Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Stalinallee & das eintausendeinhunderteinundvierzigste Gedicht

In einem Häuserdurchgang der Karl Marx Allee / Otto Grotewohl Grundstein

Regen in der Simon-Dach

In Berlin ist der Regen am grausten
Und treibt durch die Straßen wie desint'ressiert
An all der temporär enthausten
Unwürdigkeit, die da frömmelnd spaziert
Und irrt
Und irrt.
Und irrt.
(Man will etwas Spirit ja trotzdem erleben.)
Und immer nasser,
Blasser
Wird.
(Hier wirkt aller Abschaum nur herrlich daneben!)

Es belächelt die Stadt die zerzausten
Schöpfe, die ohne Berechtigung sind.

In Berlin ist der Regen am grausten
Und aus dir nieselt immer noch Schönheit, mein Kind!

Abendrot & das eintausendeinhundertneununddreißigste Gedicht

Abendrot an der Hamburger Hafenstraße

Die Reblaus (ein revolutionärer Abzählreim)

Ein Standbein auf Standby,
Riskante Risskanten,
Ins Display nen Riss, ey,
Den Dissseits Verbannten!
Es gibt eben nicht genug Chancen für alle,
Oft kontamanieren Avanzen zur Falle!
Verkannte Verwandte
Und niemals Vermisste -
Verschandelt vom Wandeln
Durchs regungslos Triste.

Ungeheuer, -ziefer, -mach
Hol‘n jetzt aus zum Gegenschlag -
Hier kommt keiner lebend raus!
Außer eine Rebenlaus.

Max-Joseph-Platz & das eintausendeinhunderteinundzwanzigste Gedicht

Max-Joseph-Platz vorm Residenztheater München

Nächtliche Busfahrt zum Theater

Sternschnuppenhuschend verblitzen die Lichter
Auf beschlagnen Fensterscheiben
Das Vage in ihnen appelliert an die Dichter
Bei diesem Thema dran zu bleiben

Was wäre es, gäb es hier etwas zu sehen?
Was gäbe es, wär es für uns zu verstehen?

Gelbliches Weltlicht wirft mähliche Schatten,
Die vom Tage verblasst sich im Rinnstein begatten.
Die lernen noch die Dunkelheit,
Kleben uns an den Hacken wie fehlende Zeit.

Was würde es, könnt hier noch etwas entstehen?
Was könnte es, würd es nicht einfach vergehen?

Die Schaufenster strahlen wie Suchscheinwerfer
Über treues Kopfsteinpflaster.
Keine Frage in mir stellt mein Augenlicht schärfer,
Kein Vers ist ein zum Plan Gefasster.

Doch manches scheint im Werden.

Dohaausblick & das eintausendeinhundertsechste Gedicht

Doha von oben

Überflieger

Überflieger,
Übe lieber,
Eh du übel fliest!

Fliesenleger,
Wiesenpfleger
(Auch der Bisonvieh-Erleger,
Über den man liest)
Haben ihr Handwerk nicht nur überflogen!

Ich weiß, solch Kritik findest du nur verschroben,
denn alle Kriterien sei'n nunmehr verschoben -
Soweit, wie du das überblickst von dort oben.

Doch vieles ward bloß in den Schoß dir gelogen!

Dir gehör'n nicht die Wiesen, auf denen du weidest,
Und weil du den Werteerwerb ja vermeidest,

Füllt sich der Safe der Tarnung nicht -
Drum nimm zur Warnung dies Gedicht!

Zwar folgt der New Wave
Oft ein günstiger Rave,

Doch

Manch früh bewurmten Überflieger
Zervögelt man zum Unterlieger!

Landtag & das eintausendeinhundertzweite Gedicht

Bayrischer Landtag München

Sechs Jahre (Zur Schließung der Neuen Pinakothek)

Wenn in sechs Jahr'n dieser Ort wiedereröffnet,
Werde ich, ungeordnet, fast sechzig sein
Und schaff's, wenn's gut läuft, noch ein Weilchen
Hier ohne Unterstützung rein.
Werd manch Hoffnung und Mensch begraben haben,
Am Restschorf vieler Naben schaben
Und Altbekanntes wie Fremdes betrachten,
Auf andere Konturen achten.

