Dutzendzeiler

Poem 600 & das sechshundertste Gedicht

Am Schwabinger See

Du Schwabing

Schwabing, Du altes Versprechen!
Ich hör Dir schon gar nicht mehr zu
Du musst Dich nicht zwanghaft erfrechen
Du Gör einer lästigen Lou!

Schwabing, Du Schalk aus Gebrechen!
Ich trau Dir schon gar nix mehr zu
Muss jeden Tag blau sein und zechen
Hau mir auf den Pimmel, Du Kuh!

Schwabing, Du Allerwelts Schwabing
Muss immerzu bar für Dich blechen
Bis ich mich in Dir dann zum Star sing
Schwabing, Du altes Versprechen!

Ringelnatz & das fünfhundertsiebenundneunzigste Gedicht

Im Englischen Garten

Ein Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade zu "Morgenwonne" von Ringelnatz gewünscht haben. Diesmal gleich doppel-ripostiert: inhaltlich mit meinem Gedicht-Tryptichon "Die verkaterten Morgen", "Im Bade" und "Spätes Frühstück" - sowie formal:

Rohachim Natteritz: Morgenwonne

Die Wachtel ist ins Gnu verknallt
Das Huftier hat 'ne Klatsche
Was sehr verlockend sei, doch bald
Zerschürft es sie zu Matsche

Ein Kackekicker macht 'nen Schmu
Und balanciert am Grate
Zum "Schlagt dem Wicht die Augen zu
Bei einem Attentate!"

Auf rauer See ein Schifflein wippt
Das hat, was vielen blühe
Ein Ungeheuer angenippt
Zerstückelt in der Frühe

Hamburger Rathaus & das fünfhundertdreiundneunzigste Gedicht

Hamburger Rathaus

Sommerwind

Da steckt doch im Wind
Noch irgendwas drin
Er ist nicht nur Luft
Die sich etwas bewegt

Ganz gleich auch wie blind
Ich im Innersten bin
Mein störrisch Vermufftes
Wird frische-durchfegt

Und irgendein Fernes
Trägt kühles Versteh'n:
Bleib sanft, Freund, und lern' es
Die Weite zu seh'n

St. Gilgen am Wolfgangsee & das fünfhunderteinundneunzigste Gedicht

Helmut Kohl Park in St. Gilgen am Wolfgangsee

Letzte Woche in St. Gilgen

Einen Tag, bevor es alle taten
Hab ich an Helmut Kohl gedacht
Mich fragte in St. Gilgens Garten:
"Was wohl der olle Kohl so macht?"

Der Einheitsheld in Zweifelhaft
Am Limit seiner Riesen-Kraft
Bleibt wohl beleibt und unbeliebt
Solang es ihn im Diesseits gibt

Und erst nach seiner Erdenpein
Wird er ein sehr Verehrter sein

Das hat sich Kohl wohl auch gedacht
Und prompt die Augen zugemacht

Hallstätter See & das fünfhundertfünfundachtzigste Gedicht

Hallstätter See

Neue Riesen

Ich wäre gerne etwas größer
Etwa dreißig, vierzig Meter
Ein literweise Angsteinflößer
Und In-Grund-und-Boden-Treter

Ich rächte hervor aus der schmächtigen Masse
Der lächelnde Größte in jedweder Klasse

"Aber dann, aber dann
Keep cool, ey Mann
Reicht's auch, nur zwei Meter größer zu sein!
Schon dann käm dir keiner der anderen nah!"

Korrekt. Jedoch ließ sich in lediglich zwein
Nicht ähnlich verdrängen, was ich bislang war

Gris Gris & das fünfhundertachtundsechzigste Gedicht

Gris Gris Küste

Des morgens im Ferienort

Der Frieden im Fell der streunenden Hunde
Ist noch beugsam wie langsames Licht
Nur ich dreh 'ne weniger ziellose Runde
Durch all das Gebiet, das noch Alles verspricht

Mein "Good Price!"-Kumpan macht noch gar keine Anstalt -
Ein Solarenergie-unbetanktes Reptil
An dem noch der Druck eines Tages-Solls abprallt
Noch kennt seine Jagd nach Int'resse kein Ziel

Die Straße, entschleunigt vom zähen Erwachen
Die Sonne brennt zärtliches Huschen in mild
Zwei Kunstpausen später verkrampft sich das Bild
Und vor uns: des Tages geöffneter Rachen

Teilweise & das fünfhundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Steiff-Landschaft in Rothenburg ob der Tauber

Die Zehennagelkante

Meine Zehennagelkante
Ist 'ne ferne Anverwandte
Derer habe ich gleich zehn
Hab sie alle mal geseh'n

Sind die Nägel mir zu lang
Kapp ich sie auf Neuanfang
Schnipp-schnapp-ab - schnell abgefertigt
Werf ich alle in den Kehricht

So entstehen
An den Zehen
Statt der ollen, nun verbannten
Tolle neue Nagelkanten

Wörthsee & das fünfhundertfünfundvierzigste Gedicht

Wörthsee

Dem Abendroten

Ich steh
Am See
Dem abendroten
Und denke an die lieben Toten
An Minuten, verschwendet im Tran meiner Kindheit

Denn skandalös endlich und rar war'n und sind Zeit
Und Aufmerksamkeit, die im Damals geboten

Wär'n sie jetzt hier, am Abendroten
So berichtete ich den verschwundenen Leuten
Wie viel ihrer Wunden mir heute bedeuten
Dass manch ihrer Witze ich heut erst versteh

Und in dem Moment scheint es, als lächle der See

Holzmarkt & das fünfhundertzehnte Gedicht

Holzmarktstraße

Ein Korallenriff aus Baukränen gibt mir zu verstehen: Auch meine alte Hood of F'Hain bekommt jetzt eine Mall! Aber anderswo bleibt die Zeit stehen. Seit immer.

Krankram

Ey, Berlin, wat wird'n ditte -
Bauste dir 'ne neue Mitte?
Nochma eene Innenstadt
Klotzte uns hier hin? Sach, wat
Wird'n ditte, jetzma echt?!
Ach, 'ne Mall? Okay. Nich schlecht ...
Halt zum x-ten mal 'ne Mall
X-beliebt bei Jung und Aal
Nix für unjut - der Passion
Frönste ja seit Jahren schon

Mag sein, Berlin wird sich aus Freude am Bauen
In eenem Jebäude mal selber verstauen

Schillerdenkmal & das fünfhundertneunte Gedicht

Schillerdenkmal München

Endlich ein Gedicht mit prominentem Herz/Schmerz-Reim! Ich bremse für niemand.

Der Einarmige

Habe mich im Netz verfangen
Und zu weit von dir entfernt
Trübnis, die wir niederrangen
War da wieder schnell erlernt

Was an kleinen Toden das Leben bestichelt
Entspringt oft der eigenen Hand
Die, bis zur Schulter abgesichelt
Ich nachts im Keller fand

Wir geben oft mehr als wir müssten
Ersparen uns auch keinen Schmerz
Verschwenden die Zeit so, als wüssten
Wir nicht um das eigene Herz

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