Feuer

Verse für die Choleriker, denen man Feuer, Sommer, Mittag und die Adoleszenz zuordnet.
Die appellativen und derben Gedichte.
Vom Schmägedicht bis zur Gossenlyrik. Auch mit einem Gedicht von Julia Engelmann, von mir selbst geschrieben.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Wasser entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Potsdam & das fünfundneunzigste Gedicht

Kolonie Alexandrowka

Potsdam. Flaneurpromenade meiner Berliner Zeit. Aber zu viel Idylle reizt auch. Selbst in der Kolonie Alexandrowka.

Nichts Schlechtes über Potsdam

Du nennst dich selbst nur Nachgeburt
Gesäßabszess und Randgewächs im hehren Glanz Berlins
Du, liebes Potsdam, richtest dich
Fatal brutaler, radikaler als du, Potsdam, es verdiens'
Schimpfst dich verzog'ner Kinder Stube
Und Möchtegerners Jauchegrube
Sag, glaubst du, Potsdam, selbst den Mist
Dass du statt Stadt nur Kotzkram bist?

Da schaut die Stadt mich an und klagt:
"Das hab ich alles nie gesagt!"

Wie bitte? Stimmt. Das war ja ich
Na, wie gesagt, es stimmt ja nich'!

Bodenseequere & das fünfundachtzigste Gedicht

Bodenseefähre

Nicht wirklich notwendig, den Bodensee zu überqueren, um nach Olten zu gelangen. Aber wirklich schön.

Was zu tun ist

Wenn der Horizont leer ist
Nur Himmel und Meer ist
So lang mög'n die Möwen den Ausguck besetzen
Sobald Silhouetten
Den Ausblick einfetten
Werd' ich jene Vögel - sacht - tödlich verletzen

Easy Isar & das zweiundachtzigste Gedicht

München Isarauen

Die zweite zweitägige Tourpause, die zweite Erkältung. Warum muss man sich gerade dann, wenn man sich erholen sollte, am dreckigsten fühlen? Zumindest das Isarufer hat sich von einer freundlichen Seite gezeigt, den folgenden Text aber nicht verhindern können.

WeltLebenArschloch

Hallo, altes Arschloch Leben!
Magst du mir wieder Saures geben?
Das schier mich in die Knie zwingt
Und scheue Euphorie durchdringt
Bis von dem Takt der Niederschläge
Ich zermartert, lull und träge
Kraftlos und berapplungsmüde
Letztlich optimismusprüde
Niederstrecke meine Waffen?!

Denkst du echt, das könnt'st du schaffen?

Anstatt mich hier ständig zu terrorisieren
Solltest du endlich die Welt korrigieren!
Die auch vom Trog des Daseins frisst
Und so wie du ein Arschloch ist

Darmstadt & das achtzigste Gedicht

Darmstadt City

Darmstadt scheint keine Stadt mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein zu sein. Die Dame vom Hotel erklärt den Gästen, dass es hier wegen des Krieges so wenig zu sehen gebe. Ich finde das Wetter zu schlecht, um mich auf die Suche nach einem gegenteiligen Eindruck zu machen, habe aber von früheren Besuchen die Mathildenhöhe in guter Erinnerung, die marginal in diesem Gedicht Berücksichtigung findet.

Kein Wort über Darmstadt

Nun bitte kein Wort über Darmstadt, Mathilde!
Da die Welt wie erfüllt scheint von Heiratsanträgen
Romantik und Anmut. Ich bitt' dich deswegen
Mir nichts zu erklären, ich bin ja im Bilde

Bitte sprich nicht über Darmstadt, nie!
Gäb's noch Dinge zu sagen, so flüstere sie
Durch die Streben von Gefängnistüren
Doch lass ihren Laut unser Glück nie berühren!

Mag sein, in der Stadt werden Dinge passieren
Die das Wort Überholspur bald neu definieren
Noch bleibt uns, von derlei nichts wissen zu müssen

Kein Wort über Darmstadt, ja? Gut. Dann komm küssen!

Oscar & das fünfundsiebzigste Gedicht

Elbsandsteingebirge

Gedichtstau! Wer hätte das gedacht? Von der Ost-Tour am Wochenende schweben noch fast zehn Gedichte in der Warteschleife, aber die Nummer 75 soll doch ein Langtext sein - aus der neu entwickelten Reihe der Oscar-Balladen, die davon ausgeht, dass neue Balladenstoffe den optisch übermittelten Mythen entspringen könnten. Hier, mit optischem Rückblick auf den Mittagsspaziergang in der Sächsischen Schweiz am Freitag, Teil 1 der Ladies-Edition der Oscar-Balladen:

Nina Sayers (Black Swan, Natalie Portman)

Du bist der perfekteste Schwan, Nina!
Stiebt auch ins Idyllne des Lebens Intrige,
Bleibt Deine Verwandlung im Plan, Nina!
So stirbst du denn schließlich im höchsten der Siege.

