Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

  • I never promised you an RG & das zweitausendneunhundertdritte Gedicht

    I never promised you an RG & das zweitausendneunhundertdritte Gedicht

    Frühling lässt sein blaues Band … (Mörike reloaded)

    Knospen knistern, Knaben knuspern
    Am Backfischgeschwärme vom letzten Jahr.
    Flügel flüstern, Winde wispern:
    Er ist’s! Er ist’s – wie wunderbar!
    Frühling lässt nun Staub erblüh’n,
    Leiber im Hormonstau glüh’n,
    Ditt kleenste Fleuchzeuch Wachstum wittern,
    Den tumbsten, dumpfsten Stumpf erzittern.
    Frühling, Du bist’s! Wir haben Dich vernommen –
    Bienvenue, welcome und herzlich willkommen!

    Du tauchst in Tau und Birkengrün
    Verdörrtes Land und fingerst kühn
    Dem winterhart gestockten Boden
    Am keimbereiten Sämlingshoden.
    Da wölbt sich Mother Natures Bauch
    Im erdigwarmen Frühlingshauch,
    Da girrt und gurrt es, summt und surrt es,
    sirrt und schwirrt es – ja, nun wird es
    Frühling! Wieder wehen traulich
    Deine Flatterbänder blau sich.
    Erde weicht sich, Kälte schleicht sich
    Und das Maienglöckchen zeigt sich.
    Mörike, Dich hör’ ick trapsen!
    Nachtigallen, Amseln, Spappsen!
    Holder Dolden Blütenpracht –
    ’s hat er wieder schön gemacht!

    Und in all dem Blüh’n, da: Welkst nur Du.
    Schaust Dir selbst beim Altern zu,
    Ahnst beim Anblick erster Falten:
    Da is’ nix mehr aufzuhalten!
    Dieser Bauch wird niemals Brett mehr,
    Deine Haarpracht nicht komplett, sehr
    Schade ist das, keine Frage –
    Doch Du hattest Deine Tage!
    Schlitterst nun mit letzter Klarheit
    Von der Ist-Zeit in die War-Heit.
    Ziehst und zerrst an Körperstellen,
    Wo sich nun die Dellen wellen,
    Denkst zurück an letztes Jahr,
    Da das auch nicht anders war.
    Doch dachtest Du: Na, das lässt sich richten!
    Mit irgendwas, mit … Ja, mitnichten.

    Blaukraut bleibt Blaukraut
    Und White Stripes bleibt White Stripes –
    Nur ich soll ergrau’n, wenn sich alles in Grün zeigt?
    Mein lieber Lenz, Du, leck mich doch!
    Wie lange war ich Dein Verfechter,
    In Deinem Sinne Worteschlächter?
    Nun frag ich mich: Kennst Du mich noch?
    Wer wärst Du ohne Lyrikstütze
    Und wem Dein Grün und Blüh’n zunütze?
    Wir haben Dir Anmut angedichtet,
    Manch Abart Dir per Vers gerichtet,
    Das Beste aus Dir rausgefischt,
    Dem Volk romantisch aufgetischt:
    Dich, den Dichter-D’Artagnan! Du
    Duselduttending der Dichtung,
    Du dankst Dein Renommee den Dichtern,
    Die Dich doch erst einst etablierten
    Als zum Star empor geschriebenen
    Refrain im Chor der Liebenden!

    Dich, den gernegroßen, sambereiten
    Vollprolet der Jahreszeiten!
    Wärst ohne unsern Wahlbetrug
    Nur Nieselreg’n und Pollenflug.
    Ein Pickeljungspund, chronisch willig,
    In allem absehbar und billig!
    Du tauchst die Welt in Schwalbenkot,
    Bringst Heuverschnupften Atemnot
    Und Cortison keult rudelweise
    Die Opfer Deiner Wucherpreise!

    Nun ziehst Du wieder durch die Länder
    Mit triebverpeiltem Dauerständer
    und prahlst, dass es halt Dein Problem bleibt,
    Wer sich das Glied heut wo in wem reibt.
    Du pfeifst auf Deine alten Texter,
    Grölst nur gen Nachwuchs „Wer ist Nächster?“

    Okay, dann geh! Du kannst da bleiben –
    Ich werd’ mich nun dem Herbst verschreiben!
    Nenn’ Frühlingsverse ein Verseh’n,
    Streb’ fortan nur noch nach Vergeh’n!
    Werd’ Laub zu Lab und Lob verdichten,
    Im Modern das Moderne sichten,
    Dass jeder dem Verfall verfalle –
    Nie vor November sich verknalle!
    Wenn waldigfaulen Pheronömen
    Die Boys and Girls entgegenströmen.
    Aus dichten Quellen weiß man ja,
    Der neue Jahreszeitenstar
    Er ist’s! Er ist’s – wie wunderbar:
    Der Herbst. Mach Dir ’n Reim drauf klar!

