Madagaskar

Vom 4. bis zum 21. September meine zweite große Fahrt über diese wunderbare Insel unternommen. Und dabei auch die Bühne betreten:
- 10.09.16 Antananarivo, Poetry Slam, Goethe Zentrum
- 15.09.16 Belo Tsiribihina, Lakana Be 3

Tor 14 & das siebenhundertachtundzwanzigste Gedicht

Bambuslemur

Bambule vs. Bambuslemur

Du zerbrechlichster Sprössling der Tagesschicht
versprichst du dir Sprossen? Hier kommt ein Gedicht:

Es scheint dir so artfremd – das Tollen und Zanken
Tja, seine Familie sucht sich niemand aus
Beschwerde führt schüchtern ein wisperndes Janken
so zartig, so artig, so "Hältst du's noch aus?"

Man sorgt sich doch unweigerlich:
Ist die Welt nicht gefährlich für einen wie dich?
Ob hier am Busen der Natur
für einen Bambuszwerglemur
der Wind nicht gar zu garstig weht
wo alles sich um Darwin dreht?

Doch dessen Herz konntest du scheinbar erweichen
Das mag zum Überleben reichen

Tor 13 & das siebenhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Sifakas

Entlarvte Sifakas

Wenn nur nicht dieses Tanzen wäre ...

Dieses tolgepatschelte Hupfgesacke
dieses hoppladihoppelnde Hickedihacke

... gebührte dir die ganze Ehre
erlauchter Dornen-Eminenz
von weiserweißer Exzellenz

So superduper, so perwollig
du personifiziertes Drollig
huschst schwere- und lautlos auf samtenen Pfoten
mit höchster Höhen Haltungsnoten
In den Wipfeln bewegst du dich allzu schön

Doch will dich jeder tanzen seh'n
Am Boden

Fossa & das dreihundertachtundsiebzigste Gedicht

Fossa in Kirindy

Nachhaltige Begegnung. Herbstliche Erinnerung an Madagaskar und den Fossa (dessen "o" im Madagassischen eher wie ein "u" intoniert wird).

Fossanähe

Ein gewisser Fossa
Stand mir heut im Wege
Panisch schrie ich: "Mussa
Nich in ein Gehege?!"

Das Tier, es maunzte souverän
Beim An-mir-vorübergeh'n -
Führte reines Nichts im Schilde
Und beschämte mich mit Milde

Klar
Es war
Das abgerundetste Katzentier
Das auf Wattetatzen hier
Verwundert meinem Blick auswich
Geduckt ins Dickicht wieder schlich
Bis nach auf Stunden
Gerundeten
Sekunden
Auch sein seidig geschmeidiger munter gewundener rundlicher ungemein langer Schwanz
Ganz
Entschwunden
War

"Hoppsa," dachte ich, "so nah
War ich grade einem Raubtier!"
Aber nee - die Nähe, glaubt mir
War mir näher als der Abstand
Mit dem ich mich letztlich abfand

Nächstes Mal versuch'ste mehr -
Kriechst dem Fossa hinterher!

Aye-Aye Zwei & das dreihundertzweiundsiebzigste Gedicht

Aye-Aye auf Aye-Aye-Island

Mit diesem Text soll die vermutlich größte Sammlung von Lemurengedichten vorerst abgeschlossen werden. All die Unterarten von Sifakas, Wiesel- und Braunen Lemuren, die ich in diesem Jahr ebenfalls erspäht habe, müssen zunächst noch ohne Untergedicht bleiben. Zusammen mit den Lemurengedichten aus "Mehr Kacheln!" kommen wir auf nunmehr 13 zoologische Halbaffenpoeme. Da muss man sich erst mal einfühlen. Details später.

Fingertier oder Aye-Aye

Du spleenpralle Laune von Mutter Natur
Du ins Dickicht gefallene Comicfigur
Du göttlich-komödischer Gothicclown
Du fürs Spotlight des Spottes geborener Faun

Schon die Undimension deiner Fledermausohren
Deine schütteren Zotteln, dein buschiger Schwanz
Sie soufflieren, man hätt' nur aus Scherz dich geboren
Als ein Schlimmer-geht's-nimmer - nur war's das nicht ganz:
Feurig rot schielt ein Augenpaar aus deiner Fratze
Und maskiert deinen Possentanz "Straight outta hell!"
Schaurig besoundtrackt vom Krallen-Gekratze
Des Langfingernagelpaars in XXL
Und messerscharf raspeln Eispickelzähne
Gierig beknabberte Hölzer zu Späne

Es ist so, als wär' keine Zelle in dir
Nur halbwegs verwandt mit 'nem richtigen Tier
Du bist in allem übertrieben
Und zwingst uns, grade das zu lieben

Du bist im Großen wie im Kleinen
Entschlossen, Schönheit zu verneinen
Dass wir verstummen wie vorm Grab ...

Und jetzt nimm deine Maske ab!

Trottcomeback & das dreihundertsiebzigste Gedicht

Ziegelbrennerei im Hochland Madagaskars

Schon scheint es, man sei bereits Ewigkeiten wieder zurück - Zeit für ein Erinnerungsfoto von einer madagassischen Ziegelbäckerei.

Zweiter Anlauf

Und langsam glättet das Leben sich wieder
So sehr auch die Hektik dagegen sich stemmt
Es schlüpft unlasziv alle Last aus dem Mieder
Und bleibt in der Nackigkeit seltsam gehemmt

Spreiz dich aus, du alte Nervschildkröte!
Ich hab meine Glanzlosigkeit überlebt
Nun wird dir das Blech der fanfarischen Tröte
Mit rächender Geste ins Bauchfell gewebt!