Reut oder freut Dich das jähe Vergehen
Einer, die von der Spitze ins Eis eingebrochen?
Kannst Du Dich schon in ihren Fußstapfen drehen?
Du bist ihnen emsig entgegen gekrochen.

Kapp Dir knapp Deine Nägel in Mamas Nest,
Denn das Rosa der Haut - es muss unzerkratzt scheinen.
Eine Hand wird zur Kralle, sobald man sie lässt.
Hör wie plüschentwachsene Stofftiere greinen:

Da ist Blut in Deinem Schuh, Nina -
Du bist nicht die Richtige für diese Rolle!
Man sucht das Prinzesschen, doch Du, Nina,
Bewahrst Deine bestens bewährte Kontrolle!

Schaffst Du es, vom Ufer Dich abzustoßen?
Gibst Du Dich hin dem schwarzen Kleid?
Deine Lippen sie tragen die Farbe der Großen -
Auf Kosten Deiner Ehrlichkeit.

Sieh dort im Spiegel die Undankbarkeiten!
Wo ist nur Mamas Mädchen hin?
Möchtest Du Deinen Weg via Kränkung erstreiten,
Entnabelt für den Neubeginn?

Stetig verrät Dich der Schorf auf dem Rücken -
Es nährt ihn die Zerrissenheit.
Lässt der garstige Zwang sich durch nichts unterdrücken -
Bist du wohl zu alldem zu wenig bereit!

Königin könntest Du sein, Nina -
Also öffne die Flügel fürs dunklere Ich!
Im Nest war's behaglich und rein, Nina -
Nun entzieh Dich der Welt, die gewacht über Dich!

Wart nicht auf ein Morgen im alten Leben!
Alles, was jetzt geschieht, das entlockte Dein Ehrgeiz.
Der hat Dir seit jeher Kontrolle gegeben,
Doch nun liegt im Schwindel der Hingabe mehr Reiz.

Spür das fedrig Leichte der Abgründigkeit,
Neue Lust im Urinduft der Nachtclubtoilette,
Treib ins Leben und zeig Dich zu allem bereit,
Zerreiß Dir die Zeh'n für die Prachtpirouette,

Die Deinen Durchbruch markiert, Nina -
Und endlich entschwebst Du dem neidenden Reigen!
Noch scheinst Du uns etwas blockiert, Nina?
Du spürst die Verwandlung - kannst Du sie auch zeigen?

Macht das Licht wieder an - hier wird noch geprobt!
Denn die zweite Besetzung, sie steht immer bereit
Und Ersetzbarkeit wird nicht vom Erdball gelobt.
So gebär Deinen Zwilling und stell dich dem Fight!

Gib niemals zu, dass der Druck Dich vernichtet,
Sondern zwing dich, die Augen in Blut einzutauchen!
Du hast Deine rosige Heimstatt vernichtet,
Um als schwärzeste Schwänin zum Angriff zu fauchen.

Da tropft Blut von Deinem Kleid, Nina!
Dreh Dich wie im Trance zu des Publikums Tosen,
Genieß es als Lohn für Dein Leid, Nina,
Lass Dich von dem Beifallssturm zärtlich umkosen!

Der Spiegelsplitter steckt in Dir.
Doch du hast es gefühlt: Es war alles perfekt.
Die ganze Welt steht Dir Spalier,
Hat den flatternden Traum eines Lebens geschmeckt.

Du warst der perfekteste Schwan, Nina -
Doch wird Dein Triumph hier im Siege versiegen.
Du hast Deine Chance nicht vertan, Nina -
Das Sprungtuch, es fing Dich. Und nun bleibst du liegen.

Berlin, zum Zweiten & das neunundsechzigste Gedicht

Der Himmel über Berlin

Berlin, zum zweiten Mal in fünf Tagen. Ich komme immer gerne in die alte Bruthöhle von sechs meiner Bücher. Aber ist man im Gegenzug eigentlich gern gesehen dort? Oder alles nur ein Missverständnis:

Zur Harmonie des Missverständnisses

Bewölkt bölkt der Himmel über Berlin:

"Ey, hörs' schlecht, du Pimmel?! Du sollst dir verzieh'n!"

