann um, doch wir singen:
"Wenn jeder hier mitmacht, dann schaffen wir Wald
Und sind uns einander bezweigend ein Halt!"

Doch sind wir es nur vorübergehend
Schon stürmt ein Wind, uns niedermähend
Den Schwunggewandten Platz zu bereiten
Welche in die geschaffenen Astlöcher gleiten

Wir wippen und kippen, wir steh'n hier nicht lang
Wenn wir auf was stolz sind, ist's unser Gesang

Lauenbrück & das zweihundertfünfundsiebzigste Gedicht

Landpark Lauenbrück

Gäste im Abseits beim Poetry Slam im Landpark Lauenbrück.

Unter Tieren

Die Tiere sind immer in ihren Verstecken
Was sich unbedacht zeigt, wird schnell niedergestreckt
Der Wald wird Gewehrlauf und Fangzähne blecken
Wo ein Schnäuzchen zu weit sich in Lichtungen reckt

Die Tiere sind immer in ihren Verstecken
Sie sind nicht zu sehen und doch sind sie da
In blickdichten Dickichten nicht zu entdecken
Ihr'n Fluchtinstinkt zügelnd bei nah'nder Gefahr

Doch Angstschweiß verrät die Gedanken der Tiere
Ein spähender Blick streift die Fährte zum Bau
Die knurrenden Mägen markieren Reviere
Und Anwesenheit spürt ein Jäger genau

Dann schnellt eine Kralle ins Herz einer Höhle
Gellt ein Schuss, kläfft die siegreiche Jägersmann-Töle
Werden Kobel und Nester von Glut überfallen
Und Blutrunst durchstöbert die heim'ligen Hallen ...

Doch die Tiere sind immer in ihren Verstecken
Es werden Verluste und Wunden beleckt
Kurz ohne ein Heim und ermattet vom Schrecken
Besteht eine Welt, die ist bestens versteckt

Grillrost & das zweihundertvierundsiebzigste Gedicht

Isarauen

Grillzonen und Räucherkammern in den Isarauen.

Was bleibt

Begrabt mich zwischen zwei Semmelhälften auf den Grillplatzbereichen der Isarauen!
Dort mag ich die Marinaden ausbaden und wampenfetttriefend ein T-Shirt einsauen
"Ach, Scheiß! Das gibt 'nen Megafleck ...!"
Ich weiß. Der geht auch nicht mehr weg.

Auf der Durchreise & das zweihundertdreiundsiebzigste Gedicht

Rheintal Zugstrecke

Auf dem Weg nach/über Stuttgart. Jetzt nur Zwischenstopp, Sonntag bereits Tourstation.

Die Heldenhaften

Well, i stood grad
Dort in Stuttgart
Für den brüchigsten Bruchteil von einem Moment
Von Umstieg und Zustieg zur Heimfahrt getrennt ...

Hinter mir im Bleibenswerten
Treiben all die Umgekehrten
Rütteln am Baugerüst meines Entschlusses ...

Jeder Waggon scheint ein Wagnis, man muss es
Tun
Nun
Sitz ich im Zug
Die Willenskraft war wieder saftig genug!

Und schmeckt der Triumph meiner Tat auch recht schal
(Es war ja nur Stuttgart!) - das ist mir egal ...

Rheinwasser & das zweihundertzweiundsiebzigste Gedicht

Mosel bei Koblenz

Moselschwimmer, vom Schönfärber verwöhnt. Und ein Rheingedicht. Mit Gruß aus Koblenz.

Treibgut (darum ist es am Rhein so schön)

Dass ein alter und schmutzigschauriger Fluss
Im Tal der Romantik sehr traurig sein muss
Mag jeder nach Stimmigkeit Dürstende glauben
(Und niemand soll hier ihm die Zuversicht rauben)

Auch zur Schmach der Dramaturgen
Schauen Fachwerk, Wein und Burgen
Auf die brackigbraunste Brühe
Die als Fahrtweg nur beliebt
Weil es all das andre gibt

Ach, leidige Idyllen-Mühe!
Da am stärksten dich genießen
Die sich dreist und mit Genuss
Ins gemachte Flussbett gießen
Nivelliert vom Überfluss

Badewasser & das zweihunderteinundsiebzigste Gedicht

Isarwehr

Spielverderber an der Isar.

