Dutzendzeiler

Ushindi & das eintausendfünfhundertzehnte Gedicht

Das im Mai 2020 geborene Breitmaulnashorn Baby Ushindi mit Mutter in der Lewa Savanne des Zoo Zürich

Die kindliche Kriegerin

Geh kindlich, willst du den Bann übertreten,
Zeig die beste Miene zum verachteten Spiel!
Dann winde dich um das, wozu du gebeten -
Doch sei kindlich dabei! Das verrät keinen Stil.

Geh kindlich, wenn du ihrer Bühne entfliehst,
Weil Arglosigkeit ihre Angriffslust hemmt!
Sei kindlich, wenn du dein Revolverchen ziehst -
Dann zählt mit zum Spiel, wenn der Abzug mal klemmt!

Bleib kindlich, wenn du deine Flanken entblößt!
Deine letzte Bastion ist die Schutzlosigkeit
Als Irrtum, in dem deine Gegnerschaft döst.
Du kommst, wenn du kindlich gehst, doppelt so weit!

Tüpfelhy & das eintausendfünfhundertfünfte Gedicht

Tüpfelhyäne in der Sewa Savanne im Zoo Zürich

Sommerliche Handtuchfläze

Ich will auf diesem Badetuch
Mein Wonnigsein belegen
Und tonnenweise Sonnenschein
Zum Strahlbesuch bewegen.

Oh, derart niederflach gelegt
Bin ich niemals gewesen!
So stahlbeschwert und unbewegt
War ich zuletzt am Tresen,

Frittiere nun hier auf Frottiertem
In dem Duft von frisch Cremiertem:
Körper-, Geist- und Seelenruh.

Ich grüß mein Ich fast wie ein Du.

Zürich-West & das eintausendfünfhundertvierte Gedicht

An den Viaduktbögen in Zürich-West

Vom Suchen und Finden der Geltung

Mit dem Reichtum wächst auch die Bedeutung.

Vielleicht hat man‘s dich anders gelehrt?
So wappne dich für die Enttäuschung:
Es zählt nur der zählbare Wert.

Etwas leichtfertig hast du den Schmeichlern geglaubt,
Dein Kühnheitsdrang hielt‘ sie gebannt.
Allein das aus Reichtum sich reckende Haupt
Wird uneingeschränkt anerkannt.

Es bedeutet ein Haus, wenn‘s ein Anwesen ist,
Es bedeutet der, der darin wohnt.
Der Grund, dass man dich da grad treudoofer misst:
Man gönnt sich, dass das gar nicht lohnt.

Erzähl ihn‘n die rührenden Aufsteigerstories -
Doch beginne sie stets gut betucht!
Klar, findet man kurz, dass Herr Außenvor boah! is -
Aber einer wie du wird gesucht.

Koaribik & das eintausendfünfhundertdrittte Gedicht

Am Strand vom Walchensee

Am Walchensee

Um irgendwalchen Silbenseen
Salch Wortgebilde nachzuseh'n,
Muss ich erst schwammig Runden dreh'n.

Obschon Poeten es begrüßen,
Vokabularien zu versüßen
Und sehr auf neue Silben steh'n -
Bei wal-chen schrei ich nich: "Die lieb ich!"
(ach, wol-chen wär doch so ergiebig!).

Doch nach dem Walchenseedurchschwimmen
Kommt nicht umhin man, zuzustimmen
Dem Lob voll Teichbegeisterschwung:

Der See ist 'ne Bereicherung!

Vorletzter Tag & das eintausendvierhundertneunundneunzigste Gedicht

Flora auf dem Rheinsteig

Der alte Schankraum

Dass der Tisch und die Stühle da immer noch steh'n,
Wie wir sie - bald sterbend - verließen.
Als plane die Tür noch uns wiederzuseh'n,
Als wüsste sie noch, wie wir hießen.

Man sieht's an dem Alter der Photographien:
Die haben ihr Trinkgeld gegeben.
Der Thrill vom am Stammtisch geschlag'nen Partien
Dräut dunstig in anderen Eben-en.

