Gesang & Musik

Gedichte, in denen musiziert oder gesungen wird.

Warschauer Himmel & das eintausendeinhundertzweiundvierzigste Gedicht

Warschauer Straße S-Bahnhof

Dem Äther

Radi - Radi - Radio,
Ich drehe am Rad deiner Sendersuche
Und flüchte mich ins Irgendwo,
Getrieben vom seiernden Deutschpop-Eunuche.
Wissend:
In dem Gerausche der Ultrakurzwellen
Gibt's die momentelang richtigen Stellen,
Die wandernd der lot-rote Strich für mich findet
Und Gerättreue kurz an Bestätigung bindet.
Erinnernd:
Die matt hinterleuchteten Stadtnamenskalen
Im Musiktruh'n entströmenden Röhrengeruch,
Die 'nem Dreiersprung folgenden Megaherzzahlen
Am Radiorecorder nebst Bandsalatfluch.
Mixtape-alert auf der Suche nach Stil
Stieß ich tiefnächtens aufs Herz von John Peel,
Gab ihm die Lizenz, mir die Nächte zu stehlen
Mit krudem Kram aus noch verdecktem Gefallen -
Den würde mir Spotify niemals empfehlen!
In solch Algorithmen riecht alles nach allen.
Verklärend:
Auf Grundig und Blaupunkt brach ich dereinst auf
Zu landen an Stränden von neuen Instanzen.
Von Sony und Sharp nahm ich Flotten in Kauf,
Als Worte und Klänge mich lehrten zu tanzen.
Abwehrend:
Du maulst gekränkt, hier fehle die
Probierkraft der Community -
Der autarkische Schwarm sei der Held vom Gedichte!
Das ist vielleicht nicht grundverkehrt,
Mir bleibt's ein Reichtum ohne Wert -
Das wird später deine, nie meine Geschichte.

Elbphilharmonie & das eintausendeinhundertsiebenunddreißigste Gedicht

Detailansicht Elbphilharmonie

Die Nebenjobs der Elphi-Elfen

Hart fistende Harfenistinnen
Sind gewiss im Hafen die
Im Binnenschoß bespritztesten
Protagonisten der Elbharmonie.

Olympiapark & das eintausendeinhundertachtzehnte Gedicht

Schnnee im Olympiapark

Dauercamper

Wir sind schon zu lange in Ferien vor Orte
(Dieser DJ spielt immer das gleiche!):
Wir lümmeln wie auf unserm Strandtuch Verdorrte -
Im Swimmingpool dümpelt 'ne Leiche.

Wir sehen uns vorsätzlich fassungslos an
(Ey, Liquido geh'n nicht mal ironisch!):
Schon vorm Rooftopbar-Sundowner fragst du "Und dann?" -
Unsre Restauswahl lichtet sich chronisch.

Wir ringeln uns ein in die Post-Wiederholung -
Sind die Abreisezyklen so zwingend?!
Der Tag fädelt ein in die WiderErholung
(Diese Setlist ertrag ich nur singend!): ...

St. Patrick & das achthundertsiebzehnte Gedicht

St. Patrick's Day Umzug München

Für Shane M. et al.

Groll' nicht den Drogen der Irrfahrten wegen
Ohne sie gäb' es gar keine Reise
Trünn' auch nicht ab von des Alkohols Segen
Denn wer will die Welt doppelt so leise?

Nun wiegt dich die Zerbrechlichkeit
Zu dem Sermon "Das war zu erwarten"
Der gern als nebensächlich weiht
Allen Ungestüms prächtigste Taten

Beginn'n auch meiner Jugend Helden
Sich nacheinander abzumelden
Für den Rest meiner Zeit rühr'n sie tief durch die Knochen
Schür'n hinter dem Vorhang vom einstigen Brennen
Ich hab' meine Seele längst zigmal erbrochen
Aber vier bis fünf Songs lang kann ich sie erkennen

Isaruferweg & das siebenhundertsechsundneunzigste Gedicht

Isaruferweg

Wishlist für das Totenspalier (Meine Mander)

