Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Blautopf & das achthundertvierundneunzigste Gedicht

Der Blautopf von Blaubeuren

Heil dir, Lau von Blaubeuren!

Grauschopf an Grauschopf
Schau'n in den Blautopf
In ferne Tiefen
Türkisblauen Schimmers
Wo sich eines Frauenzimmers
Schicksal einst entblueste

Und die grauen
Greise trauen
Leis' sich dies zu wünschen:

Gleichsam blau woll'n wir anlaufen
Eh sie uns zu Leichen taufen -
Nicht, weil wir entschliefen
Völlig außer Puste
Sondern voll mit Pünschen!

43 Schädelknirschen & das achthundertachtundachtzigste Gedicht

Auf dem Ulmer Dom

Stufe 1

Move on, Heinz!
Stufe eins
Hast du fast geschafft!
Ja, jetzt können deine Zehen
Schon die Treppenkante sehen!
Mann, hast du 'ne Kraft!

Kopf hoch, Heinz!
Stufe eins
Hätt'ste fast gepackt!
Wirklich nur um Haaresbreite
Ist dein Bein nach hartem Fighte
Plötzlich abgesackt

Heinz, egal!
Nächstes Mal
Gibt's another try!
Ist ja alles gar nicht eilig
Sag, wenn du bereit bist, weil ich
Helf dir gern dabei!

32 Mordmückenmärchen & das achthundertsiebenundsiebzigste Gedicht

Frühlingsfest Theresienwiese

Hochzeitsgedicht 2

Vielleicht war's eine Fischvergiftung, vielleicht war's die Malaria
Vielleicht war's auch ein Vogelzwitscher, der deiner Stimme ähnlich war

Doch in meinen Ohren warst's zweifelsfrei du
Die sich da ereiferte, nachts ohne Ruh
Zu sein aus lauter leiser Liebe zu mir

Und mir ging's gewöhnlich ganz ähnlich mit dir
Was ich dir auch in etwa zu sagen gewagt
Ermuntert durch das, was du scheinbar gesagt

Fragt heute jemand: "Und, ihr zwei?
War's Liebe auf den ersten Blick?"
Wen schert's, was es in Wahrheit war?
Der Grund erscheint doch einerlei

Denn vielleicht war's nur 'ne Fischvergiftung, vielleicht war's auch Malaria
Es ist und ist doch zweifelsklar mit dir hier vor dem Traualtar
Die höchste Form von Glück

31 Rundnadelkünste & das achthundertsechsundsiebzigste Gedicht

Frühlingsfest Theresienwiese

Ambulante Behandlung

Nun, da mich die Nadel sticht
Schießt vom Munde durchs Gesicht
Ein fast gepfiff'nes, schrilles "PFFFtt!"
Augenschlitzentzerrt zum "... hhhTTT!"

Der Faden gleitet zirpend hässlich
Kurz vorm Anschlag - megagrässlich!

Mein Flehen um Gnade starrt starr auf den Mann
"Noch drei kurze Stiche, dann ist's überstan ...!"
DNNNN!! Kerl, ich flieh' gleich vom Körper hinaus!
Ich schau nicht! Ich schau NICHT! Ach, so sieht das aus ...?!

Dann tapfer den Tupfer wie Zärtlichkeit grüßen
Der Schmerz atmet durch gen Erholung auf süßen
Abschwellungsstadien durchschreitenden Wegen
Von den'n laue Brisen die Dornbüsche fegen ...
Und süße Madames öffnen mählich die Läden

"Dann bis nächste Woche - zum Ziehen der Fäden!"

13 Goldkarpfen & das achthundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Ruhpolding Bahnhof

Die Camper

Hast du noch das Igluzelt
In dem wir auf Festivals schliefen?
Die Spannseile einer vergangenen Welt
Die auch nach Vergangenheit miefen?

Uns hat's seither in mancherlei Richtung gezogen
Wir hab'n leichtfüßig letzte Ideale betrogen
Doch nie unser Faible fürs Camp Nostalgie

Hast du noch den Aufbau drauf?
Und wie lang kannst du das noch bewahren?
Wie weit gelangt dein Lebenslauf
In den Taumel von früheren Jahren?