(Was haben wir die einst mit allem gefüllt,
Was wir für erachtenswert hielten,
Was haben wir wie unter Schmerzen gebrüllt,
Wenn andre zu nachlässig zielten!)

De-platziert von der Zeit stehen unverrückt da:
Die Stühle, der Tisch und der Tod.
Kein spät'res Int'resse kommt uns jemals nah -
Jede Zeit hat ihr eigenes Lot.

Bei St. Goarshausen & das eintausendvierhundertneunundachtzigste Gedicht

Feld auf dem Rheinsteig

Familienpensionen

Das "Guten Morgen!"-Gepfeiffe in Familienpensionen
Erfolgt immer zu laut und zu früh.
Aber trotz seines Einfalls in schmerzhafte Zonen
Wird's wohlig verdaut zum Gebrüh
Der allerabstrusesten Kaffeeversuche.

Und das ist's genau, hey, warum ich euch buche!

Die Abwesenheit allen Strebens nach oben
Lässt in dieser Welt sich nicht hinlänglich loben.
Sicher sah ich schon besser gespieltes Gemeine -
Doch die Bodenhaftung als Wärme-Event
Beschämt das durchdachteste Rundum-Designe
Und schafft Heime, die man vorm Betreten schon kennt.

Kreuzotter & das eintausendvierhundertneunundsiebzigste Gedicht

Am Kreuzotternpfad im Bayrischen Wald bei Riedlhütte

Kreuzotter

Ein dünner halber Meter trügt
Die Ungefährlichkeit.
So wenig Gift im Wald genügt,
Dass wer "Zu Hülfe!" schreit.

Ein wechselwarmer Stolperstein
Trübt unser Sich-so-sicher-Sein.

Exotisch bleibt ein Rest Gefahr,
Wo alles schon bereinigt war.

Ein dünner halber Meter nur.

Du weißt: Es kann ihn geben.

So schleicht ein Stücklein Urnatur
Durch Unterholz und Leben.

Zum Isarkanal & das eintausendvierhundertvierundsiebzigste Gedicht

Brücke über den Isarkanal bei Unterföhring

Korridore

Steh'n wir wirklich schon wieder vorm selben Problem,
Vorm erneuten Versuch einer Klage
Mit den Klonzellenspielchen vom x-ten Poem -
Und stell'n nicht den Sermon infrage?!

Wir - die kein Zeichen der Lösung erlöst -
Schimpfen unverwandt stur auf die Täter
Mit dem Vorwurf, in dem die Genügsamkeit döst,
Dass sich alles bestätigt im Später.

Und dann steh'n wir noch immer vorm selben Problem -
Alle Wahrheit scheint chronisch erlahmt.
Wir umschwärmen von hinten das gleiche Extrem,
Fern vom Spektrum, das restlos verarmt.

Schweinebucht & das eintausendvierhundertachtundsechzigste Gedicht

Schweinebucht bei Übersse am Chiemsee

Partyerwachen

Die aufgekratzte Stimmung war
Am Morgen schon verschorft,
Da späten Glucksens Immerdar
In neues Elend morpht.

Verdampfte Ausgelassenheit
Macht Kopfverbände klamm,
Bis jemand "Nicht zu fassen!", schreit,
"Ich hau die Brut zusamm'n!"

Wenn Übermut im Unterschaum
Mit Scham sich arrangiert,
Fühl ich im fortgewünschten Raum
Mich sichtbar bandagiert.

Taubenstein & das eintausendvierhundertfünfundsechzigste Gedicht

Frühsommerflora am Taubenstein

Nicht einmal die Wagenspur ...

Nicht einmal die Wagenspur
Bleibt von unsrer Reise, nur
Der Fahrtwind, der sachte sich hinter uns schloss,

Erneut den von Nachfahr'n verkindlichten Tross
Wie zur allerersten Fahrt,
Vollberauscht von Gegenwart,

Auf altausgetretenen Pfaden empfängt,
Ihn sanft aus dem Sog jeder Abschweifung lenkt.

Durch die selbe Wagenspur
Zieht die Unbeschwertheit, nur
Für das, was uns rührte, bleibt ihr Auge blind.

Schon wir war'n Geführte vom uralten Wind.

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