Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Sold

Diese Gedichte sind im Rahmen einer Crowdfunding-Aktion von den angegebenen Personen erstanden worden. Ich habe die freundliche Genehmigung von ihnen, sie auf meiner Seite zu veröffentlichen und sie gegebenenfalls bei Auftritten vorzutragen und in meinen Büchern zu veröffentlichen. Nach meinem Tod werden diese Texte hier gelöscht und jede Nutzung wird von den angegebenen Personen/ihren Erben verwaltet. Ich danke derweil für die Unterstützung – das gespendete Geld hat wichtige Projekte in fernen Teilen der Welt unterstützt.


  • Galería de los doce sevillanos ilustres & das zweitausendneunhundertelfte Gedicht

    Galería de los doce sevillanos ilustres auf dem Palacio de San Telmo

    Hinten im Korn

    Wenn ich das Korn mäh‘, dann mäh‘ ich es vorn
    Weil hinten im Korn – da mäh‘ ich nicht gern
    Da hab‘ ich Frau und Kind verlor’n
    Hinten im Korn
    Drum mäh‘ ich nur vorn, wenn ich mähe im Korn
    Mir reicht ja ein Brot, denn die Liebsten sind tot
    Ich hab sie verlor’n
    Hinten im Feld

    Denkt Mensch, dass er als Erster da war
    Sitzt dort bereits der Skandinavier
    Er hockt stets auf Halmhöh‘, die Ähren vor Kopf
    Nur die kreisende Saatkräh’ späht den flachsblonden Schopf
    So kennt und erkennt man den Skandinavi-er
    Blondschopf, Kopf, Hals, Leib und dran die zwa Skier
    Drauf pirscht er nächtens und raschelnd durchs Feld
    Baut Möbel und Handys und lauert auf Geld

    Wenn ich das Korn mäh‘, dann mäh‘ ich es vorn
    Weil hinten im Korn – da mäh‘ ich nicht gern
    Drum mäh‘ ich nur vorn, wenn ich mähe im Korn
    Mir reicht ja ein Brot, denn die Liebsten sind tot
    Ich hab sie verlor’n
    Hinten im Feld

    Er weiß der langen Winter wegen
    In Dunkelheit sich zu bewegen
    Und aus Halmen hervor preschen in hehrer Zahl sie
    Schneepflugstracks durchs Feld und belasten den Talski
    Nacht für Nacht quellt von hier aus der Wikingerzug
    Und die krieg’n und die krieg’n und die krieg’n nie genug

    Langfinger vom Holmenkollen
    Die die Schanze nutzen wollen
    Zu plündern, rauben und stibitzen
    Nasenhaar aus Burkaschlitzen
    Stoppel von Bikinizonen
    Büschel, die auf Warzen thronen
    Abgezupft und rausgerupft
    Der Imame Bart gelupft
    „Schnippschnappschnuck“, schnurrt’s Scherchen munter
    Rapunzel lässt ihr Haar herunter
    Bullerbü macht Mullah Müh‘ – und Erwachsene ebensü

    Doch Edvard Grieg mit Scherenhänden
    Lässt es dabei nicht bewenden
    Munchhaus’ner Prophetennecker
    Øresmøre Knåckebåcker
    Ibsentippsen und Roxette
    Schleichen sich bis an dein Bett!

    Poetenbrill’n, Doktorenlinsen
    Verschwuppsentwunden – „Och, wo sin’s’en?“
    Von Pädagogennachtkonsolen werd’n Augengläser weggestohlen
    Aufs grad geraubte Haar gebettet, das sich unterm Glase glättet
    Die Gürteltasche zugemacht – des Nordmanns Raubzug ist vollbracht
    Er schleicht zurück auf seinen Stelzen
    Um nun die Beute einzuschmelzen
    Das Glas auf Temp’ratur gebracht
    Das Haar zu einer Schnur gemacht
    Das hat mich auf die Spur gebracht
    Auf einmal hab ich nur gedacht:
    Glasfaserkabel!