    Denn Versmaß rules! Und wird noch regeln
    Mit eingewachs’nen Zehennägeln,
    Um runzligpunzlig anzuschau’n,
    Den Herbst als Erbprinz aufzubau’n!
    Und ohne Abers, ohne Wenns
    Mach ich mir dann den wahren …

    Alle Rechte bei Cora Cristofolini, die das Gedicht 2026 im Rahmen des Abschiedstour-II-Crowdfunds von mir gekauft hat.


  • Wasserspiel Aquaretum & das zweitausendneunhundertzweite Gedicht

    Wasserspiel Aquaretum & das zweitausendneunhundertzweite Gedicht

    Unter Eidgenossen

    Auch dort, wo die Schweiz einfach Schweiz ist,
    Beginnt sich der Urlaub zu regen.
    Wem Berggipfelaussicht von Reiz ist,
    Komm’n Schweiz-Aufenthalte entgegen.

    Manchem ist es alleine die Sorglosigkeit,
    Die sich türmt in den Migros-Regalen.
    Andre maulen dagegen, man müsst für die Zeit
    Unter Schweizern doch sehr viel bezahlen.

    Doch das saftige Grün, die Türkiskraft der Seen –
    Sie lassen ein wohliges Prickeln entsteh’n
    Wie ein testend Beschnuppern der Sorglosigkeit.

    Ein Schälchen von Luxus, genösslich in Eid.


  • In Küsnacht & das zweitausendneunhunderterste Gedicht

    In Küsnacht & das zweitausendneunhunderterste Gedicht

    Gewusst wo

    Nach einer Nacht von Küssen
    Bin in Küsnacht ich erwacht.
    Ich denk, Küsnachter wissen,
    Was uns küssbegierig macht.


  • Brückeninnern & das zweitausendneunhundertste Gedicht

    Brückeninnern & das zweitausendneunhundertste Gedicht

    Leben im Bedeutungsverlust

    Die alten Eltern aus Olten,
    Die Welten verwalten wollten,
    Loben heut sich fürs Laben am Leben.
    Wer muss abends noch oben sein? – Eben.


  • Slam Olten Jubiläum & das zweitausendachthundertneunundneunzigste Gedicht

    Slam Olten Jubiläum & das zweitausendachthundertneunundneunzigste Gedicht

    Was denkt das Haus am Donnerstag?
    Ripostegedicht auf „Was denkt die Maus am Donnerstag?“ von Josef Guggenmoos

    Was denkt das Haus am Donnerstag,
    am Donnerstag,
    am Donnerstag?
    Dasselbe wie an jedem Tag,
    an jedem Tag,
    an jedem Tag – und selbst das beginnt zu schwinden!
    „Wer sind die Leute?“, „Wo bin ich?“
    „Dies Spiegelbild da, kenn ich nich!?“
    „Wird mir gerade Geld gestohlen?“
    „Wann kommt wer, um mich abzuholen – und wird er mich hier finden?“

    Das denkt das Haus an jedem Tag,
    am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag
    und jeden Tag,
    und jeden Tag:

    „Da kommen Mutter und Papa!
    Wie war’s im Grab – gefiel’s euch?“
    Sie schenken mir zum 90sten ein lang vermisstes Spielzeug.
    Die Katz, die ich als Kind besaß,
    Schnurrt hier auf meinem Schoß.
    Mein Orientierungssinn ist klein – und diese Welt zu groß!
    Noch gibt’s eine Vergangenheit –
    Sie schwimmt hier rum in Fetzen,
    Bewahrt ’nen Rest Verbindlichkeit vor hundertausend Jetzen.

    Das denkt das Haus am Donnerstag,
    Manch Donnerstag heißt Mittwoch.
    „Ganz sicher klingelt gleich Besuch!“
    Doch folgt auf jeden Schritt Loch
    um Loch um Loch um Loch …

    Ach, wäre ich, ach, würd ich bloß
    Wie eine Katze riesengroß!
    Dann könnte Löcher, Haus und Hof ich einfach überblicken!
    Doch so umströmt mich Wirrwarr nur – und nirgends gibt es Brücken.


  • Homeoffice Krupp & das zweitausendachthundertachtundneunzigste Gedicht

    Homeoffice Krupp & das zweitausendachthundertachtundneunzigste Gedicht

    Möbliert

    Ich seh in manchen unsrer Möbelstücke
    Noch den Wunsch nach ’nem stilvollen Leben.
    Doch mangelte hierzu es zu oft am Glücke,
    Galt’s das Kleinod in Großtrott zu weben.

    Unser Glaube, wir könnten viel größer sein,
    Ward von Opfern wie diesen gepflegt.
    Sie ragen hervor, aber wir blieben klein –
    Hab’n die Möbel dann nicht mehr bewegt.

