Gesang & Musik

Gedichte, in denen musiziert oder gesungen wird.

Unter Birken & das zweihundertsechsundsiebzigste Gedicht

Landpark Lauenbrück

Open Air im Landpark. Mit Wald.

Die kleinen Stämme

Wir gerippigen Bäume können nicht richtig schwingen
Wir wippen und kippen dann um, doch wir singen:
"Wenn jeder hier mitmacht, dann schaffen wir Wald
Und sind uns einander bezweigend ein Halt!"

Doch sind wir es nur vorübergehend
Schon stürmt ein Wind, uns niedermähend
Den Schwunggewandten Platz zu bereiten
Welche in die geschaffenen Astlöcher gleiten

Wir wippen und kippen, wir steh'n hier nicht lang
Wenn wir auf was stolz sind, ist's unser Gesang

Saitenwechsel & das vierzigste Gedicht

Regenbogen Kauai

Wie ausgemacht, ein längeres Gedicht zu jedem Zehnerschritt in Sachen Gedichtmengensteigerung. Und ein Foto von Kauais Morgenhimmel, das leider auch schon wieder drei Wochen alt ist, aber wunderbar beweist, dass es Orte gibt, bei dem das Bildverarbeitungsprogramm mäkelt: "Und was soll ich hier jetzt noch groß anstellen?"

Die Symphonie von der Guten Saite

Pizzicato, summ, summ, summ -
Das war schon das Präludium.
Da tanzt und resonanzt es im Holz
Zum ersten Satz: Des Streichers Stolz

Wenn ich mein streichzartes Bögelchen führ'
Und mehr wie behauchend die Saiten berühr',
So lausche ich flauschig in Rausch mich und spür':
Dies ist wohl des Daseins vortrefflichste Kür.
Fast kommt der aus Klängen gewobene Flor
Mir nicht wie von Menschen Geschaffenes vor -
Eh'r wie hehrste Sphären verehrender Äther,
Der and'ren verwehrt bleibt - doch mehr dazu später.
Noch soll keine Unbill mein Hinschwelgen trüben,
Noch zeichnen wir Streicher alleine die Welt
Auf Saiten, der'n Schwingung'n vom Üben und Üben
Gesotten sind, dass es den Kosmos erhellt,
Wenn wir unisono die Korpora melken -
Von Genius, Mühen und Sorgfalt genährt -
Und ein Wohlklang erblüht aus dem ewigen Welken,
Der uns Audienz bei den Göttern gewährt,
Dass man sich blass verneigen will
Vor Kontrabass- und Geigenspill.
So vieler Bögen Harmonie -
Sie streichen - weich, als flögen sie!
Gar hingebungsvoll laden der Klänge Kaskaden
Des Labsales selig in ihnen zu baden ...
Diese Eintracht im vielstimmig gleitenden Singen
Wenn zarghaft auf Viersaitern Streichbögen schwingen
Wie im Spätsommerabendwind wiegende Gräser
Und dann ertönt Satz 2: Der Einsatz der Bläser

Wie ein Wettereinbruch, der da stürmt ohne Charme!
Plötzlich herrscht Benjamin-Blümchen-Alarm:
Torööö! Oh, nö - ihr ignoranten,
Groben Bierzeltmusikanten
Von Militär und Ufftata
Mit Froschgesang und Jagd-Trara!
Ihr aufgeblas'nen Backenspacken
Versabbert Eure Lautattacken
Mit rohrblätterröhrenden Dröhnen und Tröten
Wie das quäkende Stöhnen verendender Kröten!
Monströses Getöse und sudelnd Gedudel,
Verhunzendes Grunzen sich schnäuzender Pudel!
Ach, mundstückzerdrückt quält sich Luft zum Gelärme,
Das auch noch den wohligsten Wohlklang durchdringt
Und unnuanciert wie vom Blähen der Därme
Schier kakophonisch Idyllen bestinkt.
Mann, ihr versifftet bereits Mahlers Symphonien,
Tschaikowski und den Lohengrin!
Mann, haltet die Klappen - und auch die Ventile!
Ihr Bläser mögt laut sein - wir Streicher sind viele.
Und hat nicht der Lyra-verliebte Apoll
Marsyas ob seines Geflötes gehäutet?
Erschein'n auch der Griechen Geschichten leicht oll -
Ihr ahnt vielleicht, was das für Euch gleich bedeutet?
Es folgt wohl nicht von ungefähr
Satz 3: Des Geigers Gegenwehr