    Dämmert’s jetzt?
    Wir sind hier doch längst skandinavisch vernetzt
    Strom, Internet und SMS
    Der Skandinavier managed des
    Denkt Mensch, er sei als User startklar
    Used ihn bereits: der Skandinavier

    Vattenfall und wat’n Aufstieg
    Der Pisastreber kurz vorm Endsieg?
    Nicht mit mir hier, ab nach Haus
    Ich reiß‘ die ganze Scheiße raus
    Die Kabellage aus den Wänden
    Die Spionage wird heut enden!
    Von wegen Norwegen! Ich halte dagegen
    Geb‘ keene Mark für Dänemark
    Von Schweden wird man fortan schweigen
    Und Schluss ist mit finish – das wird sich zeigen

    Wenn ich das Korn mäh‘, dann mäh‘ ich das Korn
    ich mähe und mähe, fang‘ vorn an und drehe
    Kehrt marsch mit dem Drescher, geh‘ nochmal längs drüber
    Mir reicht ja ein Brot, bleibt der Rest eben über
    Und in dem Getöse erkenn‘ ich Geschrei
    Das Weib und der Bub, war’n die auch mit dabei?
    Herrgott, wie auch immer – nun wär’s eh zu spät
    Was war und sein könnte wird niedergemäht
    Und ins schlachtreife Feld ramm‘ ich nochmals den Pflug
    Denn ich krieg‘ und ich krieg‘ und ich krieg‘ nicht …

    Wenn ich das Korn sä‘, dann sä‘ ich es vorn
    Weil hinten im Korn – hat kein Arsch was verlor’n
    Drum sä‘ ich nur vorn, wenn ich gehe im Korn
    Ich säe nur vorn und selbst da: Fault das Korn
    Wir haben verlor’n
    Hinten im Feld

    Alle Rechte bei Katja Reichert-Bloch, der das Gedicht am 1. Juli 2026 zu ihrem Geburtstag geschenkt wurde.


  • Salon de Embajadores & das zweitausendneunhundertachte Gedicht

    Die Decke vom Salon de Embajadores im Alcazar Sevilla

    Die Pocke
    (nach Motiven von Schillers „Lied von der Glocke“)

    Fest gewachsen im Gesichte
    Prangt das Horn in Talg gebannt
    Es blitzt hervor im Spiegellichte
    Und raubt der Maid den Restverstand
    In der Drüse heiß
    Brüht ein Seibersuppenscheiß
    Blüht auf zur Ausschlag-Show – ohne Entrinnen!
    Denn der Ekel kommt von innen!
    Wo die schwere Milch der Pubertät
    Die pockemon’sche Pustel bläht
    Dass sie erglüht zum säftesatten
    Facebuckel Entstellt-mir-Button

    Wehe, wenn der losgelassen!
    Wachsend ohne Widerstand
    Durch die vollgeklebten Gassen
    Wälzt ein ungeheurer Brand
    Und lodert auf – recht konkludent – zum
    Epidermien-Epizentrum

    Schwer erbärmlich grämt sich schon
    Ihr Leid lamentierend, lädiert und belämmert
    Nah ’ner Emo-Eruption
    Die Lady, der nunmehr ein Ungemach dämmert
    Ob der körpereignen Lava –
    Grad, da man dem Lover nah war!

    Wenn Mitesser den Tisch eindecken
    Heißt’s sich vorm Spiegelglas verstecken
    Drum prüfe, wer sich ähnlich windet
    Ob man nicht besser gleich erblindet!

    Doch was Clearasil nicht fortgeschafft
    Entleert agil der Finger Kraft:

    Jetzo mit dem Druck der Nägel
    Walk des Eiters grausig Gruft
    Dass der grützgeword’ne Egel
    Steige, in die Himmelsluft!
    Oh, Blut rinnt, wenn das Ödem aufknackt
    Es sprenkelt die geborst’ne Haut
    Wenn man jetzt stärker draufzwackt
    Seiht ein Süppchen aus der Braut
    Weiße Blasen seh ich springen
    Wohl, die Massen sind im Fluss
    Lass sie durch die Poren dringen
    Sporentief erzwing’n den Guss
    Dass die zähe Götterspeise
    Fließe nach der rechten Weise!
    Rauschend in des Henkels Bogen
    Schießt’s mit cremefarbenen Wogen

    Freude hat mir Gott gegeben!
    Sehet, wie ein güldner Zopf
    Aus der Hülse, blank und eben
    Schält sich ambern nun der Pfropf!
    Freude ist des Ausdrucks Beute
    Friede sei mit Euch, Ihr Häute!

    Leergebrannt scheint nun die Stätte
    Ruhe im Follikel-Bette
    Doch wo so’ne Säfte sinnlos wallen
    Da regt sich bald ein neues Leben
    Im einstmals prallen Pocke-Ballen
    Tja, mein Schatz – so ist das eben!