Dogmendog

In Sommerfrischen denke nicht / an Kirchen im November!
Weil deren Todesnähe ist / durch Phantasie nicht dämmbar
Lass dir kein X für's U andreh'n
Setzt auch die Welt aufs Schnellversteh'n
Und schreibt auf Fassaden "Hier: Vier dünne Risse!"
So steht es im Sketch-Bxch, ist gleichsam Kulisse
Bleib das, was du denkst - wenn auch alles vergisst
Dass längst noch nicht November ist

Publikum & das zweihundertsiebzigste Gedicht

Fesselballon über dem Englischen Garten

Oben: Idylle. Unten: Abgründe.

Poetry Slam

Diese Masse an Menschen! Und alle verdauen!
Wie sollt' als Ästhet ich mich nun noch getrauen
In diesen Morastpulk mein Lied zu versenken
Da alle an Glied- oder Scheidenstrom denken
Um schon in der Pause ein Meer voller Pisse
In Kübel zu strullern? Wo ich doch gewisse
Ideale von Schönheit zu gern propagiere ...
Vor Körpern, den'n Kotknetung und Uriniere
Das einzige Gebot der Zeit
Führt solcher Anspruch bloß zu Leid

Drum geh nicht den Weg über weit're Verkopfung
Sondern quäle die andern und sorg für Verstopfung!

Worms & das zweihundertneunundsechzigste Gedicht

Worms

Zu Gast bei den Nibelungenfestspielen. Mit dem dritten Teil des Buches:

Die Hagen-Klage

Hagen, oh Hagen - welch hässlich Betragen!?
Dir bleibt zwar das "Sehr Gut" in Leute-Erschlagen -
Doch kannst Du mir sagen, was das hier jetzt soll,
Du notorisch grimmer und grollender Proll
Aus der B-Prominenz der burgundischen Garde?
Ey, ich mag das kaum glauben - hast Du wirklich jetzt grade
Dem Bübchen von Etzel den Kopf abgeschlagen?!
Was? ... Dich nerven halt manchmal die Hunnensohnblagen!?
Klar, und schnell noch den Erzieher entsprechend verkürzt,
Nen Spielmann per Handschlag ins Unglück gestürzt ...
Wenn Du einen Schlaganfall kriegst, werter Hagen,
Endet manch Körper bald knapp überm Kragen!
Und dann tönst Du vortrefflich: "Jetzt leg ich erst los!" -
Legst Tonnen Innereien bloß.
Das fanden die Nazis zwar knorke wie Bolle -
Doch mir scheint, Du hast Dich nicht unter Kontrolle!?
Woher stammt Deine Lust an der anderen Autsch?
Magst Du drüber reden? Hm? Da steht die Couch.
Zuallererst sag mal: Wo liegt eig'ntlich Tronje?
Ach, das ist eine Grafschaft von Testosteronje -
Ein Landstrich, wo sich stets verbarg
Ein menschenschlag'nder Menschenschlag ...?!
Sag, hat auch Vater Aldrian Dich öfter geschlagen -
War ihm Bruder Dankwart der töftere Hagen?
Hat Mama Dich nicht richtig aufs Töpfchen gesetzt?
Und da damals schon Hass ward gesät, hasse jetzt
Ständig Beef? Junge, ich frag mich: Sind Deine Hiebe
Bloß schief eingesungene Schreie nach Liebe?
Schon alleine, wie Du unsern Gunther umgurrst
Als treueste Vasallenwurst -
So pflichtergeben, ritterlich!
Ey, Hagen, komm - ich bitte Dich:
Für den musst Du Deinen Input aufs Schwert reduzieren
Und Innere Werte aufs Torso-Tranchieren!
Fühlst Du Dich dort im Wormser Land
So als Person auch anerkannt?
Ja, kaum sprech' ich es an, stehst Du voll unter Dampf!

Übersprungshandlung: Reiterkampf!
Schnell zu den Buhurten spurten,
Lanze greifen, Helm umgurten -
Heidenspaß, wenn Schilde krachen -
Garstig schauen, schallend lachen ... Hargh! Hargh! Hargh!