Ihr Hinterbänkler habt gedacht,
Dass Ihr hier ein'n auf Lauten macht?
Wohl, Schergen vom Orchestergraben -
Wollta Ärger? Könnta haben!
Ich zürne Eurem tumben Tross,
Ihr Satyrn des Dionysos!
So ward - im Namen des Apollo -
Trötentöter ich, jawollo,
Und pirscht' mich an - des Wohlklangs wegen -
Die röhr'nden Hirschen zu erlegen!
Vor meines Klappstuhls Schnappschafott
Verstummten Tuba und Fagott,
Oboen flog'n im hohen Bogen
(weil sie halt nicht so viel wogen),
Um ihre Trompeten beteten
Die dies Getöse säteten -
Doch alle Erben der Schalmei
Wurd'n Blechschrott oder Kleinholzbrei!
Und klar, auch von den Klarinetten
War da nicht mehr viel zu retten.
Zerbrochen die Flöten, peu-a-peu'chen,
Bestenfalls noch Piccolöchen!
Und den Bogen empor, deklamier' ich den Sieg
Vom Widerstand - und der Musik!
Doch nun macht das Ensemble, zu dem ich gehört',
So voll theatralisch auf Wir sind empört!
Gar strafend starrt mein Dirrigent,
Weil irgend'ne Flötistin flennt.
Ach, Undank ist der Welten Lohn –
Und unsanft greift zu mir auch schon
Ein Sicherheitsmann, der mir kundtut, ich würd'
Vollzugsbeamtlich abgeführt,
Bekäm' zudäm, Schockschwerenot,
Noch lebenslanges Hausverbot.
Nun, schafft dies Stück hier noch die Wende?
So hört die Coda: Happy Ende

Denn nach einer Nacht, versenkt in Sorgen,
Lese ich am nächsten Morgen
Im Schlagzeilentau des Lokaljournalismus:
"Schwerer Fall von Vandalismus"
Im Konzerthaus, da wütete, so sagt der Bericht,
Ein irr geword'ner Bösewicht.
Doch am Ende des Artikels steht - oh, Triumph ungeahnt -
Was mir zeigt, dass ich doch zurecht nicht gewichen -
Dass all die Konzerte, die im Hause geplant -
Sie würden auf unbestimmt komplett
Gestrichen.

Elbstrand & das dreißigste Gedicht

Övelgönne Strand

Notorischer Elbstrandspaziergang von Övelgönne zum Jenischpark. Damit habe ich vier Jahre in Hamburg verbracht. Manchmal bin ich bis zur Schiffsbegrüßungsanlage durchspaziert. Etwas autistisch, aber gut fürs Texteschreiben. Apropos: Es war geplant, jeden zehnten Eintrag mit einem neuen Langgedicht zu bestücken - und direkt beim zwanzigsten Gedicht habe ich diese Vorgabe schändlich missachtet. Soll nicht wieder vorkommen, auch wenn das Schreiben von 36 langen Gedichte innerhalb eines Jahres mit Sicherheit ein zu ambitioniertes Ziel ist. Zumal in dieser Zeit auch 330 kurze Gedichte und ein Reiseroman geschrieben werden und 188 Auftritte absolviert werden müssen. Gottseidank gibt es noch ein paar unveröffentlichte Gedichte aus dem letzten Jahr, mit denen ich ein bisschen Boden gut machen kann - und die wie das folgende auch bisweilen während der Tour vorgetragen werden:

Der Paukist

Ja, und dann bin ich eben Paukist geworden ...
Vergiss es, Freund, dafür kriss' hier keene Orden!
Weil du nur der Anderen Schlagschatten bist,
Den man leicht auf Konzerttour am Rastplatz vergisst.
Nun, die anderen form'n Rudel
Mit ihrem Gedudel:
Den Bläser belässt man ihr blasiertes Clübchen -
Die Geiger hingegen ein eigenes Grüppchen.
Und dort gut integriert ist ein jeder Solist -
Da Du meist einfach solo bist!
Und wo andere fesch sich ihr Star-Sein ergeigen,
Sollst Du nur für's Dasein Dich demütig zeigen!

Ich red' das nicht schlecht - man ist halt der Paukist.
Und der weiß, dass das Leben oft ungerecht ist.