    Und verzeiht mir mein Mir-zu-erlauben
    Vom „Fest gemauert …“ abzustauben!
    Die Glocke wird an zähen Strängen
    Auch weiterhin ganz oben hängen
    Mich drängt’s nur auf die kleinen Rosse
    Als Schillerglockenhaifischflosse
    Und so verzeiht mir mein Exzempoem
    Frank Klötgen, Dichter – angenehm!

    Alle Rechte bei Martha, Anton und Frida Reichert, für die das Gedicht 2026 im Rahmen des Abschiedstour-II-Crowdfunds gekauft wurde.


  • Callejón de la Inquisición & das zweitausendneunhundertsechste Gedicht

    Callejón de la Inquisición im Viertel Triana

    Der Hummelfluch

    Hör‘ ich den Rimski-Korsakow
    Beginnt’s zu jucken und ich hoff‘
    Dass keine Hummeln in der Nähe sind
    Denn wenn schon duellieren
    Besser nicht mit kleinen Tieren
    Weil da Sympathien vorab vergeben sind
    Denn nur Allergikern und Blagen
    Zeiht man moralisch das Erschlagen
    Vom gelb und schwarzen Fluginsekt
    Na, selber schuld, wer das nicht checkt

    AKT I

    „Ich drück‘ zart der Zichte ihr’n glühenden Stummel
    Ins Rückgrat ’ner grade hier ruhenden Hummel
    So zermalmt nun den Korpus der Schwirrkreatur
    ’ne Kombi aus Druckkraft und Temperatur
    Und knisterig ascht das Flügelpaar
    Das Leben entbeugt sich dem Hummelabdomen
    Solch Endlichkeitszeugnisse gehen mir nah
    Leicht bedrückt blick‘ ich auf die Erdrückte, denk‘: „Yo, man
    Ey, sorry, ne – is‘ sons‘ echt nich‘ meine Art
    Allzu gern hätt‘ ich dir die Tortur wohl erspart
    Nur es war halt ’ne echt blöde Koinzidenz
    Auch wenn du – als Insekt – dieses Wort gar nich‘ kenns‘
    Aber das is‘ eb’n der Punkt: diese Sache mit Darwin
    Ich mein‘, für mich hier als Mensch, dich zu töten, das war wie’n
    Gruß an den Schöpfer, sich zu re-vergewissern
    Sein Ebenbild degeneriert nicht zu Schissern
    Die trotz Krönungsjuwelen der Evolution
    Schon bei etwaig’n Nachfrag’n sich selber entthron’n
    Anstatt eindrücklich ausdrücklich Ordnung zu schaffen
    Mit Nachdruck für die, die’s wohl ohne nicht raffen:
    Wir sind keine Fauna-Fans!
    Wir sind Homo Sapiens!“

    Nun kam es, dass der Hummelschwarm
    Vom Tod der Imme Wind bekam
    Der argumentativ sich nicht erschließt
    Die Nektar-Queen schlägt Vollalarm
    Steht eh nicht auf den Schöpferkram
    Der Gliedertier’n ihr Daseinsglück vermiest
    Erklärt’s zur ausgemachten Sache:
    Jetzt geht’s um Widerstand und Rache
    Und so vollzieht sich Zug um Zug
    Die Oper-Ration Hummelfluch

    AKT II

    „Hier wohnende Drohnen und Arbeiterinnen
    Wir Hummeln sind hammlos – und doch in mir drinnen
    Brennt unbändig endlosbittre Wut
    Denn ständig man uns Böses tut
    Wieder traf’s eine, die Brut unsrer Sippe
    Qualvoll verkohlt an der Glut einer Kippe
    Ja, der Typ, der da grad Rimski-Korsakow flötet
    Hat nur so aus Spaß unser Mädchen getötet
    Ich denk‘, wir sollten solchen Assen
    Nicht einen Abgang durchgeh’n lassen
    Ihr Mord darf nicht für umme sein
    Drum auf, ihr Immen, zeigt’s dem Schwein!“
    Und fünf of le grüpp, sie formieren un trüpp
    Der vom Auftrag beflügelt sich vorwärtsbewegt
    Rischtüng ex-zischtenrauchende, flötende Büb
    Dessen Willen zu chillen sich plötzlich erregt
    Doch kaum spreizt sich sein Maul, um „Haut ab hier!“ zu schrei’n
    Flieg’n ein, zwei, drei, fünf Hummeln rein