Als ein chronisch ins tiefste Tal Eingepferchter
Steh ich sechs Jahre älter dann wieder hier -
Inmitten frischem Putz erwägend:
Wie viel vom Ich beließ man mir?
Für die, die im Bald keine Zukunft haben,
Ist ein So-weit-nach-vorne-schauen
Vorweggenomm'nes nahes Darben.
Ich mag so weit mich vor nicht trauen!

Mich wundert nicht der Wehmut Stärke,
Weil ich nur allzu gut versteh,
Dass ich die weggeschloss'nen Werke
Nicht ähnlich glücklich wiederseh.

Halsbandsittich & das eintausendachtundneunzigste Gedicht

Halsbandsittich im Yalla Nationalpark

Stille Weihnacht

Ich entdecke
In der hinterste Ecke
Der Wohnstube, wohin sonst niemand gerät
(Wo höchstens mal drohend ein Einbrecher steht),
Einen mächtigen
Prächtigen
Leuchtenden Baum,
Und Festlichkeit durchströmt den Raum,
Spiegelungen potenzieren
Warmes Licht wie Grippeviren,
Ärmlichkeit scheint überwunden
In der Herrlichkeit für Stunden.

Doch dahinter sehe ich
Zwischen den Zweigen,
Die Einbrecher wieder in Vorfreude schweigen.

Victoria Viharamahadevi Park & das eintausendzweiundneunzigste Gedicht

Buddha Statue im Viharamahadevi Park in Colombo

Weihnacht

Als wär'n wir noch nicht eingeschult,
Dackeln wir durch der Tage Schablone -
Im schönsten Sinn von abgespult.
An jedem Klimbim prangt ein "Geht halt nicht ohne!".

Und überall
Liegen Babys im Stall.

Als wär'n wir wissensresistent,
Umarmen wir warmherzig uralte Lieder.
Wenn erst die vierte Kerze brennt,
Kehrt auch jeder Brauch völlig unbrauchbar wieder.

Und überall
Liegen Babys im Stall.

Als wär'n wir vor Vergessen blind,
Erscheint uns der Trott in perfekt schnurr'nden Gleisen.
Und jährlich grüßt das Christuskind
Auf den unsere Wagenburg schmückenden Weisen

Und überm Stall
Beginnt fast schon das All.

Malabarhornvogel & das eintausendzweiundachtzigste Gedicht

Malabarhornvogel Paar

Deine Beleidigungen

Ich ließ mich drauf vereidigen:
Die Art, mich zu beleidigen
Zur Kunst zu machen, beherrscht nur du!
Ach, wie gern hör ich dir zu ...

Wie tief wie produktiv du bist!
Wie wendig du mich endlos disst!
Ergiebigkeit krönt deine Maschen,
Die mich stetig überraschen.

Dumpf verklumpte Nettigkeiten
Mögen uns ins Bett geleiten -
Denn Schwärmerei benötigt nicht viel,
Ist vom Anspruch unsubtil.

Deinen Zank, der niemals langweilt,
Ehr ich so, dass hier nun Dank zeilt!
Denn seine Brisanz verwebt uns zwei
Zu ewig währ'nder Bändelei!

Der tote Elefant & das eintausenddreiundsechzigste Gedicht

Totes Elefantenbaby im Bwabwata Nationalpark

Ripostegedicht auf Rilkes "Das Karussell"

Das nächste Karussell

Gib Acht, mein Kind, wenn der Schatten dreht!
Dann hat hier im Weiler fast nichts mehr Bestand
Denn ein Bund von Gefährten erschafft sich sein Land
Und Umtrieb spricht ein Hetzgebet
Sie alle haben Wut in ihren Mienen
Und große Böen weh'n mit ihnen
Und dann und wann auch ein toter Elefant

So gart das Hier in noch stiller Gewalt
Schnurrt vor Sattheit so träge wie drückend
Maues Gebläh scheint wie in sie gekrallt

Und jedem liegt stets ein Beweis auf der Zunge
Man erhebt wie zum Schwur seine rechteste Hand
Da bölkt's wie von Zähheit gezeichnetem Schwunge