Höchste Zeit, jenen Sack auf den Inhalt zu checken
Mit Verbliebenem rasch unsren Platz abzustecken
Was wir jetzt nicht markieren - das gab es auch nie

Seselwas & das achthundertzweiunddreißigste Gedicht

Nördlich von Beau Vallon

Mein erstes Poem auf Seselwas - vorgetragen zum Closing Dinner des Bling Bling Nod Poetry Festival 2018

Lareponse bann sousouri

Ler Gondwana ti separe
On annalan pou arriv lenn
Bann sil sesel ti arret
Lan mwatye semen
Avek en santiman ... pour lafrik

De continent zot ranpli avek regre
Pour sa 50 shades of grey
Ek 150 shades of ... ble!
Ki ti en rezilta avan
Ki nou zot ti fini konte

Deman bann sousouri
Lekel ki pouvin
Latraksjon bann zou eropeen
Akot zot ti
Debout isi

Petet zot pou reponn:
"Nou ... ti annalan kot lenn
Ek nou ti arret lan mwatye semen
Avek en santiman ... pour lafrik!"

Me
Pli probablemen
Bann sousouri pou reponn:
"Gete!
Ek aret mete
Sa kestyon bet, oke?!"

Übersicht & das achthundertneunundzwanzigste Gedicht

Blick auf Victoria von den Trois Freres

Ripostegedicht zu "Du bist ein Rätsel mir von fremder Art" von Rose Ausländer

Die Auflösung

Nach fünf Minuten war dann ja
So zwischen uns schon alles klar
Wir wollten nicht den Kreis bemessen
Wir gingen gleich zum Eiskremessen
Und kurz darauf - auch gemeinsam ins Bett

Doch niemand seufzte: "Ach, wie nett ...!"

Weil es gilt als Versprechen: Zur Liebe nur wird
Was sich auch gebührend verkomplifiziert!

Wir haben es schlichtweg zu simpel getrieben
Drum nannte man schlecht unsren Weg sich zu lieben

Schon ward uns genommen
Was kurz schien vollkommen

Und gab's je was zurück? Ach, nein ...
Man darf nicht einfach glücklich sein!

Plaisance & das achthundertfünfundzwanzigste Gedicht

Vorort Victoria Seychellen

Afrikarand

In den Vororten und zweite-Reihe-Hausreihen
Hockt die Folklorefreiheit Afrikas
Freundlich auf dickfleischigkrautigem Gras
Doch sie kann die Exotik nicht gänzlich entweihen
Immer schwänzt eine Palme, ein Dickicht
Das keiner Gartenwelt Halmung entspricht

Hier sind das Cruisen, die Bässe noch warm vom Versuch
Hier wird niemand die Scheinwerfer blenden
Ist das Eiland ein einig "Ich kenn'n den!"
Alle Globalisierung bleibt ein fremder Geruch
Lehrt das Leid, nicht zuviel zu erwarten
Harkt die Zeit die Option
Zwischen "noch nicht" und "schon"

Ein sehr unverbindlicher Garten

St. Patrick & das achthundertsiebzehnte Gedicht

St. Patrick's Day Umzug München

Für Shane M. et al.

Groll' nicht den Drogen der Irrfahrten wegen
Ohne sie gäb' es gar keine Reise
Trünn' auch nicht ab von des Alkohols Segen
Denn wer will die Welt doppelt so leise?

Nun wiegt dich die Zerbrechlichkeit
Zu dem Sermon "Das war zu erwarten"
Der gern als nebensächlich weiht
Allen Ungestüms prächtigste Taten

Beginn'n auch meiner Jugend Helden
Sich nacheinander abzumelden
Für den Rest meiner Zeit rühr'n sie tief durch die Knochen
Schür'n hinter dem Vorhang vom einstigen Brennen
Ich hab' meine Seele längst zigmal erbrochen
Aber vier bis fünf Songs lang kann ich sie erkennen

Isarlauf & das achthundertneunte Gedicht

Isar

Ripostegedicht zu "Der Reiter und der Bodensee" von Gustav Schwab

Die anderen Reiter und der Bodensee

Tief unten und in Bodennäh'
Harrt auf dem Grund vom Bodensee
Die Reiterschar, die übers Jahr
So durch das Eis gebrochen war

Von Zeh und Huf bis zu den Ohren
Starr'n Ross und Reiter schockgefroren
Hinauf zur milchig strahl'nden Schicht
Wohlwissend: "Manchmal hält die nicht!"

Und jeder, der hindurchgerammt
Schwebt nun zum Zombietum verdammt
Im kühlen Nass, wo nichts verdirbt
Bis er im Frühling richtig stirbt

Wenn Sonnenstrahl die Eisschicht taut
Wird auch der Körper abgebaut
So lange müssen unten warten
Die hier ein Stockwerk tiefer traten

So muss manch Recke nutzlos dümpeln
Im Bodensee und andren Tümpeln

Doch, horcht! Da naht auf seinem Rosse
Vom Ufer ein künftiger Leidensgenosse!