    Das macht sich toll als Rächers Traum:
    Voll stechbereit im Rachenraum
    Wo jeder Stich sich schädlich potenziert
    Denn ’s wird ja, wenn der Hals anschwillt
    Die Luftzufuhr mit abgestillt
    Des Lebens Rest in Bestzeit dezimiert
    Nun kann solch Hinterlassenschaften
    Zwar der Gestoch’ne auch verkraften
    Doch spricht’s aus seinem fahl’n Gesicht
    Zumindest diesmal schafft er’s nicht

    AKT III

    „Junge, Junge – wat schwillt mir die Zunge
    Krieg‘ fast keine Luft mehr!“ – Er kommt seiner Gruft näh’r
    Und bevor sich das Blatt hier nun doch noch mal wendet
    Ist unser gestochener Held – och – verendet
    Auch was vordem im Schlund gesummt
    Alsbald verhallt es und verstummt
    So bleiben die fünf Hummel-Märtyrerinnen
    Zwar sehr effektiv, aber leider auch: drinnen
    Und noch eh der Typ komplett abkackt
    Versumpft man im Verdauungstrakt
    Im Darm vom Leichnam überwintern
    Alle Hummeln kurz vorm Hintern

    Doch die Königin spricht: „Lob und Preis
    Den Fünfen, die ihr Leben gaben
    Und ihren Platz im Paradeis
    Nebst Drohnen-Harem sicher haben
    Denn unser hummlischer Vater sorgt bei der für Profit
    Die sein huldhaltig‘ Reich durch die Märtür betritt
    Mög’n diese Fünf uns Hummeln ein
    Auf ewig leuchtend Beispiel sein!“
    Und so beschließt sie den Hommage-Schwung
    Glatt als Immenstaatsverarschung
    Denn das Hummelfahrtskommando
    Steckt und bleibt grad in ’nem Land, wo
    Man vergärt in „Poah!“-Fäkalien
    Voll entehrt in Vor-Analien

    Ja, das verschweigen Heilsversprechen
    Sich und andre abzustechen
    Endet stets als Hammelflug
    Lasst euch nicht führ’n zum Versuch!
    Mögen Ungerechtigkeiten
    Sich auch fürderhin verbreiten
    Und man rät, von Opferseiten
    Da mal drastisch einzuschreiten
    Irgendwann gäb’s auch mal Lohn …
    So lass sie reden, Hummelsohn!

    Auch ohne Schein und Selbstbetrug
    bleibt Hummel sein noch Fluch genug

    Alle Rechte bei Markus Berg, der das Gedicht 2026 im Rahmen des Abschiedstour-II-Crowdfunds von mir gekauft hat.


  • I never promised you an RG & das zweitausendneunhundertdritte Gedicht

    Rosenblüte Villa Witte

    Frühling lässt sein blaues Band … (Mörike reloaded)

    Knospen knistern, Knaben knuspern
    Am Backfischgeschwärme vom letzten Jahr.
    Flügel flüstern, Winde wispern:
    Er ist’s! Er ist’s – wie wunderbar!
    Frühling lässt nun Staub erblüh’n,
    Leiber im Hormonstau glüh’n,
    Ditt kleenste Fleuchzeuch Wachstum wittern,
    Den tumbsten, dumpfsten Stumpf erzittern.
    Frühling, Du bist’s! Wir haben Dich vernommen –
    Bienvenue, welcome und herzlich willkommen!

    Du tauchst in Tau und Birkengrün
    Verdörrtes Land und fingerst kühn
    Dem winterhart gestockten Boden
    Am keimbereiten Sämlingshoden.
    Da wölbt sich Mother Natures Bauch
    Im erdigwarmen Frühlingshauch,
    Da girrt und gurrt es, summt und surrt es,
    sirrt und schwirrt es – ja, nun wird es
    Frühling! Wieder wehen traulich
    Deine Flatterbänder blau sich.
    Erde weicht sich, Kälte schleicht sich
    Und das Maienglöckchen zeigt sich.
    Mörike, Dich hör’ ick trapsen!
    Nachtigallen, Amseln, Spappsen!
    Holder Dolden Blütenpracht –
    ’s hat er wieder schön gemacht!