Hier kommt meine Wishlist fürs Totenspalier
zu den Recken der Family wünsche ich mir:

Zunächst Tom Waits und Thomas Bernhard
Marlene Dietrich, Robert Gernhardt
Rivers Cuomo und Billy Bragg, Harry Belafonte
Orson Welles und Friedrich von (wie man ahnen konnte)

Falls noch Platz im Kirchlein ist:
'nen Comedian Harmonist
und dann können gleich daneben
auch The Cure ein Ständchen geben

Das hört sich dann leicht neidisch an:
Der Kaiser Maximilian

Maximilian I. von Habsburg hat für sein Grabmal 40 überlebensgroße Bronzefiguren in Auftrag gegeben, von denen 28 den – leeren – Sarg in der Innsbrucker Hofkirche eskortieren. Diese "Schwarzen Mander" stellen Familienmitglieder sowie von Maximilian auserwählte Persönlichkeiten dar.

Eisbachwelle & das siebenhundertachtundsechzigste Gedicht

Eisbachwelle

Warnung vor der Runde (Die Schöpfer schöner Töne wie der widerlichsten Worte)

Obacht, die Macher schöner Worte
Lungern wieder rum vor Orte
Und die Schöpfer schöner Töne
Stimmen ein in das Geklöne!

Sie lauern auf dich arglos Hör'nden
Hol'n dann aus zum grundverstör'nden
Tunichtguten Timbreschwall
Und: Ja, dies ist ein Überfall!
Met Rumgeballiterationen
Und Triointerpretationen!

Spürst du, wie die Terrorzell'
Schert sich in dein Trommelfell?
Kein Flimmerhaar bleibt ungeschor'n
Beim Spliss bis über beide Ohr'n
Die zupfen und ziehen, die greifen und beißen
Die blasen und schlagen, die rupfen und reißen
Nur genügt's denen nicht, dich massiv zu rasier'n
Die woll'n dich mit Klängen lasziv penetrier'n!

Sie umschwirr'n dich wie zierlichste Cheerleaderchicks
Und bezirzt von der Zierde stilistischer Tricks
Zieht's dich hin zum Geysir ihrer Lautakrobatik
Verwirrt, irritiert ob der schieren Ekstatik
Bis sich glockenklar säuselnd
Und nackenhaarkräuselnd
Zungenzärtlich Schall ergießt
Als Wärmeschwall ins Herz zerfließt
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum
Der flauschig, wie durchhaucht von Schaum
Vor schierem Glück verzückt tonal
Dein blümerantes Lendental
Was dich, wiewohl man's anders schreibt
Zu wohligstem Ohrgasmus treibt

Du bist, mein Kind, so unverdorb'n
Drum schütze dich und deine Ohr'n!
Gib dich nie solcher Wollust hin
Denn Unheil ist des Wohlklangs Sinn!
Und lauscht du ihm zu unbekümmert
Wird vom Rausch dein Hirn zertrümmert

Obacht, die Macher schöner Worte
Lungern wieder rum vor Orte
Und die Schöpfer schöner Töne
Stimmen ein in das Geklöne ...
Nu wirste süffig eingesahnt!

Nur sag nicht, du wärst nicht gewarnt!

Schwanengesang & das fünfhunderteinundzwanzigste Gedicht

Zum Einstieg in eine neue Woche mal wieder ein etwas längeres Gedicht - in Slam-Länge, ohne je einem Slam ausgeliefert zu werden.