"Ach, verzieh'n - hab ich dir doch schon längst!
Obschon du mich ja manchmal kränkst."

Montmatre & das einundsechzigste Gedicht

Paris Silhouette

Ach, voll vergessen: Da gab es gestern das sechzigste Gedicht - womit ein längerer Text gefordert war - und schon ist alles veröffentlicht und das Versprechen, in Zehnerschritten längere Texte zu präsentieren, zur Lüge geworden. Es ist aber auch so, dass sich der Rhythmus der Gedichte erhöht hat und hier längst mehr als ein Gedicht pro Tag landen. Außerdem steht - ganz frisch entschieden - für 2017 ein neues Marilyn's Army-Album an, für das jetzt die Texte geschrieben werden müssen. Bevor nun die Hyperventilation einsetzt, mag ich die Längere-Slamtext-Taktung auf 15er-Schritte eineichen. Und euch heute nachträglich mit einem der neuen M.A.-Texte abspeisen ... Ein neuer 5-Minüter dann bei Beitrag Nr. 75 - versprochen.

Unzerstörbar möglich

Du kannst mich jeden Tag hier sehen
Und mich auf einem Schlag verstehen
Es könnte mich auch int'ressieren
Welche Dinge Dir passieren

Doch es ist nicht so, es ist nicht so
Dennoch wird ein Teil der Welt stets
Unzerstörbar möglich sein
Unzerstörbar möglich sein
Unzerstörbar

Ich kann, sofern ich's mag, was drehen
Oder auf den Vertrag bestehen
Und wir könn'n laut hinaus skandieren:
Wir woll'n alles ausprobieren!

Doch es ist nicht so, es ist nicht so
Dennoch wird ein Teil der Welt stets
Unzerstörbar möglich sein
Unzerstörbar möglich sein
Unzerstörbar möglich

Wir könn'n laut hinaus skandieren:
Wir woll'n alles ausprobieren!
Nur es ist nicht so, es ist nicht so.

Eiffelturm, zum Zweiten & das sechzigste Gedicht

Paris Silhouette

Bis zu meinem Hotelzimmer sind es 110 Stufen (und es gibt auch keinen Aufzug). Daheim habe ich 96 Stufen zu bezwingen (und es gibt auch keinen Aufzug). Da erscheinen die 669 Stufen zur zweiten Etage des Eiffelturms beinahe etwas wenig. Und es gibt durchaus einen Aufzug. Aber:

669 Stufen

Ob als

"Papa, ich will Pommes!"-Nöhler
Städteausflug-Bustourist
Preissensibler Interrailer
Oder Birthday-Amourist -
Auch auf meiner Lesetour
Nahm ich stets die Stufen nur

Sollte ich einst, schon erlahmt
Mich noch hin zum Turme schleppen
Tragt mich hoch zum letzten Mal

Aber bitte nehmt die Treppen

Eiffelturm & das neunundfünfzigste Gedicht

Marsfeld und Eiffelturm

Der freie Tag in Paris. Und endlich Sonne. Sightseeinggemäß.

Zurredestellung

Was willst du denn noch hier von unserer Stadt,
Du aufgeregter Turm?!
Du Stahlgelüste Rüst- und Wüstling
Höchst emporgeleckter Wurm
Sag an - aber so, dass wir's unten versteh'n!

"Mann, ich mach keinen Ärger - ich will hier bloß steh'n."

Hoch hinaus & das fünfzigste Gedicht

Davos Walhalla-Bar

Und schon ist das Jahr 50 Gedichte alt. Wie zu jedem Zehnerschritt gibt es einen langen, bislang unveröffentlichten Slam-Text.

Der spätbarorokokoschokrokoladile wolkenumwobene speckige Putto

Oh, Du spätbarorokokoschokrokoladil-
er wolkenumwobener speckiger Putto,
Dort im Harfen- und Engelstrompetenfanfar'nspiel,
Hör: Ich darbe am irdischen Daseinsdreckbrutto!

Ist denn netto für mich noch ein Plätzchen dort oben
Im Seraphim-Cherubim-Engel-Gedränge?
So nutz' ich die Restzeit, frohlocken zu proben,
Das "Luja!" zu schrein, Hosianna-Gesänge.

Du und ich, Du, wir werden uns prächtig versteh'n
(sofern dies nicht jetzt bereits unlängst gescheh'n),
Denn scheint meine Schulzeit auch recht weit entfernt -
Ich hab da mal neun Jahre Englisch gelernt.
Diese bis zur Entrückung beglückende Sprache!
Wie verirrt wirkt ihr schier irisierender Rhythmus
Inmitten der klanglos belanglosen Brache
Des fitnessverbissenen Frühklassizismus,
Der auf Inbrunst verweigernder Grätendiät
Alle himmlische Pracht und Ornate verschmäht!

