Achtzeiler

Wetterumschwung & das hundertsechsundsechzigste Gedicht

Unter den Inden

Der neunte Stopp in Berlin in diesem Jahr. Mit Graupelschauer.

Der Wolkenbruch

Wenn das Blau ein Grauen aufbraut
Aus der Tiefe Schiefer raushaut
Schwärzeres in Schwären aufstiebt
Wolkenfreiheit vor sich her schiebt
Wenn mit wuchtig ersten Winden
Letzte Hoffnungsfetzen schwinden
Dann, mein Lieber ... ahnste was?
Wirste nass

Klassenkampf & das hundertzweiundfünfzigste Gedicht

Karl Marx Kopf in Chemnitz

Sitzplatzdramen auf der ICE-Zugfahrt von München nach Nürnberg. An einem Freitag normal. Und auf den Regionalzugfahrten von Nürnberg bis Chemnitz genug Zeit für die Rekapitulation:

"Verzeihung, sind Sie Bahn.Comfort-Kunde?" (Den Zweiteklassezweiten)

Regionalbahnenversagerlegionen
Fahren vom Schaffen nach da, wo sie wohnen
Schlafen im Mief der Tarifgebietszonen
Regionalbahnenversagerlegionen

Siegesgewisse Bahncomfortbereichler
Sitzplatzberechtigungskartenbestreichler
"Sorry, ihr sitzt da auf unseren Thronen,
Regionalbahnenversagerlegionen!"

Frühlingsfreizeit & das hundertneunundvierzigste Gedicht

Königsplatz München

Vier Tage München. Heimurlaub (mit zwei Auftritten). Königsplatz.

Oh Menschen, die ihr redlich seid - wisst um des Rauchens Schädlichkeit!

Ein Jüngling stand an einer Klippe
Im Lippenloch 'ne glüh'nde Kippe

Er sog so stark am Filter rum
Dass vor ihm arges Vakuum

Entstand. Sodann zog's ihn hinein
So kippte er vom Klippenstein

Ja, der eigene Sog in den Abgrund ihn blies!
(Wer denkt da, dass ihn jemand stieß?)

Blütenmeer & das hundertfünfundvierzigste Gedicht

Bahnfahrt Sardinien

Diese Landschaft gab es auf der Zugrückfahrt nach Cagliari auch in Rot und Violett. Volle Pulle Frühling.

Frühling & Fortbestand

Für den einen Moment des höchsten Ruhmes
Wirkt das Land wie von Zartheit und Auftrieb bestäubt
Wenn aufgewallt zu Blüt' und Blum' es
Das Wissen vom Ehrgeiz der Dürre betäubt

Bald wird das Gold der Farben lichter
Bald welkt der Flor zum Rückzug an
Bald wahrt nur noch ein Wort der Dichter
Den Schwur, dass hier die Spur begann

Alghero & das hundertzweiundvierzigste Gedicht

Am Strand von Alghero

Und natürlich auch: Strand. Slamtour auf Sardinien mit Badehose im Gepäck.

Die italienische Sprache

Da fliegt sie dahin, die italienische Sprache
Für mich ohne Sinn, in die schmucklose Brache
Von Spanisch-Residuen und Schüler-Latein
Gewürzt mit Klischeeschmelz aus Bella! und Wein
Irgendwo glimmt fast nassforsch ein Schein von Versteh'n

Gut, was davon stimmt, wird man später beseh'n ...

Hilflos wirft man die Anker ins Wabern vom Sinn
Und fliegt auf ein Stückchen im Klangbild dahin

Inside Sassari & das hundertneununddreißigste Gedicht

Sassari Altstadt

Loslaufen. Ziele ergeben sich.

Die Windungen der Altstadt

Sich in dies Gewühl der Gassen
Einfach fünfmal fallen lassen
An den Rand zum Sich-Verlieren
Dann zurück ins Orientieren
Ohne Fallschirm einer App
Ohne Hoffnung auf das Web
Schlichtes volles Risiko

Man ist immer irgendwo.

Franz Josef Strauß & das hundertfünfunddreißigste Gedicht

Helsinki Tervasaari

Am Flughafen hat man Zeit, aber keine neuen Fotomotive. Daher noch etwas Herziges aus Helsinki.

Leichte Ziele

Wie konnte euch DAS grad berühren?
Da lasst ihr euch zum Händewaschen
Ins frisch polierte Bad entführen
Mit prall gefühlten Jackentaschen!?

Ihr tänzelt satt
Ich seufze matt
Weil ihr im Punkt Ergriffenheit
So gänzlich glattgeschliffen seid

Helsingin Yöt & das hundertsechsundzwanzigste Gedicht

Helsinki Domplatz

Das letzte Gedicht aus Helsinki. Zu den letzten Stunden des Tages. Oder den ersten Stunden der Nacht. Und dem fehlenden Unterschied.

Das nicht schwindende Tageslicht des Nordens

Nachts sind alle Straßen blau ...

Als stünde der Tag da noch grade im Stau
Auf seinem Weg ins All zurück

Doch spart er sich das letzte Stück
Und bläut hinein in schwarze Nacht
Man freut sich, dass er das so macht

Auch Reiseweg-technisch scheint es äußerst schlau:
Das Dunkel durchströmende nordische Blau

Warmes Helsinki & das hundertzweiundzwanzigste Gedicht

Helsinki

Der dritte Tag war dann wieder schön.

Warm

Nichts ist so warm wie der Tag nach dem Tag nach dem Tag des gebrochenen Sommerversprechens
Man strauchelt zurück an den Ort des Verbrechens
Und ich wag und ich wag und ich mag es kaum hoffen
Hinterm Vorhang steht einer und ruft: Überraschung!
Das Ende des Vorgangs steht immer noch offen
Ich sag mir: Nu lüg dir nich selbs in die Tasch, Jung!
Es ist noch nicht Sommer, komm, bild dir nichts ein!

Doch allein von der Wärme, da könnt er's fast sein ...

Graues Helsinki & das hunderteinundzwanzigste Gedicht

Helsinki Hafen

Wie gesagt, grau war der Tag.

Grau

Kein Grau ist so grau wie das Grau jenes Tages:
An dem Tag nach dem Tag, da man glaubte
Es würd' schon wieder sommerlich

Am neu empfundenen Sonnenschein lag es
Dass solche Hoffnung hoch man schraubte
Doch so schnell kommt der Sommer nich'

Wie jedes Jahr keinerlei Zuwachs an Schläue
Nur weitere Tiefe am Maßband für Gräue

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