Meine Stimme

Ich werde nun meine Stimme erheben
Mit erhaben bebender Koloratur
Es verstummt und verdimmt alles übrige Leben
In huldvoller Ehrfurcht vor meiner Bravour
Und Erfüllung erfüllt noch den nüchternsten Raum
Flutet hinterste Reihen mit stimmigen Flüstern
Mein Timbre setzt trefflich zum Singflug an, kaum
Dass die Vorahnung schwanengleich ziert meine Nüstern
Dann ertönt Primadonner
Als wenn 500-Tonner
In Kolonnen der Menschheit Vokaltrakt beführen
Da durchdringt jeder Ton
Wie 'ne Oper-ation
Überwältigte schiel'n nach den Notausgangstüren

Noch bis in die obersten Ränge gesesselt
Ist von meinen Stimmbändern jeder gefesselt
Gebannt ob der Grazie der Präzision
Im Kitzel bezirzt vom Vibrato-Gezier
Schon ist meine Stimme nur Stimulation
Und Legato-geglättet, Staccato-bespickt
Wird die Opern-Air mit Resonanz eingedickt
Bis ins Tremolo schließlich ich reintriumphier'

Dass glockenklar säuselnd
Und nackenhaarkräuselnd
Sich zungenzärtlich Schall ergießt
Als Wärmeschwall ins Herz zerfließt
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum
Der flauschig, wie durchhaucht von Schaum
Vor schierem Glück verzückt den Saal
Zum blümeranten Lendental
Und ihn, obschon man's anders schreibt
Zu wohligstem Ohrgasmus treibt

Und in solchem Moment nimmt die Welt unsre Hand
Sie erklimmt mit uns Höhen, die keiner gekannt
Plötzlich öffnet sich vor uns ein Klangfarbenmeer
Alles Darben vernarbt, tiriliert frei umher
Und himmelsgleiche Leichtigkeit
Eicht unser Dasein für die Zeit
Da ich meine göttliche Gabe entfalte
Ja, in meiner Stimme, da zeigt sich der alte
Von uns angebetete Schöpfungsminister
Und entgrenzt meine Stimmlage aller Register
Dass ein Gipfelgefühl sich wie endlos verlängert
Die Luft von Dynamik und Reinheit geschwängert

Dann lass ich voller Anmut die Triller versanden
Lass alle Fregatten in Singapur landen
Elegant temperiert und mit Kraft ohne Müh
So dass jeder versteht: "Arien ne va plus!"

Und mit welchem Getös' kulminiert der Applaus!
Ja, mich hier zu erleben, vergrößert dies Haus!
Kaum einer begreift, was da mit ihm gescheh'n
Denn man hat nicht nur zugehört - man hat: geseh'n

Als ich später dann in der Solisten-Garderobe
Mich über mein Spiegelbild selbst stürmisch lobe
Da klopft's - mit zaghafter Schlagkraft, ganz leis'
Ich öffne - und vor mir: ein hagerer Greis
Sagt, indem er es tut: "I-ich möchte nicht stören
Und ahn', dass Sie das nicht zum ersten Mal hören:
Doch mir, der ja nicht grade jung ist an Jahren
Ist solch ein Belcanto noch nie widerfahren!
Ihr Singen hat mich, ich will sagen: berührt
So dass mein ergebenster Dank Ihn'n gebührt!"

"Ja, rührend! Ich rührte Sie? Herzig - und doch
Gäng's mir das Rühren, würd' ich besser Koch!
Den Konservatorien sag ich dann adé
Nenn' Topf und Konserven mein Spielfeld in spe
Statt Disziplin beim Kehlenquälen
Würd' ich ganz einfach Zwiebeln schälen!
All das Raucherkneipen-Meiden
Zittern vor Erkältungsleiden ...
Nee, schnell das Tischlein eingedeckt:
"Hast gut gerührt, hat gut geschmeckt!"
Drei gestrichene Löffel fürs gestrichene A
Sie hab'n ja recht - wie wahr, wie wahr:
Ich sollte für die Leute rühren!

Nun, um das kurz mal auszuführen:
Mir geht's drum, Menschen aufzuwühlen
Hochzureißen von den Stühlen
Sie zu baden in Gefühlen
Die sich weigern abzukühlen
Ich will Dinge verändern und neue gebären
Die ohne uns Sänger nicht vorstellbar wären
Und konnt' mein Gesang das bei Ihn'n nicht entfalten
So könn'n Sie den Blumenstrauß gerne behalten!
Wär mir mein Wirken einerlei
Gäb ich meine Stimme doch gleich 'ner Partei!
Adieu, ich will Sie nicht vergrätzen
Nur so mag ich Ihr Lob nicht schätzen!"

