Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Liebe und Beziehung

Klassische und sehr unklassische Liebesgedichte.


  • Hirtenjunge mit Flöte & das zweitausendneunhundertsechsunddreißigste Gedicht

    Statue des Flötenspielers (auch „Deček s piščalko“ oder Hirtenknabe) im Tivoli-Park in Ljubljana vom slowenischen Bildhauer Zdenko Kalin

    Ripostegedicht zum „Chanson einer (geistig minderbemittelten) Liebenden“ von Mascha Kaleko

    Präludium eines (hochbegabt umständlichen) Liebenden

    Der Kuckuck war’s, nicht die Nachtigall
    (die nimmt man sonst gern überall),
    Der mich wachrief, nach drei Tagen dränge es sehr –
    Da sei’s höchste Zeit, also bitte, der Herr,
    Meiner Minderbemittelten Nachricht zu geben!
    So: Ich misse sie sehr, äh, … und würd auch noch leben.
    Denn sie wartet und wartet, doch erwartet ja auch
    Und bei Erstkontaktanbahnung will es der Brauch,
    Dass Romeo vorm ersten Schritt steht –
    Den ideal auch Julia mitgeht …

    Die Nachricht selbst ist Standard, drum
    Geht’s um die Art vom Medium.
    Es darf nicht zu eklektisch sein, nicht zu banal –
    Was ist hier der passende Messagekanal?

    Erfrag ich’s mit ’ner Voice-Mail,
    Ob ich zu ihren Boys zähl?
    Dasselbe über Video-Reel
    Erscheint mir etwas unsubtil.
    Doch schicke ich’s per SMS,
    Fragt sie vielleicht: „Was war noch des?“
    Und erreich ich sie per Mobile Call,
    Ist das doch gleich wie’n Überfall!

    Ich könnte es ihr auch WhatsAppen –
    So ganz auf die Art all der Messenger-Deppen …
    Oder eröffn‘ ich’s ihr im Signal-Chat,
    Dass ich so gern ein Signal hätt‘?
    Oder E-Mail? Ruft sie die überhaupt noch ab –
    Verrott‘ ich dann im Spammer-Grab?
    Na, vom Retro-Wert wäre es phänomenal,
    Ich schick ihr was per Rauchsignal.

    Nur frage ich mich auch, versteht
    Die Frau das Morse-Alphabet?
    Noch weniger klug und ganz sicher zu spät,
    Käm ein Versuch per Fax-Gerät.
    Obschon etwas Nostalgie immer gefällt –
    Sie ist ja Frau der alten Welt!

    Doch bleibt’s beim Entschluss, der so lang in mir garte:
    Ich schreib ihr eine Ansichtskarte!
    Das scheint mir die stimmigste Lösung von allen
    Und ich bin mir ganz sicher – das wird ihr gefallen!


  • Miklošičeva cesta Nr. 8 & das zweitausendneunhundertdreiunddreißigste Gedicht

    Die Fassade der Genossenschaftsbank in der Miklošičeva cesta Nr. 8

    Die simplen Dinge

    In einem Strudel der Beiläufigkeit
    Bin ich majestätisch versunken.
    Bin keiner der „Boah ey, wie geil’s hier ist!“ schreit,
    Doch ich habe dir kräftig gewunken.

    Die verstreichende Zeit gleicht dem ewigen Meer.
    Und ich ahne, zu zweit schaffen wir’s nicht mehr her.
    Doch wenn Moleküle sich richtig verbinden,
    Wirst du dich, ich fühle das, bei mir befinden.

    Der Rest unsrer Zeit ist wie jede und keine –
    Zwar nie mehr zu zweit. Und doch niemals alleine.


  • Spätfarbene & das zweitausendneunhundertdreißigste Gedicht

    Blumenrabatt im Klagenfurter Goethepark

    Zwischen den Reparaturen

    Zwischen den Reparaturen
    Können wir einander wieder
    Wärmend in die Augen seh’n.
    Losgelöst von letzten Spuren
    Alle die durchlebten Nieder-
    lagen unsrer Zeit gesteh’n.

    Nach den Reparaturen
    Sind sich Worstcasekatastrophe
    Und das Ideal so nah.
    Gleichgültig ticken die Uhren,
    Mählich sammelt sich im Hofe
    Die In-spe-Zerstörerschar …


  • In Küsnacht & das zweitausendneunhunderterste Gedicht

    In Küsnacht am Zürisee

    Gewusst wo

    Nach einer Nacht von Küssen
    Bin in Küsnacht ich erwacht.
    Ich denk, Küsnachter wissen,
    Was uns küssbegierig macht.


  • Heilig Kreuz & das zweitausendachthundertzehnte Gedicht

    Heilig Kreuz (alte Kirche) in Icking

    Dein schönstes Gedicht

    Und schriebe ich ihr ein Gedicht,
    So sei’s von Kunstgriffen befreit.
    Kaleko raunt: „Ich schrieb es nicht!“
    Doch ich fühl mich dazu bereit.