    Und in all dem Blüh’n, da: Welkst nur Du.
    Schaust Dir selbst beim Altern zu,
    Ahnst beim Anblick erster Falten:
    Da is’ nix mehr aufzuhalten!
    Dieser Bauch wird niemals Brett mehr,
    Deine Haarpracht nicht komplett, sehr
    Schade ist das, keine Frage –
    Doch Du hattest Deine Tage!
    Schlitterst nun mit letzter Klarheit
    Von der Ist-Zeit in die War-Heit.
    Ziehst und zerrst an Körperstellen,
    Wo sich nun die Dellen wellen,
    Denkst zurück an letztes Jahr,
    Da das auch nicht anders war.
    Doch dachtest Du: Na, das lässt sich richten!
    Mit irgendwas, mit … Ja, mitnichten.

    Blaukraut bleibt Blaukraut
    Und White Stripes bleibt White Stripes –
    Nur ich soll ergrau’n, wenn sich alles in Grün zeigt?
    Mein lieber Lenz, Du, leck mich doch!
    Wie lange war ich Dein Verfechter,
    In Deinem Sinne Worteschlächter?
    Nun frag ich mich: Kennst Du mich noch?
    Wer wärst Du ohne Lyrikstütze
    Und wem Dein Grün und Blüh’n zunütze?
    Wir haben Dir Anmut angedichtet,
    Manch Abart Dir per Vers gerichtet,
    Das Beste aus Dir rausgefischt,
    Dem Volk romantisch aufgetischt:
    Dich, den Dichter-D’Artagnan! Du
    Duselduttending der Dichtung,
    Du dankst Dein Renommee den Dichtern,
    Die Dich doch erst einst etablierten
    Als zum Star empor geschriebenen
    Refrain im Chor der Liebenden!

    Dich, den gernegroßen, sambereiten
    Vollprolet der Jahreszeiten!
    Wärst ohne unsern Wahlbetrug
    Nur Nieselreg’n und Pollenflug.
    Ein Pickeljungspund, chronisch willig,
    In allem absehbar und billig!
    Du tauchst die Welt in Schwalbenkot,
    Bringst Heuverschnupften Atemnot
    Und Cortison keult rudelweise
    Die Opfer Deiner Wucherpreise!

    Nun ziehst Du wieder durch die Länder
    Mit triebverpeiltem Dauerständer
    und prahlst, dass es halt Dein Problem bleibt,
    Wer sich das Glied heut wo in wem reibt.
    Du pfeifst auf Deine alten Texter,
    Grölst nur gen Nachwuchs „Wer ist Nächster?“

    Okay, dann geh! Du kannst da bleiben –
    Ich werd’ mich nun dem Herbst verschreiben!
    Nenn’ Frühlingsverse ein Verseh’n,
    Streb’ fortan nur noch nach Vergeh’n!
    Werd’ Laub zu Lab und Lob verdichten,
    Im Modern das Moderne sichten,
    Dass jeder dem Verfall verfalle –
    Nie vor November sich verknalle!
    Wenn waldigfaulen Pheronömen
    Die Boys and Girls entgegenströmen.
    Aus dichten Quellen weiß man ja,
    Der neue Jahreszeitenstar
    Er ist’s! Er ist’s – wie wunderbar:
    Der Herbst. Mach Dir ’n Reim drauf klar!

    Denn Versmaß rules! Und wird noch regeln
    Mit eingewachs’nen Zehennägeln,
    Um runzligpunzlig anzuschau’n,
    Den Herbst als Erbprinz aufzubau’n!
    Und ohne Abers, ohne Wenns
    Mach ich mir dann den wahren …

    Alle Rechte bei Cora Cristofolini, die das Gedicht 2026 im Rahmen des Abschiedstour-II-Crowdfunds von mir gekauft hat.


  • Umbau & das zweitausendvierhundertdreiundvierzigste Gedicht

    Varadero-Museum im Umbau

    The House of Ascher (zum Siebzigsten)

    Hurtig durchspurtet das House of Ascher
    Zum Geburtstagsschmaus: der Pascha.

    Er, der oft auf Shows gesichtet
    (manch Moment dort abgelichtet),
    Folgt dem „Es ist angerichtet!“,
    Wird daselbst nun eingedichtet:

    Es hilft, nicht erst beim Siebzigwerden
    Mittels „Sieb‘s Ich!“ sich zu erden –
    Auf dass hehre Nichtigkeiten
    Nicht von dem, was wichtig, leiten

    Und wir lässig überwinden
    Was wir längst schon lästig finden.