Ich steh', von Trommeln eingekesselt,
Vorm Publikum, das, feist hingesesselt,
Schon schwelgt in den Sümpfen symphonischer Welt.
Nur ich verbleib' statisch, bereitgestellt.
So wart' ich hier artig und introvertiert,
Derweil ja in mir purer Rhythmus pulsiert.
Allzu oft drang vom Rang schon der Spruch in den Graben:
"Guck Dir den an! Den Job möcht' ich auch mal gern haben!"

Mitnichten ist's so, dass mir, ehrlich gesagt,
Die Spärlichkeit meines Dazutuns behagt.
Denn so stoisch ich harre, so rauschlos der Schauer
Einer klanglich belanglosen Kurzeinsatzdauer.
Wenn filzkopfgeklöppelt, mit gedämpftesten Ton,
Ich treulich traktiere mein Membranophon,
Um die Wunder, die andere munter servieren,
Mit mumpfdumpfen Wummern zu unterminieren.
Und kaum, dass der Wind meiner Wirbel verraucht -
Kolportiert wer: "Na, dös hätt's nu aa net gebraucht!"

Ich red' hier nichts schlecht, ich bin halt der Paukist.
Und der weiß, dass das Leben oft ungerecht ist.
Aber auch, dass der Ratschlag nicht allzu viel taugt:
"Na, hätt'st vielleicht besser Klavierspiel'n gepaukt!"
Denn nur Perkussion ist mir Lust und Passion,
Ganz ohne Verdruss bin ich Rhythmusstation
Denn betracht' ich den Rest des Ensembles verstohlen,
So erscheint mir ihr Treiben oft wie Kapriolen
Von genügsamen Welpen im verspielten Gewühle -
Das weckt in mir steckende Muttergefühle.
Dieses Rackern der Kleinen - so gelöst wie possierlich -
Da bin doch ein viel, viel, viel größeres Tier ich,
Das drachengleich mit einem Schlag
Mag richten über Nacht und Tag.

Denn versenk' ich die schlägelbeschlagenen Hauer,
So macht dieser Hit nicht nur einmal kurz Aua!
Wenn Schlag auf Schlager die Felle erdröhnen,
Wird dies Euch Versager komplett übertönen!
Ganz ohne Schrei'n ist Oskar dann
Gehörig stör'nder Ballermann!

Schon immer lag's in meinen Händen
Die ganze Euphonie zu schänden!
's scheint selbst die Macht des Dirrigenten
In Schlagkraft deutlich different, denn
Klar, hat der Herr dort ein Stöckchen dabei -
Doch ich habe derer dann immer noch zwei!

Bedarf es Euch Kletten noch weit'rer Betonung?
Es rettet den Abend nur meine Verschonung!
Denn vergäß' ich zu zähm'n die Zerstörungswut,
Bekäm' dies dem Gehör nicht gut!

Nun gut, nur zur Beruhigung:
Glaubt mir, zu derart Übersprung
Verschlägt mich nichts, oh nein, ich glänz'
Mit ausgeprägter Resistenz!

Im Kesselgulag steh' und wart' ich -
Geduldig, duldsam und schlag-artig,
Verkaufe weiter unter Wert mich,
Bleib' im Einklang und konzärtlich.

Nein, ich spiel mich nicht auf hier - ich sag nur, wie es is', denn
's wäre fairer sie achten auch auf den Paukisten.
Dessen Klasse sich am Unterlassen bemisst
Obschon da die Welt doch sehr ungerecht ist.

Ausritt von Köln & das dritte Gedicht

Rheinbrücke Köln

Warum hat eine Stadt wie Köln diese idiotischen Computerstimmen-Haltestellenansagen in seinen Öffis? Die habe ich das letzte Mal in Dachau gehört und die Theorie entwickelt, dass sich die Entwickler solcher vollends gescheiterten Technologien vor allen an die willensschwachen Kämmerer unserer Kleinststädte heranmachen, um ihren Mumpitz als zukunftsweisend zu verschachern. Aber Köln sollte sich doch zu fein sein, einen Multimedia-Krämer überhaupt nur in Rathausnähe zu dulden. Der Deal muss wohl in einer willensschwachen Zeit zustande gekommen sein. Ich tippe auf irgendwas mit Karneval. Und hinterlasse flott dieses Spontangedicht:

CMB/AC/DC (Dom vs. Strom)

Wenn Greisinnen die Kohl'n hol'n,
Die Terrier beim Kraul'n howl'n,
Vorm Stadion die Cool'n hool'n,
Der'n Wunden nach dem Keil'n heil'n,

So möchte ich in Kölns Höll'n
Gleich Angus Young Hells Bells böll'n.

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