Potsdam & das fünfundneunzigste Gedicht

Kolonie Alexandrowka

Potsdam. Flaneurpromenade meiner Berliner Zeit. Aber zu viel Idylle reizt auch. Selbst in der Kolonie Alexandrowka.

Nichts Schlechtes über Potsdam

Du nennst dich selbst nur Nachgeburt
Gesäßabszess und Randgewächs im hehren Glanz Berlins
Du, liebes Potsdam, richtest dich
Fatal brutaler, radikaler als du, Potsdam, es verdiens'
Schimpfst dich verzog'ner Kinder Stube
Und Möchtegerners Jauchegrube
Sag, glaubst du, Potsdam, selbst den Mist
Dass du statt Stadt nur Kotzkram bist?

Da schaut die Stadt mich an und klagt:
"Das hab ich alles nie gesagt!"

Wie bitte? Stimmt. Das war ja ich
Na, wie gesagt, es stimmt ja nich'!

Fraunhofer & das vierundneunzigste Gedicht

Die Stützen der Geselllschaft

Eine Stütze im vollends verslammten Terminkalender: Die Stützen der Geselllschaft.

Das Schützen der Gazellen

Die Stützen der Gesellschaft
Sie schelten den Geparden
Er nutze seine Schnellkraft
Zu der Gazellschafts Schaden

Lorelei & das dreiundneunzigste Gedicht

Lorelei

Auf der Rückfahrt von Koblenz, aus dem Zug heraus: die olle Lorelei.

Romantischer Abzählvers (für Kinder ab vier Jahren)

Lore, leih mir kurz dein Ohr
Und ein Stück vom Ofenrohr
Irgendwann läuft's drauf hinaus
Du gehörlos, Ofen aus

Koblenz & das zweiundneunzigste Gedicht

Koblenz Rhein

Stadt vs. Jahreszeit Crossover.

Kobenlenz

Wenn's Lenz wird und im Schweinekoben
Frisch abgenabelt Ferkel toben
Weil, immer wenn sich's Leben mehrt
Der Start gelingt ganz unbeschwert
Da ringelschwänzt die Leichtigkeit
Wo ich als Bauer ein nich' schreit'
Ich weiß ja, wie die Aktien steh'n
Die haarlos überm Rost sich dreh'n
Doch für diesen Moment
Und zu hundert Prozent
Besinn' ich mich innig, um all dies zu loben
Das Leben, die Ferkel, den Lenz und den Koben

Deutsches Eck & das einundneunzigste Gedicht

Deutsches Eck Koblenz

Wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst. Aber flussaufwärts ist es romantischer.

Deutsches Eck

Sagt, was könnt sich nasser küssen
Als die Wasser von zwei Flüssen?

Substanz & das neunzigste Gedicht

Substanz Poetry Slam

Zurück in München. Zurück im Substanz. Mein zwanzigster Auftritt dort. Damit mein am zweithäufigsten besuchter Slam. Und ein Auftritt steht dieses Jahr gar noch an.

Slam und Substanz

Schau, die Macher schöner Worte
Locken wieder an zum Orte,
Wo in langen Warteschlangen
Hintenan harrt hart am bangen:
Wer da zum Durchquer'n der Pforte
Eine Bahn zu spät gewählt -
Wird wohl nicht nicht mehr 'reingelangen,
Weil beim Slam das Timing zählt.

Dort drinnen durchdringt das Gedränge im Raum
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum,
Dass bald im Strahl der Wortkaskaden
Nackige Gedanken baden.
Schön berauscht von Show und Schaum
Krönt man einen Slam-Nomaden.

Mal gewinnt was haltlos Grelles,
Manchmal auch was Substanz-ielles -
Slam-Ruhm ehrt den Star nie lange
Und verweht auch allzu schnell. Es

... ist um eins nur keinem bange:
Ewig währt die Warteschlange.

Ulm & das neunundachtzigste Gedicht

Münster Ulm

Ich weiß, der Titel "Größter regelmäßiger Slam der Welt" ist hart umkämpft. Offiziell gar nicht mit im Rennen, aber mit 670 Zuschauern verdächtig: Ulm. Anscheinend unwidersprochen hat das Münster der Stadt aber mit dem 161,53 Meter hohen Turm den höchsten Kirchturm der Welt. Ist ja auch was.

Das Schiff

Gestrandet ruht das Kirchenschiff
Eingepfercht im Häuserriff
Wartend auf 'ne Sintflut

Denn, steht dann der Wind gut
Geht es los auf große Fahrt!

Doch, weil Regen unterbleibt
Jenes Schiff nach nirgends treibt

Steht nur stumm
Herum
Und harrt

Bodenseerückquere & das achtundachtzigste Gedicht

Bodenseefähre

Auch auf dem Rückweg: Fähre bevorzugt. Scheiß auf Umwege & Fahrtkosten.

Auf See

Das Bugwellenmantra zum Wummern
Der Dieselmotoren - wir schlummern
Wie tief auf dem Grund der beschifften Kanäle
Im Tiefdruck der Walgesang covernden Stähle
Und dämmern und dämmern und dämmern dahin

Grüß mir die Genossen vom Sonnendeck
Erklär ihn'n den Haken am Kreuzfahrtgewinn
Und sag ihn'n: Beschwerden hab'n eh keinen Zweck!

Das Bugwellenmantra pfropft in unsre Ohren
Begleitet vom Wummern der Dieselmotoren

Olten & das siebenundachtzigste Gedicht

Olten Schützi Poetry Slam

Eine Bühne wie gemacht für ...

Tage, da wir

Tage, da wir unbescholten
Wohlgemut durch Olten tollten
Bis uns die Äbtissin'n grollten
Dass wir uns verpissen sollten

Jahre später Schreibtischtäter
Schunkelnde Familienväter
Trunken unter grau'n Girlanden
Tauchschein letztes Jahr bestanden
Krass gut drauf und Maske auf
Dinge nehmen ihren Lauf

Längst ist versunken, was wir wollten
Sagen: Rosebud, meinen: Olten

Aarebrücke & das sechsundachtzigste Gedicht

Aarebrücke Olten

Auf dem Weg zur Schützi Olten. Der Fluss summt Simon & Garfunkel.

Bridge, trouble, water

Was weiß denn das Wasser vom Trouble der Brücke?
Vom zähen Verankern auf beiderlei Seiten
Vom Dinge Verbinden, vom Schließen der Lücke
Vom Menschen zu anderen Ufern Geleiten

Selbst massiges Gleiten
So stur wie bedächtig
Strömt es durch die Zeiten
Und glaubt, es sei mächtig

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