    Doch wie gern seh dich – nicht ganz ohne Stolz –
    Vor dem edlen Designregal sitzen.
    Wir werd’n aus betrübter Erinn’rung – was soll’s!? -,
    Uns etwas Zufriedenheit schnitzen!


  • Wendeschleife Bredeney & das zweitausendachthundertsiebenundneunzigste Gedicht

    Wendeschleife Bredeney & das zweitausendachthundertsiebenundneunzigste Gedicht

    Rückzugsort für Unverdrossene

    Den Kopf voll Versagen, die Haut voller Zecken,
    Ein Garten, in dem sich Triumphe verstecken –
    Das sind alles sehr zarte Pflänzchen!

    Im Stolz, was zu wagen, sich selbst überschätzen.
    Als Stammgast begrüßt auf den hinteren Plätzen.
    Doch immer noch Bock auf ein Tänzchen …

    Natürlich, da gäb es noch recht viel zu sagen –
    Nur müssen wir das auf ein Später vertagen,
    Da die Welt eh gefüllt ist von Zeilen!

    Für bislang Erlebtes: poetische Faxen.
    Doch erstmals kann ernsthaft aus Erde was wachsen,
    Wenn Rentner in Gärten verweilen.


  • Kokerei Zollverein & das zweitausendachthundertsechsundneunzigste Gedicht

    Kokerei Zollverein & das zweitausendachthundertsechsundneunzigste Gedicht

    Ein weiterer (der letzte) Songtext fürs nächste Marilyn‘s Army Album „Gold“.

    Geh mir weg mit Heimat!

    Fein, du hast dich neu entdeckt, sprichst jetzt Dialekt – fein, fein!
    Das klingt keck wie adrett, du machst es dir hier nett – fein, fein, fein!
    Dein Insta-Konto misst, dass du jetzt witzig bist – fein, fein!
    Man nennt dich aufgeweckt, du sprichst Dialekt – fein, fein, fein!

    Wir werd’n uns nie verkaufen
    Haben wir gedacht und es doch gemacht
    Ja, is jetzt doof gelaufen
    Nich mal’n Freispiel drin – aber immerhin
    Du hast dich neu entdeckt, sprichst jetzt Dialekt
    Ey, geh mir weg mit Heimat!
    Es ist der alte Dreck, Du kommst hier nicht vom Fleck
    Ey, geh mir weg mit Heimat!
    Individuell sprichst du jetzt Massendialekt
    Und du bist fett, fett, fett, fett, fett geworden!
    Beheimat’st dich in dem bepissten Dialekt
    Und du bist fett, fett, fett, fett, fett geworden!

    Wir werd’n uns gut verkaufen
    Hatten wir geplant, doch vorausgeahnt:
    So viel kann niemand saufen
    Dass man Paul vergisst – weil Paul jeder ist
    Du hast dich neu entdeckt, sprichst jetzt Dialekt
    Ey, geh mir weg mit Heimat!
    Es ist der alte Dreck, Du kommst hier nicht vom Fleck
    Ey, geh mir weg mit Heimat!
    Individuell sprichst du jetzt Massendialekt
    Und du bist fett, fett, fett, fett, fett geworden!
    Beheimat’st dich in dem bepissten Dialekt
    Und du bist fett, fett, fett, fett, fett geworden!

    Geh mir weg mit Heimat!
    Geh mir weg mit Heimat!
    Ey, geh mir weg mit Heimat!


  • Ruhpoldinger Fohlen & das zweitausendachthundertfünfundneunzigste Gedicht

    Ruhpoldinger Fohlen & das zweitausendachthundertfünfundneunzigste Gedicht

    Sie knien unser Lied

    Bei uns vererbt der Knieschmerz sich
    Vom Vater auf den Sohn.
    Kaum springt man auf die Paarundfünfzig,
    Verspürt man diesen schon.
    Fortan wird man sich Nacht für Nacht
    Zur Schlafbereitschaft zwingen.
    Generationen könn’n durchwacht
    Da unser Lied von singen.


  • Hinterland & das zweitausendachthundertvierundneunzigste Gedicht

    Hinterland & das zweitausendachthundertvierundneunzigste Gedicht

    Lebenslücken

    Mein Leben ist nicht komplett dokumentiert,
    Da mich vieles an mir nicht mal selbst interessiert.
    Von beschämenden Schwächen
    Von Zweifelgebrechen,
    Soll sich keine Zeile zu sprechen erfrechen!
    Mein Gelübde zu schweigen
    Wird sich euch nicht zeigen,
    Weil’s vermächtnislos nicht existiert.

    Vermutet ihr hinter den Sichtschutzwänden
    Fänden sich Verse aus schändlichen Bänden?
    Dort ist’s albern und traurig egal.

    Man kann Flecken entdecken – kein Erwecken und Schrecken.
    Und Unendlich ist nur eine Zahl.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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