Und dann und wann auch ein toter Elefant

Wer will sich noch in Verkommenheit üben?
Wer tätschelt Gebelle mit werbenden Zungen?
Wer eint alle wachsam zerstrittenen Jungen?
Schauder und Aufstand gerier'n sich in Schüben

Und dann und wann auch ein toter Elefant

Und Volk geht hin und weiß nicht, was es wendet
Und kräht nur dreist und hat kein Ziel
Ist roh und zürnt wie vom Grauen geblendet
Und teilt sich den Traum vom gewonnenen Spiel
Ein Mahnmal wird leicht übersehen
Wenn's Wissen erblindet und verschwindet
Weshalb so ein Dickhäuter fiel

Havel & das eintausendachtundfünfzigste Gedicht

Havel bei Potsdam

Ripostegedicht zu Goethes "Zauberlehrling"

Der Laubbaumsperling

Hat im alten Zweiggeäste
Äsend Rehlein nachts gewütet?
Aufgewellt häng'n welk die Reste
Die ein Jahr lang ich behütet!
Siechen gelb und gräulich
Manche sind fast braun
Krümmen sich abscheulich
Grässlich anzuschau'n

Wackle, wackle
An dem Aste
Lös' die Last der
Toten Blätter
Da ich nicht mehr länger fackle
All das Laub zu Boden splätter'!

Seht, schon gehen die danieder
Die dem Grün ihr Kontra boten
Gänzlich frisch strahlt alles wieder
Niemand trauert um die Toten
Und in neuem Leuchten
Glänzt mein heim'lig Baum
Wie in einem feuchten
Sperlingmärchentraum!

Wackle, wackle
An dem Aste
Lös' die Last der
Toten Blätter
Da ich nicht mehr länger fackle
All das Laub zu Boden splätter'!

Kaum, dass ich mein Werk vollbracht hab'
Gilbt es schon am nächsten Zweige ...
Noch halt' ich hier eisern Wacht ab!
Was ich rasch dem Rott'nden zeige
Und mit frischem Mute
Tu ich, wie's erprobt!
Spür den Stolz im Blute
Mein Erfolg mich lobt

Rüttle, rüttle
An den Stellen
Wo die hellen
Blätter kleben!
S'soll am Ast, an dem ich rüttle
Nichts als grüne Blätter geben!

Aber wehe, noch bevor der
Nächste Tatort ist bereinigt
Dringt zu mir die höchste Order
Dass die Krone Welkung peinigt!
Und im Wipfel seh' ich
Gelb und Braun und Rot!
Denk' noch, ich sei fähig
Herr zu werd'n der Not ...

Doch dann birgt der
Ganze Himmel
Farbgewimmel
Sondergleichen!
Schon ist mein Plan ein Verwirkter!
Keine Kraft kann hierfür reichen!

Rasend schnell erbleicht das Grünen!
Mir bleibt, hilflos zuzuschauen ...
Soll wohl für den Hochmut sühnen
Dass ich Herrscher ward dem Grauen?!
Und es schwebt von selber
Nieder Blatt um Blatt!
Alle Welt wird gelber
Alle Welt wird matt

Wie ist jener
Anblick schmerzlich
Da nun leert sich
Ganz die Krone!
Baum, der einst belaubt wie keener
Zeigt sich plötzlich gänzlich ohne!

Ach, hätt' ich doch nie gerüttelt
Nie die Grenze übertreten
Nicht das Laub selbst abgeschüttelt!
Muss jetzt brav zum Meister beten:
Herr, der du verwaltest
Jedes Blatt der Welt
Gut, dass du mich schaltest!
Weil mir nun erhellt:

Sperlingschnäbel
Soll'n sich hüten
Rumzuwüten
Im Geäste!
Spüre nun der Demut Säbel ...
Danke, Meister, bist der Beste!

"Dennoch sollst du bitter büßen
Spatzenhirn, für deine Taten!
Blätter lass ich wieder sprießen
Aber du kannst lang drauf warten:
Bis es wieder grünt, sollst
Du erfroren sein!
Doch nachdem du blutzollst
Schwebt mir vor, dass dein

Reuig Sühnen
Fortan stünde
Für der Sünde
Früherkennen!
Drum soll man das Neu-Ergrünen
Dir zur Ehre Frühling nennen!"

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