Achtzeiler

Fischplatte & das eintausendneunhundertdreiundsechzigste Gedicht

Fischstand in der Medina von Essaouira

Als Humorist

Die Möglichkeit des Tanzes
Drückt mich massig ins Polster auf meinem Balkon.
Hass ich nicht die Welt - so als Großes und Ganzes
Und dichte zu selten davon?

Ich will mich an bitterer Süße erregen,
Dazu auch ein bisschen die Füße bewegen:
Taptap - Tadapp, Tadapp - Tap, Tap ... -
Schon fällt etwas Wahrheit vom Himmel hinab.

Atlaspass & das eintausendneunhundertsechzigste Gedicht

Auf dem Atlaspass Richtung Marrakesch

Interrailin‘ (Den alten Gefährten)

Ach, selige Zeiten der Rastlosigkeit -
Zwei Tage vor Ort, war‘n die Koffer gepackt.
Wir hatten kein Google Maps und keine Zeit,
Wir waren, kaum styleversiert, schon wieder nackt.

Doch bald sind wir falsch abgebogen -
Und das nicht mal zugleich!
Nun hab‘n wir die Zeit und zu wenige Drogen,
Sind für früh‘re Verhältnisse reich.

Ich richte mein Sehnen gen altes Revier
Und wähne dich dicht hinter mir.

Via G. Mazzini & das eintausendneunhundertachtunddreißigste Gedicht

Blick in die Via Giuseppe Mazzini in Verona

Nutznießer unterwegs: Verona im November

Was nimmst du nun mit aus Italien
Außer Panettone im Magen?

Die vom Abend gewobenen Lichtjalousien,
Die nachts noch gelockerten Kragen,
Die Farbfülle, die all das Mauerwerk stützt,
Jede Palme, die Mittelland trutzt.

Ich denke, so sehr's seinen Einwohnern nützt,
Wird's noch mehr vom Besucher genutzt.

Burg Bentheim & das eintausendneunhundertzweiunddreißigste Gedicht

Burg Bentheim und Bismarck-Statue

Auf Lösungen!

Ich habe heut eine sehr schöne Idee
Aufgelöst in Alkohol,
Dessen Drang nach Zerstörung ich schlecht widersteh,
Ruft irgendwo ein Vers: „Zum Wohl!“

Es blieb bloß ein Rest von Rosinenteilgröße,
Umsudelt von keimigen Seim.
Mich schämte so sehr ob der Farce seiner Blöße,
Dass ich mir erspart jeden weiteren Reim!

Rapsiges Herbstidyll & das eintausendneunhunderteinunddreißigste Gedicht

Rapsfeld bei Bad Bentheim

Landei

Es gibt Orte, da bleiben betrübende Leute
Ganz ernsthaft ihr Leben lang wohnen.
Die schütteln den Kopf, wenn die Lebenszeit meutert:
„Ich will mich mal irgendwann lohnen!“

Es gibt Orte, die saugen sich alle Bedeutung
Aus früh überlass‘nem Gebein.
Es gibt Orte, da wird man geboren als Beute -

Doch man ist, wenn man‘s fort schafft: allein.

Grablicht & das eintausendneunhundertachtundzwanzigste Gedicht

Grabstätte vom alten Nordfriedhof Maxvorstadt

Am Anfängerhügel

Ihr solltet das Hängen üben!
Denn was folgt nach erfolgreichem Schrei'n?
Lasst roll'n eurer Gegnerschafts Rüben!
Dass das Wort einer Tat rasch voraus prescht, mag sein -
Deshalb müsst ihr sie üben, die Aufhängerei -
Zieht den Strang nicht zurück, sondern fest!
Studiert unbeirrte Gefolgstyrannei
Zunächst an euch selbst mal - zum Test!

Spielfeld & das eintausendneunhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Fußballfeld an der Straße der Kasbahs

Die Hüpfburgschlitzer

Wir hielten die Luft an vor Staunen
Und sind glatt darunter erstickt -
Solch muntere Unfälle zeigen: Die Launen,
Nach denen die Welt tickt.

Ein gnädiger Wind ordnet unsre Kaldaunen -
Dass niemand die Milz hier vergisst.
Die Welt hält die Luft an vor Staunen,
Hat uns schon (fast) vermisst.

Nachtsonne & das eintausendneunhundertdreiundzwanzigste Gedicht

Sahara Dünen bei Erg Chebbi

Novembersonne

Im Herbst schaut die Sonne nur brummelnd herunter:
"Ick komm heut nur wegen dem Licht!"
Schon geht sie im Rücken der Häuserwand unter -
Die scheint mir jetzt doppelt so dicht.

Die Häppchen bemüh'n sich den Fakt auszublenden:
Der Hauptgang fällt weiterhin aus!
Die Startformation ist schon ready zu wenden -
Im Schlepptau verebbt ihr Applaus.

Indigo & das eintausendneunhundertachtzehnte Gedicht

In der Medina von Chefchaouen

Indigo

Blau ist eine stille Farbe,
wie ein klarer Höhlensee.
Violett ihr zarter Knabe,
Doch voll Ungestüm in spe.

Indigo will im Vermitteln
Weiter in die Tiefe geh'n -
Mit der Kraft von je zwei Dritteln
Sich ins letzte endlos dehn'.

Verfängliches & das eintausendneunhundertfünfzehnte Gedicht

Schmuck eines Gartenrestaurants in Rabat

Im Dazwitscher

Wie zum heimlichen Atemholen
Säuselt die Ruhe vorm Wind,
Streift durch die Fellhärchen schlachtreifer Fohlen,
In denen der Blutstrom gerinnt ...

Und wieder einmal stürzt sich wild dein Vertrauen
Voller Maßlosigkeit aufs Buffet!
Und schon wenig später, darauf darfst du bauen,
Tut's nochmal und doppelt so weh.

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