Welch Balsam ist da die Gesamtsinnlichkeit
Deiner lausbubkeck-rosigen Pausbäckigkeit!
Du, als leibhaft-beseelende Lichtgestalt,
Erspar mir dies Diesseits! Wenn möglich, alsbald.

Ich will Rokoko statt Rohkost-Flow!
Will Goldbrokat statt Brokertratsch,
Statt Mailterror Rocaille-Dekor!
Gib meiner barocken Barhocker-Sehnsucht ein Nahziel,
Du spätbarorokokoschokrokoladil-
er wolkenumwobener speckiger Putto!

Egal, wie man's rechnet - ob netto, ob brutto,
Es zeigt sich: Ich komme hier unten nicht weiter.
Und da mein bisschen Legende schon rinnet dahin,
Gilt mein Paternoster der Jakobsleiter -
Die gäb' meinem Leben erhebenden Sinn!

Oben robbt' ich dann durch Wolkenflausch,
Durch cumulust'gen Dunst mich empor,
Beschwingt vom ersten Manna-Rausch,
Zur Eckfahne vom Himmelstor,
Wo in schwungvollen Posen am Bildausschnittrande
Tummeln sich die Puttogrüppchen
Wie 'ne quirlige, handzahme Meerschweinchenbande,
Ein kindlich ergebenes, fröhliches Clübchen,
Welches mondköpfig lächelnd und entzückend verzückt,
Lockig gescheitelt, insignienbestückt
Mimt den Babyface-Fanclub der Erzengel-Helden
Die da mahnen und warnen und Großes vermelden.

Na, es ist die Cloud ein artenreicher
Engel- und Zierratespeicher!
Doch mir schwebt nur ein Dasein als Putto im Sinn -
Ich denk', von der Größe kommt's auch besser hin.

Ihr schwebt so spielerisch leicht, so erlöst wie pomadig,
So spätbarorokokoschokrokoladig,
In nackiger Unschuld und arglosem Spiel,
So bürschchenhaft pummlig, geschlechtslos-subtil,
Ganz barbrüstig und unbehost,
Nur sittsam von 'nem Tuch umkost.

Gerne winde auch ich mich in vergoldeten Fleece.
Doch was ich diesbezüglich bewund're, ist dies:
Dass, so tänzerisch auch Eure Posen,
Ihr zeigt Euch stets auch ohne Hosen
In alles bedeckender Züchtigkeit -
Ein Punkt, wo Ihr echt tüchtig seid!

Denn, sorry, dass ich das jetzt so direkt sage,
Bei mir ist es so, dass in jedweder Lage
Mein Togatuch zur Seite rutscht
Und das Gemächt ins Freie flutscht,
So dass sich mein Anblick verkürzt, gar verroht zum:
Entglittenem Glied über pendelndem Skrotum.
Schaut's Publikum dann himmelwärts,
Sieht's immer nur 'nen Pimmelscherz.

Ja, das ist das Los des Slam-Poeten:
Er mag zwar große Sprüche beten
Und in huldvoller Ehrfurcht nach Höherem streben -
Sein Körper weiß, in diesem Leben
Kürt die Jury Spleeniges
Und Unter-Gürtel-Linieges
Also leiert er von sich das alte Geschwengel
Und feiert den Sieg als gefallener Engel.

So entgrenzt unser Streben nach irdischer Gunst
Sogar noch des Rokokos Ausstattungskunst.
Doch jedes Stück, das überschmückt,
Zum End' Dich wieder niederdrückt.
Denn wer mit Entblößung sein Textfeld bestellt,
Der erntet kein Wort zur Erlösung der Welt.
So muss man weiter unten bleiben
Und muntermüde Schundzeug schreiben.

Dass ich dessen bewusst, trotzdem unverdrossen
Und herzhaft entschlossen
Nach all Deiner Gnad ziel',
Du spätbarorokokoschokrokoladil-
e, himmelhochjauchzende Luftgestalt,
Ist, weil ich gelob' mich zu bessern, ja wirklich, schon bald -
Ganz sicher in den näxten Täxten!
Da halt' ich bedeckt, was man besser versteckt,
Schreib' 'ne Spur eleganter, im Worte gewandter,
Dass ich ohne Mätzchen und Weh mich dann kleid'
Für's Plätzchen in der Ewigkeit.
Denn Slammer sein ist nicht so schwer - but to be a putto sehr!

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