Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Olympiaberg & das achthundertsiebte Gedicht

Olympiaberg im Schnee

Rein vom Sinn (Dichte in den Zeiten unreiner Reime – jetzt mit 20% Rap-Extension!)

Fremdkot, der auf Zedern federt
Bräudurchbraust und derb durchädert
Und niemand, der von Fehlern zetert
Die die Schönheit hier begeht hat

Es scheint die Welt mit sich im Reinen
Doch nicht in Reimen, nicht in Reimen!

Teigig spei ick Bronchienbrei
’s grützt im Leib sich Allerlei
dass Grind und Gilb aus allen Poren
... äh, jetzt hab’ ich den ... Dings verloren
Wo war ich? Wo bin ich? Ich mein’: Wollt ihr denn noch?
Denn sonst macht’s kein Sinn hier, ich glaub’ aber doch. Ja?
OK, wo war’n wir steh’ngeblieben?
Ich hab’ mir das zwar aufgeschrieben ...
... nt die Welt mit sich im Reinen, doch nicht in Reimen
Nicht in Reimen!

Fremdkot, der auf Weiden schwingt
Was ja beiden gar nix bringt
(rein vom Sinn her kacke klingt)
Doch hier durch reinsten Reim besticht
’s merkt nur mancher Dichter nicht
Reimt die da auf nie da
(ich hätt’ da noch Flieder)
»Cool, wieder’ne Line klar!
Ey, du bist der Hit, Mann
Brauchst nie mehr’n Mietwag’n
Weil alle drauf abfahr’n
Wie deine Rhymes durchstart’n’n’n!«
 
Ach, ewiges Irren im Akzentuieren
Nur einer der Irren statt einer der Ihren
Es scheint die Welt mit sich im Reinen
Doch nicht in Reimen, nicht in Reimen!

Fremdkot, der vom Vorzelt protzt
Im Permafrost der Nachwelt trotzt
Und ungedichtet unverrichtet planlos durch die Plane rotzt
Und drin’n der Dichter: denkt und glotzt
Doch scheint die Welt mit sich im Reinen
Und ganz ehrlich: stört auch keinen

Nymphenburger Kanal & das achthundertzweite Gedicht

Eis auf dem Nymphenburger Kanal

Zuvor aber

Schenkst du mir noch was Zeit, gib nie mehr als zwölf Stunden
je à drei Minuten wie Box'n'Stop-Runden
Für mehr fehlt mir die Übersicht

Dann spul' ich ab mein Antrainiertes
stetig in die Welt Verirrtes
Der Drang nach mehr berührt mich nicht

Hab' geschenkten Tagen nie ins Maul geschaut
Was hätt' es zu sehen gegeben?
Mir schien das Gewonn'ne stets vorverdaut
Es gibt zu viel Gutes im besseren Leben

Wir haben das Gestern nicht halten können
Was gölte es nun, dieses Jetzt zu bewahren?
Dem Fremdeln und sich eine Auszeit zu gönnen
scheint fast das Geringste nach so langen Jahren

Nur, dass ich jetzt auf See erblinde
ist ein Wortwitz, den so wirklich niemand hier braucht!
An Bord war ich Sir Helmut Schmidt
hielt den Blicken der Kinder stand: "Guck mal, der raucht ...!"

Und nun plitscht es und platscht es
durchnässt mir die Planken
zerrt beidseits zur Reling
in rhythmischem Wanken
von Zwischenhochs und Niederlagen
da mir die letzten Stündleins schlagen

Das Leben, wenn man sauber misst
doch früh schon überschaubar ist
Nur: Werd' ich es kläglich verreckend beenden
oder neckisch ein "Folks, bin in Sehnot!" versenden?

Nichts Genaues weiß man nicht
Bei Seegang. Ohne Augenlicht

Hey,
wir sind nicht auf See, Kerlchen – das sind die Berge!

Du mummelst hier rum, summst um Abgang und Särge
und kredenzt die erbärmlichste Unform von Blindheit
– bitte nicht zu erklär'n via Schwierige Kindheit!