    # Soll Unbeholfenheit mich führen –
    # Für dich mag ich ein Laie sein!
    # Obzwar Juwelen dir gebühren –
    # Es dreht sich nur um Mark und Bein.

    Und schriebe ich ihr dies Gedicht –
    Es könnt Enttäuschung zeugen:
    Vielleicht erschien es ihr zu schlicht.
    Nun, sollt ich mich dem beugen?

    # Für dich muss, aller Wortlast frei,
    # Der pure Text genügen.
    # Und fändest du’s zu einerlei –
    # Könnt dein Geschmack sich fügen?

    So schrieb ich dies Gedicht ihr nicht.
    Im Repertoire klafft fort das Loch –
    Der Leichtigkeit trotzt das Gewicht.
    Kaleko ruft: „Na, sag ich doch!“


  • Rotbuche, weiß & das zweitausendsiebenhundertdreiundachtzigste Gedicht

    Bemalte Rotbuche im Botanischen Garten München

    Ripostegedicht auf „Verse zum Advent“ von Theodor Fontane unter Benutzung aller Endreime

    Wär’se nich am End …!

    Ich wollte mich noch grad entflohn,
    Da warst du Weihnachtsengel schon
    Zur Stube rausgeschritten.
    Aus meiner unt’ren Mitten
    Erklang ein pupsig Seufzer-Ton.

    Die Abfuhr ging mir wirklich nah,
    Grad als ich in den Kühlschrank sah,
    Aus dem ich sonst abzweige,
    Doch der war pure Neige –
    Allein sechs Flaschen Schnaps noch da!

    Der’n Spirits werd’n mich jetzt verheer’n
    Und aus dem Kern der Welt entfern’n.
    Man wird an meiner Fahnen
    Mein letztes Mahl erahnen.
    Und über allem schwebt dein Stern!


  • Bergahorn & das zweitausendsiebenhundertsiebenundfünfzigste Gedicht

    Bergahorn in Kyoto

    Ripostegedicht auf „Der verstohlene Kuss“ von Mustafa Sadik Ar-Rafi’i

    Der verkohlende Stuss

    Mein Brief auf deinen Lippen –
    In Klartext übersetzt:
    Es ging mir nicht ums Nippen,
    Ich wollte, dass es fetzt!

    Betrachten wir es nüchtern:
    Ihr Dichter seid zu schüchtern!

    Da schwärmt ihr in Versen von prächtigsten Rosen
    Und seid in der Tat doch die letzten Mimosen!
    Denn ganz derb benannt, ihr mögt mir das verzeih’n:
    Wenn man sowas einstielt, dann stielt man auch ein!

    Doch ihr schmachtet euch hin mit Schmächtigkeit
    Zur echten Ungerechtigkeit:
    Ey, ich riskier für ’ne flüchtige Lippenberührung
    Den Fluch meiner Sippe ob unzücht’ger Führung!?

    Doch dich bekümmert das ja nicht:
    „Nja, is halt besser fürs Gedicht …!“
    Mann, gilt der Verzicht auf Lust dir als Tugend?
    Ich fühl mich bedroht vom Verlust meiner Jugend!

    Ich machte dir verstohlen klar,
    Dass sehr viel mehr zu holen war,
    Doch vergeblich begann’s in den Lenden zu kitzeln –
    Dir ging’s drum, dein Verslein zu Ende zu kritzeln.


  • Goldener Tempel Kyoto & das zweitausendsiebenhunderteinundfünfzigste Gedicht

    Kinkaku-ji Goldener Tempel Kyoto

    Ort follows function

    Gleich einem feuchten Stempelkissen
    Mag ich dich scheu im Tempel küssen.


  • Schwimmbrücke Holtey & das zweitausendsiebenhundertvierunddreißigste Gedicht

    Schwimmbrücke Holtey nach Essen Steele-Horst

    Vermutlich Sabine (194er Richtung Haarzopf)

    Ich kannte mal eine Routine
    (wir grüßen uns lang schon nicht mehr),
    Ich nannte sie damals Sabine –
    Wir hatten fast täglich Verkehr.

    Sie war für mich Ein-, Um- und Ausstieg
    Und Morgen- wie Abendgebet.
    Ich war wie’n „Ach, werft mich nicht raus!“-Freak,
    Der auf ’ner Gehaltsliste steht.

    Heut meistere ich das Vergessen
    (mich speist unlängst andre Routine),
    Doch seufzte ich grad vor dem Essen:
    Sabine, Sabine, Sabine …


  • Innerratschings, Einstieg & das zweitausendsiebenhundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Blick auf Bichl/innerratschings

    Eindringling und Abwiegler, beides

    Ach, es sollte doch nur ein Begrüßungskuss sein!
    Doch ein Borstenhaar stoch sich so wüst in dich ein,
    Dass du dieser Wunde erlagst.

    Glaubst du, das war Absicht?

    Erlaub mal, ich hab’s nicht
    So mit Kontrolle des Barthaars!
    Mir schien auch: Nicht vollständig hart war’s.

    Also: nein! Aber schön, dass du fragst.


– Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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