Und dein ewig beutegeiles Hecheln
Auf jeder Spur von meinem Schwächeln
Bricht fortan aus dem Wanst als Stöhnen ...

Du kannst dich schon mal dran gewöhnen!

Hauch des Winters & das dreihundertsechsundsechzigste Gedicht

Belo Tsiribihina

Nun wäre das erstgesetzte Ziel geschafft: 366 Gedichte für die 366 Tage des (Schalt)Jahres. Da aber das Ziel auf 500 Gedichte aufgestockt wurde, kann nun nicht der Stift beiseite gelegt werden, sondern muss sich gesputet werden - 134 Gedichte in den restlichen zweieinhalb Monaten...! Und weil diese kalt zu werden drohen, hier ein Foto aus dem Westen Madagaskars - vor drei Wochen aufgenommen und schon sehr weit entfernt.

Hauch des Winters

Plötzlich beugt sich das Jahr
Und will nicht mehr leben
Und es hat sich beinah'
Jedes Blatt aufgegeben
Es entglänzt sich das Grün
Und zerzaust sich ins Gilben
Den Dichtern entflieh'n
Die romantischen Silben ...

Mählich türmt sich der Eindruck von Straße und Dreck
Und in vier bis fünf Wochen ist alles hier weg
Was der Frühling an zartigste Zweiglein getrieben
Wird von Fußtritten klobigstem Schuhwerks zerrieben

Für vier Monate wird dann der Film angehalten ...
Und die Leinwand im spärlichen Restlicht erkalten

Aye-Aye-Appetizer & das dreihunderteinundsechzigste Gedicht

Aye-Aye auf Aye-Aye-Island

Nun wartet nur noch das Aye-Aye auf ein zoologisches Lemurengedicht. Aber das benötigt noch etwas Zeit. Hier nur ein Appetizer.

Aye to Ai

"Hei, du Ei!" sprach das Aye-Aye,
"Bist du nicht der Ai Weiwei?"
"Mei, und du bist ein Aye-Aye?!"
Freute sich Herr Ai Weiwei
Das sei fei - und beide geiern:
"Lass uns unsre Ei-Heit feiern!"

Hernach sagten sich Bye-Bye
Ai Weiwei und das Aye-Aye

Rückreise & das dreihundertsechzigste Gedicht

Madagaskar Stilleben

Abschied von Madagaskar und den Seychellen. Über Abu Dhabi.

Vom anderen Ufer

"Weh mir, Emir,"
Sprach ich panisch, "Piraten!

Aus den arabischen Emiraten

Alle Welt bangt vor ihr'n
Rabiaten
Taten und Matern an Patern!"

Da war der Rat vom Emir:
"Lieber Rabbi, eh dir

Die Art der Piraten 'nen Alptraum bereite:
Die Jungs sind seit Samstag auf unserer Seite!
Selbst gläubigste Räuber treibt stets, so gelob' ick
Gewinnmaximierend Gesinnungsaerobic!"

Wiesellemur & das dreihundertneunundfünfzigste Gedicht

Wiesellemur

Und in der letzten Madagaskar-Woche tauchte dann doch noch ein zusätzlicher, noch nicht von einem Gedicht bedachter Lemur vor meiner Kamera auf. Auf welche Weise, erklärt sein Ged/sicht.

Der Wiesellemur (Englisch: sportive lemur)

Nur der drolligen Pupillen wegen
Sollt' man nicht den Willen hegen
Den Schlafkloß aus dem Astlochschacht
Hinauszustoßen - gleichwie sacht!

Ach, achteten wir den nachtaktiven
Tagesablauf des sportiven
Wiewohl meist ruhenden Wiesellemuren
Würden wir ihn kaum auf unseren Touren
Egoman entzückungssüchtig
Einmal kurz, beglückt und flüchtig
Aus dem Schlaf ins Helle stupsen
Dann in unsren Fokus schupsen

Sein Blick irrt halbgar: "Was'n los?!"
Mit Augen, die gar doppelt groß

Da gluckst die Hingerissenheit
Ob solch massiver Niedlichkeit

Werter Wiesellemur, verzeih'n Sie die Störung
Die Ihnen laut Murren nur wenig gefällt
Doch dient dieses Opfer durch Optik-Betörung
Versöhnlichst dem inneren Frieden der Welt!

Camp Amoureux & das dreihundertdreiundfünfzigste Gedicht

Fyling Sifaka

Sifaka im Camp Amoureux. Ein Ripostegedicht zu Bert Brecht.s "Erinnerung an die Marie A.".

Marie A. frisst ihre Kinder

Die eine Wolke weiß ich noch ...
Die als Schäfchen vom Land auf das Meer rausgetrieben
Der Verkleinerung trotzend - um schließlich dann doch
Ihrer Auflösung nachgab, bis nichts mehr verblieben
Als weitere Wolken, die ich noch erinner'
Jenem Schicksale folgend, dass keine Gewinner
Am Himmel von mir zu melden waren ...
Nur Berichte von Helden und Wolkengefahren

Bis zum Abend vom Meer eine ungeheuer weiße Front
Eroberte den Horizont ...
So viel wolkige Allmacht, vom Himmel besessen!

Ach, könnt' ich doch all diese Wolken vergessen ...

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