Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Düsseldorfer Sittich & das zweitausendzweihundertachtzehnte Gedicht

Halsbandsittich in der Düsseldorfer Innenstadt

Deutsche Papageien

Unsre Farbe krächzt jene Exotik hervor,
Die der Nistplatz uns gleich wieder nimmt,
Und die Ahnung belegt unser inneres Ohr,
Dass irgendwas nicht mit uns stimmt.

Derweil wir von Wurzeln des Bambus' erzähl'n,
Schießt Frost uns ins zarte Genick.
Da all diese Qualen uns längst nicht mehr quäl'n,
Fragt jeder nach unserem Trick.

Entlasst den Laudator, auf dass er erkennt,
Dass jeder verdammt ist zu seinem Talent.

Sudetenmuseum & das zweitausendzweihundertsechzehnte Gedicht

Die Fassade vom Sudetendeutschen Museum München

Weltweiten

Ein Vormittag vorm Monitor
Kommt mir erheblich kürzer vor

Als, sagen wir, am Strand
Von einem fernen Land.

Es gilt, man kann sich schadlos aalen
In Bildschirm- oder WLAN-Strahlen,
Derweil das treue Sonnenlicht
Zu tief in unsre Häute sticht.

Mein Körper widerspricht
So vehement wie schlicht.

Gewiss gereicht es ihm zum Test,
Was man an Spuren hinterlässt:
Dort von zig Cookies angezapft,
Dort barfuß in den Sand gestapft.
So lässt sich für ein Wohlbefinden
Kein besseres Symbol wohl finden

Als, sagen wir, der Strand
Von einem fernen Land.

Orientierungshilfen & das zweitausendzweihundertfünfzehnte Gedicht

Beleuchteter Wegweiser am Stuttgarter Schlossplatz

Verlorenheit am Morgen

Die hotelige Frühstücksbuffetorientierung
Kann morgens doch arg überfordern.
Ich irre von Mir-ist's-zu-früh-Konsternierung
Ins hilflose Rühreier-Ordern.

Wo find ich die Löffel, die Butter, den O-Saft?
Wie war noch die Nummer vom Zimmer?
Ob meine Entmüdung noch irgend Niveau schafft?
Ich zweifle. Zur Frühstückszeit immer.

Isarkanal & das zweitausendzweihundertvierzehnte Gedicht

Am Isarkanal am Ickinger Eisweiher

Kritische Radfahrt

Der Fahrtwind schmeichelt dem Gefühl,
Es ginge gut voran.
Und irgendwer behauptet kühl,
Man käme langsam an.

Ich lasse mir das Aufgetischte
Wie was Gewisses schmecken.

Und spür die Welt, als jüngst Erfrischte,
In alten Hüllen stecken.

Winterkarpfen & das zweitausendzweihundertzehnte Gedicht

Karpfenteich im Botanischen Garten München

Wiedergeburt am Neujahrsmorgen

Das Katertier im Hinterhirn
Sträubt kratzgewiss sein Fell
Und kackt mich aus, auf allen Vier'n,
Ins Längst-schon-wieder-hell.

Auf wunden Pfoten krieche ich
Ins schon begrüßte Jahr -
Und tote Ratten spiel'n für mich
Ein Tschingderassassa.

Sparkassenstraße & das zweitausendzweihundertachte Gedicht

Sparkassenstraße in der Münchner Altstadt

Olivers II

Im All der Olvivers wirst du
Der Eine für mich bleiben -
Das würde ich nach all der Zeit
Noch heute unterschreiben.

Die Schule schnürte uns die Schuh'
Und trieb uns ins Entfernen -
Des Andren Unverständlichkeit
Hieß sie uns zu erlernen.

Der Schulbus fuhr uns aus den Schwur,
Kein Jemals könnt' uns trennen.

Heut können wir uns sehen - nur
In keinem All erkennen.

Interimsschönheit & das zweitausendzweihundertsiebte Gedicht

Winterlicher Englischer Garten

Traurige Plurals

Das Verfallsdatum von Schönheit
Ist von außen nicht zu seh'n -
Und uns bleibt nur die Schlittellust
Auf längst geschmolz'nen Schneen.

Glyptothekinnenhof & das zweitausendzweihundertzweite Gedicht

Wintersaison im Glyptothekinnenhof-Café

Unbesetzt

Und nichts entwirrt die Einsamkeit
Von unbesetzten Plätzen -
Die Tiefe der Verlorenheit
Ist niemals abzuschätzen.

Ab morgen wird hier ausrangiert,
Fast alles wird verschwinden -
Und ziellos aus der Leere stiert
Der Zwang, dies zu verwinden.

Glyptothek & das zweitausendeinhundertachtundneunzigste Gedicht

Die Glyptothek im Kunstareal München - Museum für die Sammlung antiker Skulpturen

Coda

Es schwärt ein Dunst von Traurigkeit
Überm abermissglückten Versuch ...
Und was erleichtert nun dein Leid?
Vielleicht ein gutes Buch?

Du kanonierst ein "Hilft ja nichts!"
In schwersterlernter Melodie
Und mit dem Timbre des Verzichts
Zum herzentkernten "C'est la vie!".

Schlittelpremiere & das zweitausendeinhundertsechsundneunzigste Gedicht

Schlittelhang am Luitpoldpark

Verschmelzungen

Für irgendwen ist jeder Schnee der erste Schnee im Leben
Und den wird es naturgemäß für ihn nie wieder geben.

Und doch birgt jeder Folgeschnee die selbe Sensation
Und weckt beinahe deckungsgleich 'ne Schnee-Re-Reaktion.

Solch Technik möchte ich erlern'n (ich denke schon, ich muss)
Für's neu entfachte "Hab dich gern, du achtmillionster Kuss!"

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