Und ohne ein Wort / Schleicht er sich fort
Doch kurz darauf - greift mich der Spleen
Dass mir der Herr bekannt erschien
Auch wundert mich, wie der Vagant
Den Weg zu meiner Türe fand
Da streift mich die Ahnung wie's Beil vom Schafott:
Der fremde Alte - das war Gott!

Hernieder gekommen von ganz, ganz oben
Mich für den Gebrauch seiner Gabe zu loben!
Wie leer schaut nun mein Schminktisch aus
Ohne seinen Blumenstrauß ...!

Wird er mich jetzt des Hochmuts strafen
Wie andre, die sich mit dem Herrn überwarfen?
Wird mir das Talent, das ich von ihm bekommen
In all seiner Durchschlagskraft wieder genommen?
Ist mein Charisma bald schon verlorenes Ringen
Werd' ich gar verdonnert zum chorischen Singen?
Muss meines süßen Timbres Weichheit
Verschwimmen in der Stimmengleichheit?

Ich erbitte mir Nachsicht, Herr - und hoff' nicht zu spät
Für meine Singularität!
Du segnetest umfangreich mit deiner Gunst
Die aus meinem Kehlkopf entschwebende Kunst
Dass sie die verstecktesten Winkel erfülle
Den Saal, das Theater, die Stadt gar umhülle
Diese Stimme, die auch noch den Kosmos verschlingt -
Bin doch selbst nur ihr Körper, auf der Bühne, der singt!
Und wenn ich Zorn auf das Lob meines Lehnsherren lenkte
Weil ich meinte, es tauge nicht für die Geschenkte
Wenn ich darob gestört deine himmlische Ruh ...
So, vergib mir, oh Herr, nur ...das stand mir auch zu!

Brüllaffe & das vierhundertachtundsechzigste Gedicht

Brüllaffe

Wem man so alles im Garten begegnet. Das tatsächlich lauteste Tier der Welt. Versammelt sich jeden Morgen um halb Acht neben meiner Hütte und grölt.

Brüllaffe (Punks not dead)

Du musst nicht gut sein, aber laut
Wer hätte dir das zugetraut
Dass all die streng gesetzten Hürden
Dich gar nicht int'ressieren würden?
(Derweil sie denken, du kannst nicht versteh'n
Hangelst du dich von der Acht auf die Zehn)
Und mosert wer: "Ganz schön bequem!" - sagst du: "Nein
Die Lautstärke Halten kann anstrengend sein!"
Wo And're von And'ren Gelehrtes verwalten
Musst du stetig Nichts zu was Großem gestalten

Singen & das dreihundertdreiundsechzigste Gedicht

Denkmal in Singen

Beinahe inflationär: ein zweites Singen-Gedicht!

Lied von Singen

Da kann ich mal ein Lied von Singen
... schon fällt's vor Ort mir nicht mehr ein!

Die Leut', wo uns Musik beibringen
Sind oft mit ihrem Lied allein

Offroad light & das dreihundertvierunddreißigste Gedicht

Chamäleon

Kurze Lemurenpause. Mit einem Vertreter der großen anderen Tiergruppe der Insel. Und einem Text zu einer gewohnten Situation: durch ein fremdes Land brettern zu Songs weit hinterm Verfallsdatum. Funktioniert sogar mit Ace of Base.

Secondary Road

Nie haben UB40 sich besser in die Landschaft geschmiegt
Als im stiebend verwehenden Pistenstaub
Red Red Wine, der in Schlaglöchern taktvoll versiegt
Und wir ruckeln mit ihm, gesäßmuskeltaub

Selbst Shakira ist ganz Mama Africa
Und plädiert für ein ewiges 2010
Wir pflügen mit ihr durch die Zebu-Schar
Bitten hupend Geflügel zu Seite zu geh'n

Wir sind vom Grounddreck fast erfasst
Beseelt, wie gut der Soundtrack passt

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