Schon trabt er mit immer leicht schlitternden Tritte
Zum Eingangsbereich der schon knisternden Mitte
Dumpf durchwabert der Schall von dem Todesgalopp
Die zermürbende Stille des Sees, bis dann "Stopp!"

Ein Leichnam namens Bertram schreit
"Ihr Mannen, macht euch mit bereit!
Entreißt eure Leiber des Winterschlafs Betten
Treibt mit mir nach oben, den Knaben zu retten!

Stützt mit den Leibern eurer Rappen
Die Eisschicht, wo sie einen schlappen
Und kläglich tragend Eindruck macht
Und wo's beim nächsten Kleindruck kracht!

Nun, Freunde, was soll ich euch lange behellen
Ihr kennt wohl am besten die heikelsten Stellen!
Vollbring'n wir's mit vereinter Kraft
Dass er's ans andre Ufer schafft!"

Kurz drauf wird die Schicht, wo ihre Deckkraft im Argen
Von den Rücken ertrunkener Pferde getragen

Schon donnert heran das Getrommel der Hufe
Von vorderster Front hört man Jubel und Rufe:

"Es hielt - wir hielten's! Er hat uns passiert!"
Und wenn auch manch Sprung durch die Eisdecke sirrt
Solange die Schutzschicht nur splittert statt bricht
Hält auch noch die Mitte des Reiters Gewicht

Und im Zentrum von alldem hält Bertram sein Ross
Den gefall'nen Gefährten im See nun der Boss
Da der durchschlagskraftmächtigste Tritt auf ihn bangt
Und er nur ruft: "Treffer. Mitnichten versenkt!"

Da schöpfen auch die, die's noch treffen wird, Mut
Zudem dort das Eis mählich dicker wird. "Gut,
Den kritischen Teil hat er nun überwunden
Und bald auch den Weg an das Ufer gefunden

Wo im Schatten der Berge es stärker gefriert
So dass ihm von nun an wohl nichts mehr passiert!"
Da jubelt die Schar und man gibt sich Highfive
Sie tanzen und singen zu "Stayin' Alive"

Doch kommt ein Zwerg hervorgekrochen:
"Just dort bin ich ins Eis gebrochen!"

"Just wo?!" "Nun, er reitet geradewegs hin!
Und dort ist das Eis wirklich dünner als dünn!"

Weh! Niemand traut da gern seinen Ohren
Nur Bertram gibt dem Pferd die Sporen
Und sein treuer Gaul schießt durch das Nasselement
So wie man das höchstens von Seepferdchen kennt

Schon ist's - so sehr strengt es sich an
Gleichauf mit jenem Reitersmann
Wie ein gekipptes Spiegelbild
Dort arglos - da entschlossen wild

Nun wird auch die Gefahr reell:
Den See trifft hier ein warmer Quell
Macht's Eis porös wie Blätterteig
Durchschmetterbar vom kleinsten Zweig

Um zu erkenn'n: Das hält ihn nicht!
Braucht es nicht erst 'nen Testbericht
Auf Verstärkung zu warten, dazu fehlt die Zeit
Also plant Recke Bertram die Rettung zu zweit:

"Wir bleiben stetig unter ihnen
Geleiten sie so wie auf Schienen

Und öffnet sich des Eises Spalt
Geb'n unsre Körper ihnen Halt!"

So ward zum Peak vom Eisschicht-Schwund
Das Pferd dem Pferd ein Untergrund
Bewahrt' es vor dem kühlen Grab
Perfekt getimet im Hucketrab

Dem Highsporn, der nach vorn nur stiert
Wird nicht gewahr, was hier passiert
Schon nimmt er mit 'nem Riesensatz
Im Fließ der Uferwiese Platz

Bloß Pferd und Bertram treib'n zerfetzt
Vom Hufgetrampel arg verletzt
Im eisfrei'n Teil des Sees herum
Wo sie sofort verwesen - dumm!

Denn kaum am Sauerstoff gerochen
Schält sich das Restfleisch von den Knochen
Trotzdem feiert nun stürmisch: "Oh, Bertram, du Held!"
Der Reittrupp Unterwasserwelt

"Siehst du ihn, noch?" "Ja, er erreicht jetzt das Dorf!"
Von den brüchigen Lippen des Boss' blättert Schorf

"Erzähl uns, was tut er?" "Er blickt grad zurück!
Ich denke, allmählich begreift er sein Glück.

Und nun ... bitte, nein! Gott, das glaub ich jetzt nicht!"

Na, ihr kennt ja das Ende vom andren Gedicht!

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