Dein selbstausgebrütet-behütetes Leiden
sich brunftig am eigenen Unheil zu weiden
ist lebensmüder, trüber Stuss!

Denn Zeit, die bleibt, ist Überfluss
Ob ein Tag, ob ein Jahr – ist doch letztendlich schnurz
Wenn du jetzt nicht beginnst, ist sie immer zu kurz

Und dein ewiges Plan-Schmieden macht es nur schlimmer
Drum hau rein – und mach schnell
Heute. Morgen. Und immer

Maßmannpark & das siebenhundertneunzigste Gedicht

Rodel im Maßmannpark

Die göttliche Gabe (Auf dem zweiten Blick)

Schlittenreiter
Glitten heiter
Mitten weidlich zugeschneiter
Kleinsterhebungspotpourris

"Kleinsterhebungspotpourris?!"

Ja, ich weiß jetzt grad nicht, wie's
Besser sich in Worte zwänge
Um nicht so banal wie Hänge ...!?

"Ach, egal - sprich bitte weiter!"

Wie ich sagte: Schlittenreiter ...
(Ich litt Zweifel wie kein Zweiter)
... Schlittenreiter
Glitten heiter
Mitten weidlich zugeschneiter
Kleinsterhebungspotpourris

"Gott, so dichten die Genies!"

Gendarmenmarkt & das siebenhundertdreiundachtzigste Gedicht

Die Kugelahorne vom Gendarmenmarkt

Die Kugelahorne vom Gendarmenmarkt

Wenn Kugelahornfälldebatten
manch kluges Naturell beschatten
Wenn Niedrigäst und Blätternest
versag'n im Platzverwertungstest
Wenn Häuptlinge vom Stamme Nimm
den Stämmen drohen, ist das: schlimm

Sind Zweigstellen mit Kindchenschema
wirklich kein Touristenthema?

Ist das gernegroß-ulkige "Ick bin zufrie'n ..."
nicht sinnbildlich baumelnd für "Ditt is Balin!"?

Wohlan, ihr Stadtentwicklungstucken
es gilt in Reue sich zu ducken!
Ihr sollt bei jedem "be Berlin"
den Kugelahorn einbezieh'n!
Und lehrt es auch noch eure Blagen:
Wer A sägt, muss als B versagen!

St. Hedwig & das siebenhunderteinundachtzigste Gedicht

Dach der St. Hedwigskathedrale

Den Hintern in Saunen

Der Backen Schwung, der Backen Schwung
Der Backen Schwung von alt auf jung
Verändert den Verlauf
Mein Blick hausiert, mein Blick hausiert
Mein Blick hausiert, gefriert, pausiert
Und hält dann schamlos drauf
Der Symmetrie, der Symmetrie
Entsprechen sie bei Phantasie
Im Dunst der kühlen Schauer
Das Ideal, das Ideal
Sinnt Berg und Tal und singt "Egal!"
Kein Alter ist von Dauer

Doch das Geschlecht ruft selbstgerecht
Und massig echt zum Blickgefecht
Es blökt aus kahlen Lenden
Allein der Po summt freundlichfroh
Hat auch vom Show-Wert mehr Niveau
Im Dunst steht "Bitte wenden!"

Quartier 206 & das siebenhundertachtzigste Gedicht

Quartier 206 Berlin

Ripostegedicht zum Text "Hohes Gericht" von Waalkes/Gernhardt/Knorr/Eilert.

Hohes Gericht 2.0

Angemahnter,
Sie werd'n von uns mit Buh!s vertaggt, weil Ihr Post einen Spusi neckt!

Ich hab den Spusi nicht geneckt, mich hat nur nach Genuss von Sekt
Wohl ein gewisser Bruce gehackt, der mein Profil mit Schmus befleckt -
Und das hat dann die Buhs geweckt!