    Alle Rechte bei Wolfgang Ascher, für den das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden wurde.

     


  • Küstenlinie & das zweitausendvierhundertachtunddreißigste Gedicht

    Varadero Beach

    Theoretisch abstürzen

    Wie viele juveniler Räusche
    Hab ich nach Dammbruch ausgekotzt?
    Achtzig (wenn ich mich nicht täusche) –
    Wild aus Aug und Maul gerotzt.

    Nicht brutal oft, auch nicht wenig,
    Und höchst selten gilt: Ich sehn mich
    Nach der Zeit zurück – der Non-Stops,
    Jägermeisterrunden, Headshots,
    Einspritzer im Trinkspielwahn,
    Konterbier im Mittagstran … –
    Da ich mich der Sechzig näh’re
    und mir gruselt jetzt, ich wäre
    Nochmals so vom Rausch gepfählt.

    Hab drum vieles abgewählt.

    Doch ich spür nun, auch ohne ins Tun zu versinken:
    Heute ist so ein Tag, hey, zum richtig Betrinken!

    Alle Rechte bei Ute Kratzer, die das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden hat.


  • Parque Josone & das zweitausendvierhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

    Im Parque Josone, Varadero

    Eine Kosmosfülle Gutgemeintes

    Eine Kosmosfülle Gutgemeintes
    Erstreckt sich in die Gassen.

    Durch der Fassade Gipspracht scheint es:
    So müsst’es halbwegs passen,
    Dass Motivation und Erfolg sich mal küssen!?

    Der Überstrich fordert: Sie müssen, sie müssen!

    Doch nichts passiert. Nein, der Verfall
    Ermächtigt sich hier überall
    Der quasi unbenutzten Stadt
    Und plündert das gemachte Nest
    Für das so schmuck garnierte Fest,
    Das niemals stattgefunden hat.

    Alle Rechte bei Ute Kratzer, die das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden hat.


  • Blick von der Liege & das zweitausendvierhundertzwanzigste Gedicht

    DSC08298

    Die nutzlose Zeit

    Du köstlich verstreichende nutzlose Zeit,
    Ich winke dir vom Pool-Rand zu!
    Gern wär ich zu reicherem Output bereit,
    Doch saug vom Honig deiner Ruh.

    Ich lasse meine Blicke schweifen,
    Ohne meinen Kopf zu dreh’n.
    Reizt’s mich Geseh’nes zu begreifen,
    Ist eig’ntlich schon zuviel gescheh’n.

    Wo immer Schönheiten mich streifen,
    Ruf scheu ein Schaudern ich hervor,
    Mit Reizes Flut mich einzuseifen –
    Das pflegt die Zeit, die ich verlor.

    Es zählt kein Tag, wo sonst schon Stunden
    Im Zerrbild der Bedeutsamkeit
    Sich aufgebläht. Lass dich erkunden,

    Du kostbare, streichzarte, nutzlose Zeit!

    Alle Rechte bei Markus Berg, der das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden hat.


  • Sundowner & das zweitausendvierhundertneunzehnte Gedicht

    Sonnenuntergang Varadero

    Wie der Wind

    Wie der Wind plötzlich auffrischt, wenn die Sonne versinkt –
    So, als hätt‘ er sich erst nicht getraut.
    Nun erkühnend, zu instruier’n, was uns die Nacht bringt
    Wie ein altkluger Halbastronaut.

    Der Sonne Versinken besiegelt stets Abschied
    Und gewolltsam begrüßt man die Nacht.

    Doch wenn man die Stunden der Dunkelheit abzieht,
    Verbleibt uns ein Plus heller Macht.

    Alle Rechte bei Tom Droste, der das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden hat.


  • Happy Blühday & das zweitausendvierhundertsiebzehnte Gedicht

    Obstblüte im Botanischen Garten München

    Zum unrunden Geburtstag

    Warum denn nur in Zehnerschritten
    Gäste zum Buffetsturm bitten?
    So feiern wahre Jubilare
    Halt nur alle Jubeljahre…!
    Darf‘s nicht zum Rundum-Glücklichsein
    Auch mal ein Stückchen unrund sein?

    Alle Rechte bei Susanne Bleicher-Kaikkis, die das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden hat.


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