Nun zurück zum Ernst des Lebens -
Kerl, sonst war unsre Sitzung heut völlig vergebens!
Was gar nicht zu bekritteln is',
Dass Du ein 1A-Ritter bis' -
Nur diese ewige Mordlust, Dein Geifer, die Wucht
Schein'n mir wie Symptome von Eifersucht.
Ich weiß, du verneinst es gern wild und entschlossen:
Doch bist Du ein wenig in Kriemhild verschossen?
Es fehlt nur an Wortschatz, dies auszudrücken -
Und so schaffst Du bei and'ren halt Platz überm Rücken.
"Hä, was ey?! - das kannst Du jetzt gar nicht versteh'n?
Na, ich fass mal zusammen, was bislang gescheh'n:
Zunächst missbrauchtest Du schändlichst Kriemhilds Vertrauen,
Um in ihren Gemahl einen Speer zu verstauen:
Auf die einzig verwundbare, tödliche Stelle
Von Siegfrieds durch Drachenblut steinharter Pelle
Hat sie Dir ein Fadenkreuz gesetzt,
Durch das Du ihr'n Mann und dann sie hast verletzt.
Nach dem Mord hast Du flugs ihren Hort noch verschenkt
Und in den Rhein hinein versenkt.
Siegfrieds Schwert steckt seither schick bei Dir in der Scheide,
Auf dass die Kriemhild rischtisch leide...!
Du gönnst ihr nicht den zweiten Gatten,
Magst den'n keen Besuch abstatten ...
All dies "Etzel, nee!" und "Kriemhild, bäh!" zeigt mir, sofern's nicht Feigheit ist,
Dass Du ihr zugeneigter bist
Als Du ... Was ist mit Dir, Hagen, Du zitterst?! 'N Krampf?

Übersprungshandlung: Reiterkampf!
Schnell zu den Buhurten spurten,
Lanze greifen, Helm umgurten -
Heidenspaß, wenn Schilde krachen -
Garstig schauen, schallend lachen ... Hargh! Hargh! Hargh!

Noch mal zurück zum Thema Liebe.
Nun, lassen wir Kriemhild mal weg - gut, da bliebe
Noch Volker. Der Fiedler! Dein Lieblingsgefährte -
Der doch etwas unkritisch von Dir Verehrte.
Von Anfang an prägt das gemeinsame Reisen
Ein krankhafter Drang, sich als Held zu beweisen:
Den Fährmann enthaupten, den Paster ertränken,
Das einzige Schiff für die Rückfahrt versenken.
Dann mit Volker so voll cool vor Hof provozieren
Und neckisch des Etzels Dezenz kommentieren
"Feigling!" - denn, hey, Ihr wollt noch eskalieren,
Hier und da wen massakrieren,
Euch brüderlich im Kampf beistehen,
Hurtig Hunnen niedermähen ...
Du lobtest nun schon - ungelogen -
Wohl zwölf mal Volkers Fiedelbogen.
Und mit dessen Kampfwut fühlst Du Dich so symbiotisch -
Vielleicht auch ein Fitzelchen homoerotisch?
Treibt Euch die Angst vorm Coming-Out,
Dass Ihr so eifrig rammt und haut?
Zerstückelt Ihr im Schwerterfight
Nur unterdrückte Zärtlichkeit?
Und statt als liebende Musen müsst Ihr Euch gebärden
Wie die derbsten Prolls auf Erden?!

Wo ist Deine verwundbare Stelle, Hagen?
Wart, als Dein Psychiater kann ich das wohl sagen
Und näh Dir ein Kreuzchen - Du kennst solch Methoden -
Auf die taube Verbindung von Resthirn und Hoden.
Du sonnst Dich im Selbstgefall'n "Weil ich es kann!" -
Hältst Dich für den rühmlichsten, kraftvollsten Mann
Du huldigst dem "Ehre und Blut"-Ideal -
Doch Tschuldigung, Hagen - das ist nicht normal!
Wer wehrlose Kinder noch munter zerdrittelt,
Der scheint mir doch minder- bis unterbemittelt,
Brutal verspult und widerwärtig -
Ja, einmal kurz durchatmen, ich bin noch nicht fertig!
Die Kampftreue, die Du Dir zu Tugend erhebs' -
Das ist der Nibelungenkrebs!
Dies schmierige im Pathos Suhlen,
und als ein Held herumzuhoolen ... -
Denk nicht, dass die Nachwelt Dich dafür begnadigt!
Zwar ham Dich die Nazis mal stalinbegradigt -
Doch wer in Kampflust versteift, der verlässt diese Welt
Als ein elender Abschaum - nur niemals als Held!
Und es führt auch kein Fluchtweg aus diesem Gedicht.
Und 'ne Übersprungshandlung - die rettet Dich nicht!

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