Sie haben aber in Ihren Kommentaren ganz andere Angaben gemacht!
Ich zitiere wörtlich:
"Ich habe grad mit Blues entdeckt, dass jemand meine Muse deckt,
Sich keck nach ihrem Busen reckt, und innert eines Nus gecheckt,
dass dahinter mein Spusi steckt!"
Das wurde doch auch so geliket!?
Herr Zeuge, können Sie das bestätigen?

Nee, das ist nur diffus korrekt ...
Ich hatt' mich hinter Gnus versteckt und grad meine To-Dos gecheckt,
Da hat mich was am Fuß geleckt, der sicherlich ganz grus'lig schmeckt...

Das tut doch überhaupt nichts zur Sache!

Doch!
Der allgemeine User checkt ja nicht, was so ein Bruce ausheckt,
der alle CPU's verdreckt mit irgendwelchem Fuselsekt!

Jetzt reicht's aber!
Im Namen der Community,
wenn einer seinen Spusi trackt, dass der an seiner Muse leckt,
und dann in der'n Geschmuse hackt, dann weil in ihm ein Loser steckt!
Wenn er jedoch Diffuses swaggt und sanft Beate Uhse weckt,
Ihn keinesfalls Abstruses schreckt - dann sagen wir zum Gruß: "Korrekt!"
Wir schauen, wo der Newsfluss leckt und hoffen, dass der Bruce verreckt!
Wem der Spruch zu konfus, der eckt mit allen andern finster an,
Das Weit're dann auf Instagram, das hohe Gericht zieht sich zum Binge Watching zurück,
Das Urteil lautet: Shitstorm!

Fluten & das siebenhundertsiebzigste Gedicht

Eisbachwellekanal

WC-Spülungen

Kaum, dass jemand abgezogen
Rumpeln durch die Wand die Wogen
Um mit Hast und dumpfen Brüllen
Jenen Kasten zu befüllen
Der der Spülung Masse fasst
Plus der Wasser Märsche Last

Horcht! Es schießt aus vollen Rohren
Ungestüm und ohne End'!
Weh! Schon scheint dies Haus verloren
Wenn den Strom kein Moses trennt!

Die

Geister werden mehr und Meer!
Wer wird nun der Wasser Herr
Eh die letzten Speicher leer?

Der-

Weil der Meister es verschlief
Dass ich ihn um Hilfe rief
Steigt der Schwimmer aus dem Tief
Um den Zufluss vom Abort
Wo die Wasser sich ergießen -
Drohend, als sei's immerfort -
Ganz allmählich zu verschließen

Da muss sich der Quell verengen
Klingt's, als wenn die Wasser sängen
Die sich durch den Restspalt zwängen
Bis ihr Wille abgeebbt
Von Furor auf Stille zappt

Ja

So verfügt unsrer Installateure Verschluss
Dass alles, alles enden muss!

Eisbachwelle & das siebenhundertachtundsechzigste Gedicht

Eisbachwelle

Warnung vor der Runde (Die Schöpfer schöner Töne wie der widerlichsten Worte)

Obacht, die Macher schöner Worte
Lungern wieder rum vor Orte
Und die Schöpfer schöner Töne
Stimmen ein in das Geklöne!

Sie lauern auf dich arglos Hör'nden
Hol'n dann aus zum grundverstör'nden
Tunichtguten Timbreschwall
Und: Ja, dies ist ein Überfall!
Met Rumgeballiterationen
Und Triointerpretationen!

Spürst du, wie die Terrorzell'
Schert sich in dein Trommelfell?
Kein Flimmerhaar bleibt ungeschor'n
Beim Spliss bis über beide Ohr'n
Die zupfen und ziehen, die greifen und beißen
Die blasen und schlagen, die rupfen und reißen
Nur genügt's denen nicht, dich massiv zu rasier'n
Die woll'n dich mit Klängen lasziv penetrier'n!

Sie umschwirr'n dich wie zierlichste Cheerleaderchicks
Und bezirzt von der Zierde stilistischer Tricks
Zieht's dich hin zum Geysir ihrer Lautakrobatik
Verwirrt, irritiert ob der schieren Ekstatik
Bis sich glockenklar säuselnd
Und nackenhaarkräuselnd
Zungenzärtlich Schall ergießt
Als Wärmeschwall ins Herz zerfließt
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum
Der flauschig, wie durchhaucht von Schaum
Vor schierem Glück verzückt tonal
Dein blümerantes Lendental
Was dich, wiewohl man's anders schreibt
Zu wohligstem Ohrgasmus treibt

Du bist, mein Kind, so unverdorb'n
Drum schütze dich und deine Ohr'n!
Gib dich nie solcher Wollust hin
Denn Unheil ist des Wohlklangs Sinn!
Und lauscht du ihm zu unbekümmert
Wird vom Rausch dein Hirn zertrümmert

Obacht, die Macher schöner Worte
Lungern wieder rum vor Orte
Und die Schöpfer schöner Töne
Stimmen ein in das Geklöne ...
Nu wirste süffig eingesahnt!

Nur sag nicht, du wärst nicht gewarnt!

Verewigter Stenz & das siebenhunderteinundfünfzigste Gedicht

Monaco Franze an der Münchner Freiheit

Hochzeitsgedicht

Ja,

ich will mit dir welken
immer langsamer werden
statt Pferde nur noch Esel stehl'n
Auf Wellnessfarm'n mit 66
die uns verblieb'ne Knete zähl'n

Würd' sogar mit dir walken
an Nordischen Sticks
und sorgen dich Falten
ich seh' da doch nix!
Denn eh wir gänzlich gräulich sind
sind wir – zwar heuchelnd – farbenblind

Ich weiß zwar nicht, wie du das siehst
du rattenscharfes Bräutebiest
Doch dein Dekolleté ist mir ewig heilig
und wenn du mir erlaubst, verweil' ich
das mir verblieb'ne Ewigkeitchen
Wang' an Wang' an deinem Seitchen
bis ich tattergreisig im Rollator tapper'
mit innerlich fester, nur äußerlich schlapper
starrsinnsnaher Stetigkeit
Wir hab'n's ja eh nicht mehr so weit

Denn den besten Teil meiner Zeit gab ich dir schon
nun folgt noch die Treuepunkt-Paybackaktion
Doch gäb' man mir noch mal so'n Leb'n zu verschwenden
so schenkt' ich es dir mit fast gleichvollen Händen
und
würd' mit dir welken von heute bis morgen
für jeden Romantisch zwei Stühle besorgen
würd' Wellness und Willkür und Wolken ertragen
und tät's selbst in Kirche und Standesamt sagen:

Lasst den Mond doch mal Mond sein!
Wat will ick mit Sterne?
Ich mein' das ganz irdisch:
Ja, hab' ditt Girl gerne!
Sprech' den ZugeneigtseinsEid an sich:
Ick liebe dir /(Strich) liebe dich

Ich weiß zwar nicht, wie du das siehst
du rattenscharfes Bräutebiest
Nur, dass du jetzt vor Scham erglühst
nicht rot zu werden dich bemühst

Doch rot ist die Liebe, wie sich nun wieder zeigt
Auf dass ihre Röte um kein'n Deut erbleicht!

Hohe Salve & das siebenhundertdreiundvierzigste Gedicht

An der Hohen Salve

Ein Plädoyer für die Mittelgebirgswanderung

Verwahre dich vor hochalpinen
Rauf- und wieder Runter-Spleenen!

Wo der Fels noch nackig ist
Erosion die Grasnaht frisst
Gibt's nur:

Geröll
Geröll in spe
Lawinengatter
etwas Schnee
geballte Lebensfeindlichkeit
trostlos grau im Steinschlagkleid

Denn der Berg, die Abbruchschlampe
glänzt erst ab der Bauchspeckwampe

Rück dem Gipfel nie zu nah, Kind
reicht doch, dass die Berge da sind!

Deren Schönheit lässt sich loben
auch von nicht totalweitoben

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